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Stopp, Kanzlei!
Guerilla-Marketing, U-Bahn-Werbung, Großplakate - Freiheit hat Ihren Preis
Carsten Hoenig (55) ist ein Anwalt in Berlin-Kreuzberg mit bewegter politischer Vergangenheit. Als er eines Tages liest, dass die Gruppenmannschaftswagen der Berliner Polizei ausgemustert werden, ist er traurig. „Die Wanne hatte Kultstatus.“ Doch Hoenigs Freundin entwickelt einen Plan. Die Wörter „Polizei“ und „Kanzlei“ haben die gleiche Buchstabenzahl. Da lässt sich doch etwas draus machen. Hoenig findet heraus, wo die alten Truppentransporter versteigert werden und dann hilft ihm, dass er während seiner Studienzeit im Gebrauchtwagenhandel gearbeitet hat.
Im Jahr 2005 kauft er für 2.000 Euro eine „Wanne“, ein altes Schlachtross mit Beulen aus diversen Straßenschlachten. Er steckt noch mal die gleiche Summe rein und schon wirbt das einstige Vehikel der Ordnungsmacht für die andere Seite: „KANZLEI“. Die Internet-Adresse verrät, welche Kanzlei gemeint ist. Fertig.
„Als erstes habe ich sie direkt vor die hiesige Anwaltskammer gestellt. Ich wollte es wissen“, sagt Hoenig. Die Kammer blieb stumm und die Kanzlei-Wanne begann ihren Zug durch Berlins Bezirke und die Berliner Zeitungen. Ein nostalgischer Jux? „Nein, das ist wirklich ein effektivesWerbemittel“, sagt Hoenig. „Wir richten gerade unseren
gesamten Auftritt danach aus.“ Mit der ungewöhnlichen Kombination Straf- und Motorradrecht hat sich Hoenig die Motorradfahrer- und Rocker-Szene erschlossen. Wo in Berlin viel Verkehr fließt und wo sich Motorradfahrer treffen, steht dann häufig auch die Kanzlei-Wanne, je nach Event auch schon einmal ein paar Tage länger.
Allerdings begannen bald die Probleme: Das Finanzamt versagt die Eingruppierung als Büro-Kfz und verlangt 1.400 Euro Steuern im Jahr – für drei Jahre rückwirkend. Dann wird in Berlin die Umweltzone wirksam: Einen Dieselrussfilter gibt es für dasModell nicht und damit auch keine Plakette. Es hagelt Knöllchen. Aber im kommenden Jahr ist die „Wanne“ 30 Jahre alt, dann bekommt sie als historisches Fahrzeug das H auf dem Kennzeichen und einen moderaten Steuersatz. Und sie kann wieder legal durch Berlin bewegt werden. Inzwischen scheint die Idee auch in anderen Rechtsgebieten Nachahmer gefunden zu haben. Das Vehikel eines Erbrecht-Spezialisten, ein ausgemusterter Leichenwagen mit Anwaltswerbung, parkte eine Zeit lang bevorzugt an Berliner Friedhöfen.
Hoenig teilt sich mit zwei Anwaltskollegen eine 190-Quadratmeter-Altbau-Kanzlei am Paul-Lincke-Ufer direkt am Landwehrkanal, da wo Berlin-Kreuzberg am schicksten ist. Der Auftritt der „Wanne“ im Straßenbild wird flankiert durch eine Internet-Präsenz, die täglich aktualisiert wird. Unter den Lesern seien auch viele Anwälte, die eine weitere Zielgruppe sind. „Empfehlungs-Marketing“ durch Kollegen macht einen Teil seiner Marketing-Aktivitäten aus. Seinen Mandanten in Haft schickt er handgeschriebene Urlaubsgrüße: „Nur auf ein Instrument zu setzen, halte ich für schwierig. Das reicht nicht.“ Dabei rät Hoenig von einem Instrument ab, dass gerade für Strafrechtler verführerisch ist: „Seine Fälle für die eigene Medienpräsenz auszuschlachten ist ganz gefährlich – berufsrechtlich und ethisch. Da ist man schnell im roten Bereich.“
Der doppelte Lorenz
Dass er einmal in der U-Bahn werben würde, hätte Hans-Georg Lorenz (68) mit seiner florierenden Kanzlei für Ausländer- und Familienrecht noch vor zwei Jahren nicht für möglich gehalten. Schließlich hat er 30 Jahre sein Rechtsgebiet beackert, saß 27 Jahre im Berliner Abgeordnetenhaus, ist als Sprecher der Berliner SPDLinken eineMarke in der Stadt. Ein älteres Foto imEingang seiner Kanzlei zeigt ihn neben Willy Brandt in der ersten Reihe auf einem Landesparteitag – zwei Reihen dahinter reckt ein gewisser Klaus Wowereit seinen Hals. Obwohl seine Kanzlei in Berlin-Spandau in einer ruhigen Seitenstraße liegt und damit etwas fernab seiner Klientel, füllt sich um10.00 Uhr derWarteraumder Kanzlei. An derWand hängt ein armenischer Teppich. „So viele gute Ausländeranwälte gibt es dann doch nicht in Berlin.“ Aber dann geschieht Unerwartetes: Ein Kanzleimitarbeiter wird abtrünnig, findet einen Anwalt, der ebenfalls Lorenz heißt, und schaltet in türkischen Zeitungen Kanzlei-Anzeigen – mit dem Namen Lorenz, mit dem gleichen Rechtsgebiet und dem Slogan: „Wir sind umgezogen.“
