Porträt

Asylrecht: Chancen­ge­rech­tigkeit

Kanzleigründungen von Berufsanfängern sind selten geworden. Julia Kraft und Simone Rapp haben es mit dem Migrationsrecht in Berlin-Neukölln gewagt. Sie sind erfolgreich, weil sie aus Überzeugung arbeiten.

Rechtsanwältin Simone Rapp

2007–2012
Jurastudium in Heidelberg und Berlin mit anwaltsrechtlichem Schwerpunkt
2013–2015
Referendariat in Berlin
2015
Rechtsanwältin und Gründung der Kanzlei
Seit 2016
Dozentin der Refugee Law Clinic Berlin
Seit 2018
Fachanwältin für Migrationsrecht
Seit 2019
Mitglied im Ausschuss Migrationsrecht des Deutschen Anwaltvereins

 

Rechtsanwältin Julia Kraft

2004–2010
Jurastudium an den Universitäten in
Freiburg, Madrid und Berlin
2011–2013
Referendariat in Berlin
Seit 2013
Tätigkeit als Rechtsanwältin
Seit 2014
Dozentin zum Beispiel in Wohnheimen,
für die Refugee Law Clinic Berlin und für
Organisationen wie den Flüchtlingsrat und
seit 2015 Rechtsberaterin der Caritas
2015
Gründung der eigenen Kanzlei
Seit 2017
Fachanwältin für Migrationsrecht
Seit 2019
Mitglied im Ausschuss Migrationsrecht
des Deutschen Anwaltvereins

 

Eine feste Überzeugung – reicht das heute noch, um eine Kanzlei erfolg­reich am Laufen zu halten? Julia Kraft und Simone Rapp wollten Neuankömmlingen in Deutschland zu ihrem Recht verhelfen, fast schon seit Jugend­tagen. Und das machen sie jetzt auch. Mal beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in der ostdeut­schen Provinz, mal vorm Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt.

Im Frühjahr 2015 gründen zwei junge Berliner Anwältinnen eine Sozietät. Die eine, Julia Kraft, hat zwei Jahre Berufs­er­fahrung. Die andere, Simone Rapp, kommt direkt aus dem Referen­dariat. Ihr Kanzlei­profil: Asyl- und Aufent­halts­recht. Ihr Geschäftsmodell: Sie wollen die Inter­essen von Menschen im deutschen Rechts­staat vertreten, die hier Schutz suchen. Die beiden sind top ausge­bildet, ehrgeizig, mit Prädikatsexamen ausge­stattet. Großkanzleien würden sie sechs­stellig bezahlen, sie könnten sichere Karrieren in Minis­terien anstreben oder in der Wissen­schaft Erfolg haben. Kraft und Rapp aber lassen eine Website program­mieren, unter­schreiben einen Partner­schafts­vertrag, mieten unprätentiöse Räume in Berlin-Neukölln und sind bereit, die Welt ein bisschen besser zu machen. Dann überschlagen sich die Ereig­nisse. Von Frühjahr bis Dezember 2015 gelangen knapp 900.000 Schutz­su­chende nach Deutschland. Es beginnt, was manche eine „Flüchtlings­krise“ nennen. „Strom“, „Welle“, „Ansturm“:

Das Vokabular wird je nach Erregungsgrad der Beobachter immer radikaler. Und Julia Kraft und Simone Rapp denken: es wäre vielleicht seltsam, die Koinzidenz Glück zu nennen, aber das, was viele ängstlich Krise nennen, klingt nach einer Menge Arbeit. Wer sie heute in ihrer Kanzlei besucht, erlebt Juris­tinnen, deren Sachlichkeit sich wie eine Löschdecke über die hitzigste Debatte legt, die das Land lange erlebt hat. War das überhaupt eine Krise, die Sache mit den Flüchtlingen? „Würde ich nicht so sehen“, sagt Julia Kraft. „Es war, wenn überhaupt“, sagt Simone Rapp, „eine Demokra­tie­krise.“ Die teils fast hyste­risch geführte Debatte kontern die beiden mit der Sachlichkeit der langjährigen Erfahrung. Die Hochschul­gruppen von Amnesty Inter­na­tional haben beide früh schätzen gelernt.

 

Rechtsanwältin Julia Kraft im Mandantengespräch.

Aus Motivation wurde Überzeugung

Aber eigentlich beginnt der Weg der beiden ins Asyl- und Aufent­halts­recht noch früher. Fragt man die beiden nach dem Kern ihrer Motivation, erzählen sie die Geschichte zweier jungen Frauen, die schon zu Schul­zeiten „helfen“ gut und „die Arbeit mit anderen Menschen“ erfüllend fanden. Julia Kraft und Susanne Rapp reden über diese Leitmotive mit großer Selbst­verständlichkeit und entwaff­nender Art. Die Sorge, mit diesem Maß an Altruismus naiv zu wirken, ist ihnen fremd. „Ich kann nicht anders, als es als Berei­cherung zu empfinden, in meinem Job so viele unter­schied­liche Menschen kennen­lernen zu können“, sagt Julia Kraft und schickt ein Achsel­zucken hinterher. Sollen die alten Kommi­li­tonen mit M&A Millionen umsetzen: die beiden Anwältinnen sind  genau da, wo sie sein wollen.