„Das war abstrus. Ich war gezwungen, etwas zu unternehmen. Ich musste das klarstellen, um meinen Ruf zu bewahren.“ Lorenz schaltet in den Zeitungen ebenfalls Anzeigen: „Hans-Georg Lorenz. Das Original.“ Das trägt ihm eine Rüge der Anwaltskammer ein. „Die Kammer hat mir gesagt, Lorenz sei kein Original, die gebe es häufiger.“ Da kommt Lorenz auf die Idee,mit seinerWerbung in den Untergrund zu gehen. Die U 8 ist das Mittel der Wahl: Sie fährt fern von Spandau durch den Wedding, Kreuzberg und Neukölln und in ihren Zügen ist seit gut einem Jahr auf deutsch und türkisch zu lesen: „Wer Sorgen mit seinem Aufenthalt in Deutschland hat, findet seit 30 Jahren Hilfe durch Rechtsanwalt Hans-Georg Lorenz.“ Daneben ein Foto des Teams mit türkischstämmigen Mitarbeiterinnen. Auch wenn viele Mandanten, die sich zu seinem Namensvetter verirrt haben, inzwischen zurückgekehrt seien, will Lorenz die U-Bahn-Reklame nicht mehr missen: „Das haben wir unmittelbar gemerkt – das war wirklich die durchgreifende Idee.“ Entscheidend sei aber, den Betrachtern einen Anknüpfungspunkt zu bieten „Es bringt nicht viel, sich da nur als Anwalt zu präsentieren.“
Die Kanzlei macht derweil „sehr ordentliche Umsätze“ und Lorenz sucht inzwischen nach einem Nachfolger mit Engagement für Ausländer, der trotz Festhonorars bis vor das Bundesverwaltungsgericht zieht, wenn es sein muss: „Vielen geht es nur um das schnelle Geld. Das merkt man sofort an den Schriftsätzen.“
Buchen Sie uns
Der Strafrechtler hat ein echtesWerbeproblem. In demMoment, wo die Zielgruppe merkt, dass sie seine Dienste dringend benötigt, sitzt sie oft schon in U-Haft, einem der letzten werbefreien Reservate der modernen Gesellschaft. Wenn man mit seinem Marketing nicht in den Knast kommt, dann wenigstens davor, haben sich einige Düsseldorfer Anwälte gedacht. „Wir waren damit die ersten bundesweit“, sagt Nicolai Mameghani (41). Er meint seine Großplakate vor der Ulmer Höh’, wie die Justizvollzugsanstalt in Düsseldorf heißt. Die Kanzlei Rosenkranz TimmMameghani ließ die Plakate vor drei Jahren kleben: „Wenn Sie ihren Urlaub lieber woanders verbringen wollen, buchen Sie uns.“ Als Motiv diente ein besonders trostloser Knastflur. Es folgt ein Bild der Gefängnisinsel Fort Boyard: „Wenn Sie reif für die Insel sind, buchen Sie uns.“ 800 Euro kostete das Plakat und zwei Euro jeder Tag, an dem es hing. Die Anwaltskammer hatten sie vorher gefragt. Die schriftliche Antwort hat Mameghani immer noch griffbereit: „Keine Bedenken.“ Was den damaligen Kammerpräsidenten später aber nicht daran gehindert habe, die Kampagne öffentlich zu kritisieren. Von den Plakaten habe zunächst kaum jemand Notiz genommen, „aber plötzlich ging es los“.
Die Medien sprangen darauf an, bald mussten die Anwälte vor der Plakatwand für die Fotografen posieren. Es gab noch mehr Kritik: „Wir würden die Häftlinge verhöhnen, die das Plakat den ganzen Tag vor Augen hätten.“ Dabei sind an der Front des Düsseldorfer Gefängnisses gar keine Zellenfenster und selbst in dem Fall hätten die Gefangenen nur die Rückseiten der Plakatwände gesehen.
Fernsehe
n wirkt
Zu diesem Zeitpunkt war Mameghani allerdings schon einer breiten Öffentlichkeit bekannt, bekamFanpost und Liebeserklärungen: Bei der TV-Gerichtsshow „Barbara Salesch“ gab der Verteidiger den Staatsanwalt – vier Jahre lang. Eine Bekannte arbeitet bei einer TV-Produktionsfirma und als das Gerichtsfernsehen aufkam, fragte sie Mameghani. „Die Wiederholung unserer Sendung nachts hattemehr Zuschauer als Harald Schmidt und ich habe mit dem Team den deutschen Fernsehpreis gewonnen.“ Das Honorar war ausgezeichnet, die Dreharbeiten waren „ein prima Training für den eigenen Auftritt, für den Bekanntheitsgrad war das gut und es kamen dadurch auch guteMandate rein“.
Aber wie reagiert die seriöse Justiz auf Anwälte als Laien-Schauspieler im Nachmittagsprogramm? „Das war mir ehrlich gesagt egal. Aber mir hat auch nie jemand gesagt, dass er das schlecht findet. Im Gegenteil: Es kamen Kollegen, auch Richter, die ebenfalls gefragt wurden, ob sie ins Fernsehen wollen und meine Erfahrungen wissen wollten. Ich habe das immer empfohlen.“
So schön Wanne, Fernsehserie, Großplakat oder U-Bahn als Werbeträger sind, der stärkste Werbekanal, sagen Lorenz, Hoenig und Mameghani, sei nach wie vor der zufriedeneMandant. „Es gibt ein Gefängnis in Nordrhein-Westfalen, da betreue ich von insgesamt 68 weiblichen Gefangenen zwölf“, sagt Mameghani. „Das lief alles über eine Gefangene.“ Da konnte nicht einmal Barbara Salesch mithalten.
Frank Christiansen, Düsseldorf