Ihnen ist gelungen, woran viele im Lauf ihres Berufs­lebens scheitern. Sie haben sich ihre Begeis­te­rungsfähigkeit bewahrt, haben ihr auch im Studium noch Raum gegeben, sie haben ihren Enthu­si­asmus für die gute Sache gekreuzt mit der Expertise, die die juris­tische Ausbildung mit sich bringt und verstärken damit ihren ur-sprünglichen Ansatz: helfen, wo es nötig ist. „Jura war ideal für mich“, sagt Simone Rapp, „weil mich das Fach einer­seits intel­lek­tuell heraus­ge­fordert hat und mir anderer­seits die Fähigkeiten verlieh, für meine Mandanten einen Unter­schied zu machen.“ Julia Kraft wusste lange nicht, ob der Anwalts­beruf der richtige für sie sein würde. „Vor dem Studium habe ich gedacht, in einer Hilfs­or­ga­ni­sation zu arbeiten“, sagt sie. Heute sind es die guten Kontakte zu diesen Organi­sa­tionen und Beratungs­stellen, die ihr viele Mandate einbringen. Kraft und Rapp sind längst eine eigene schlagkräftige Hilfs­or­ga­ni­sation, die mit zwei Sekretärinnen und Prakti­kanten Menschen hilft, „deren Rechte nicht geachtet werden“, wie Kraft es formu­liert. Nach dem Abi in Kassel fing sie in Freiburg mit dem Studium an, zog für ein Auslandsjahr nach Madrid und verliebte sich während eines Praktikums bei Amnesty Inter­na­tional in die Großstadt Berlin.

Simone Rapp – aus der Nähe von Stuttgart stammend – wechselte nach Anfangs­jahren in Heidelberg ebenfalls nach Berlin und merkte während der Beratungs­arbeit in der Hochschul­gruppe von Amnesty Inter­na­tional, wo es für sie beruflich langgeht. „Ab dem Zeitpunkt war mir klar: Das ist mein Weg“, sagt sie heute. Noch im Studium legt sie einen Schwer­punkt auf die anwalt­liche Tätigkeit – und hat diese Entscheidung auch nach den ersten Berufs­jahren nie bereut. Und das, obwohl das Berufsbild aus Studien­tagen mit ihrer Wirklichkeit von heute nur noch wenig zu tun hat. „Der Rechts­staat, wie wir ihn heute erleben, hat nichts mit dem Rechts­staat zu tun, den wir im Studium kennen­ge­lernt haben“, sagt Julia Kraft – und Simone Rapp muss ein wenig lachen, wenn sie an ihre Vorstel­lungen aus der Anfangszeit denkt. „Im Jurastudium war ich so naiv zu glauben, Entscheider in Behörden würden wirklich ausnahmslos rechtmäßig handeln“, sagt sie und klingt dabei nicht resigniert, sondern fast froh, diesen Wider­spruch für sich entdeckt zu haben und nun etwas dagegen unter­nehmen zu können. Als Simone Rapp den letzten Satz gesagt hat, entsteht eine kurze Pause, die beiden Anwältinnen sehen sich an, und fast gleich­zeitig schießt es aus ihnen heraus: „Es gibt aber auch wirklich viele gute Sachbe­ar­beiter in Behörden“, betonen sie. „Es ist eben nur so, dass uns vor allem die anderen Arbeit machen.“ Schnell habe sie, Simone Rapp, bemerkt, dass ihr neues Metier eben auch eine politische Dimension habe. „Einzelne Außenstellen des BAMF haben beispiels­weise höhere Ableh­nungs­quoten als andere, das kann ja kein Zufall sein“, sagt sie.

Die Rechtsanwältinnen Rapp und Kraft kämpfen für Chancengleichheit im Asylrecht.

Sie sind Exper­tinnen für die Herkunftsländer ihrer Mandanten

Die Mandanten landen für gewöhnlich bei Kraft und Rapp, wenn sie vom BAMF einen ableh­nenden Bescheid bekommen haben. „Unser Job ist es eigentlich, das Verfahren für den Mandanten trans­parent zu machen“, sagt Julia Kraft. „Wir sorgen für eine gewisse Chancen­ge­rech­tigkeit im Verfahren“, sagt Simone Rapp. Kern der Arbeit ist dann die Recherche. „Wir müssen zu Exper­tinnen für die Herkunftsländer unserer Mandanten werden“, sagt Julia Kraft, „und versuchen dann zu belegen, dass die Verfolgung, die geschildert wurde, plausibel ist.“ So kommt es, dass die beiden die objektiv berich­tenden Quellen anzapfen, die die Lage in Afgha­nistan, Iran, Syrien, dem Irak, Eritrea oder Somalia beschreiben. Nicht selten bedienen sich die Richter auf der anderen Seite des gleichen  Materials. „Da hilft es dann natürlich, wenn wir so sauber und detail­liert wie möglich zitieren“, sagt Julia Kraft. Und nicht nur hier zahlt sich aus, dass die beiden zusam­men­ar­beiten. „Klar, dass wir solche Vorlagen auch mal teilen“, sagt Simone Rapp.

Die beiden müssen wach bleiben für die Zwischentöne, die auch die mediale Bericht­er­stattung über ein Herkunftsland bei der Beurteilung der Fluch­t­ur­sachen spielen kann. Das ist die eine Seite der Arbeit. Die Beschäftigung mit der Entwicklung des sogenannten Islami­schen Staates oder politi­schen Situation in Somalia hat den Blick der Anwältinnen auf die Welt stark verändert. Das ist die andere Seite. Freunde, denen ich von der Arbeit erzähle, sehen mich manchmal überrascht oder sogar schockiert an, wenn ich ihnen berichte, womit wir es da zu tun haben.“ Themen wie Krieg und Haft hätten sie zu Beginn belastet, dann sei ein Gewöhnungs­effekt einge­treten.

„Schwie­riger zu ertragen finde ich, wenn ich merke, dass die Mandanten jetzt hier in Deutschland am Ende sind, weil sie zum Beispiel die Trennung von der Familie kaum ertragen.“ Julia Kraft kann diesen Eindruck bestätigen. „Die Anfangszeit im Asylrecht ist wirklich schlimm, weil man die Fälle noch nicht einschätzen kann“, sagt sie, „mit der Erfahrung wird das besser, weil man merkt, dass man mit Engagement eine Menge für die Mandanten rausholen kann.“ Wie sehr der Beruf die beiden verändert hat, wird Julia Kraft etwa zu Weihnachten deutlich. Zum wieder­holten Mal schon stellten bei Treffen mit ehema­ligen Mit-schülern einzelne die Frage, wie sie denn mit dem Frauenbild vieler Geflüchteter zurecht käme. „Daran merke ich dann, wie weit weg ich durch meine tägliche Arbeit inzwi­schen von Vorur­teilen dieser Art bin“, sagt sie, „ich antworte dann einfach immer dasselbe, auch wenn es etwas anstrengend ist: Es gibt kein Problem mit dem Frauenbild, die Mandanten behandeln mich mit Respekt, und übrigens habe ich seit einigen Jahren einen fantas­ti­schen syrischen Freun­des­kreis.“ Mut macht den beiden, dass sich ihr Spezi­al­gebiet, das Asyl- und Aufent­halts­recht, inzwi­schen an Fakultäten wie der der Humboldt-Universität zu den Veran­stal­tungen mit der höchsten Nachfrage gehört. „Das war bei uns vor wenigen Jahren noch nicht so und stimmt uns positiv“, sagt Simone Rapp. Auch deshalb gehören die beiden regelmäßig zu den Exper­tinnen, die in den Refugee Law Clinics zu Themen ihres Faches sprechen.

Einige Aufmerk­samkeit zog Julia Kraft vor rund zwei Jahren auf sich, als das Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt in Karlsruhe ihrer Verfas­sungs­be­schwerde stattgab. „Damit hat es die Abschiebung unseres afgha­ni­schen Mandanten, der schwer erkrankt war, nach Bulgarien untersagt“, erzählt Julia Kraft. Das BAMF in Eisenhüttenstadt hatte ein vorge­schrie­benes persönliches Gespräch bei der Anhörung abgeschafft – und damit gegen eine wichtige Formalie verstoßen.

„Verfah­rens­rechte sind es, die die Durch­setzung materielle Rechte ermöglichen“, sagt Julia Kraft, „weshalb das Urteil des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richtes für uns ein toller Erfolg war.“ Solche Erfolge helfen den beiden Anwältinnen in der alltäglichen Arbeit, sie beweisen, dass die mitunter mühevolle Arbeit im Kleinen die Rechts­po­sition und den Alltag ihrer Mandanten signi­fikant verbessern kann. „Natürlich erleben wir auch frustrie­rende Momente“, sagt Julia Kraft, „natürlich empfinde ich immer noch vieles im Verfahren als ungerecht“, sagt Simone Rapp, „aber das ist ja das Gute am Anwalts­beruf – man kann mit Leib und Seele Partei sein.“ Dann erzählt sie von einer irani­schen Journa­listin, deren Arbeit und Persönlichkeit sie sehr beein­druckt habe. Ihr Antrag wurde abgelehnt, das Verfahren läuft. Rapp tut, was sie hier bei Kraft und Rapp am besten können: aus Überzeugung kämpfen. „Ich bin stolz ihre Anwältin zu sein“, sagt Simone Rapp.


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