Porträt

Asylrecht: Chancen­ge­rech­tigkeit

Die Rechtsanwältinnen Rapp und Kraft kämpfen für Chancengleichheit im Asylrecht.

Sie sind Exper­tinnen für die Herkunftsländer ihrer Mandanten

Die Mandanten landen für gewöhnlich bei Kraft und Rapp, wenn sie vom BAMF einen ableh­nenden Bescheid bekommen haben. „Unser Job ist es eigentlich, das Verfahren für den Mandanten trans­parent zu machen“, sagt Julia Kraft. „Wir sorgen für eine gewisse Chancen­ge­rech­tigkeit im Verfahren“, sagt Simone Rapp. Kern der Arbeit ist dann die Recherche. „Wir müssen zu Exper­tinnen für die Herkunftsländer unserer Mandanten werden“, sagt Julia Kraft, „und versuchen dann zu belegen, dass die Verfolgung, die geschildert wurde, plausibel ist.“ So kommt es, dass die beiden die objektiv berich­tenden Quellen anzapfen, die die Lage in Afgha­nistan, Iran, Syrien, dem Irak, Eritrea oder Somalia beschreiben. Nicht selten bedienen sich die Richter auf der anderen Seite des gleichen  Materials. „Da hilft es dann natürlich, wenn wir so sauber und detail­liert wie möglich zitieren“, sagt Julia Kraft. Und nicht nur hier zahlt sich aus, dass die beiden zusam­men­ar­beiten. „Klar, dass wir solche Vorlagen auch mal teilen“, sagt Simone Rapp.

Die beiden müssen wach bleiben für die Zwischentöne, die auch die mediale Bericht­er­stattung über ein Herkunftsland bei der Beurteilung der Fluch­t­ur­sachen spielen kann. Das ist die eine Seite der Arbeit. Die Beschäftigung mit der Entwicklung des sogenannten Islami­schen Staates oder politi­schen Situation in Somalia hat den Blick der Anwältinnen auf die Welt stark verändert. Das ist die andere Seite. Freunde, denen ich von der Arbeit erzähle, sehen mich manchmal überrascht oder sogar schockiert an, wenn ich ihnen berichte, womit wir es da zu tun haben.“ Themen wie Krieg und Haft hätten sie zu Beginn belastet, dann sei ein Gewöhnungs­effekt einge­treten.

„Schwie­riger zu ertragen finde ich, wenn ich merke, dass die Mandanten jetzt hier in Deutschland am Ende sind, weil sie zum Beispiel die Trennung von der Familie kaum ertragen.“ Julia Kraft kann diesen Eindruck bestätigen. „Die Anfangszeit im Asylrecht ist wirklich schlimm, weil man die Fälle noch nicht einschätzen kann“, sagt sie, „mit der Erfahrung wird das besser, weil man merkt, dass man mit Engagement eine Menge für die Mandanten rausholen kann.“ Wie sehr der Beruf die beiden verändert hat, wird Julia Kraft etwa zu Weihnachten deutlich. Zum wieder­holten Mal schon stellten bei Treffen mit ehema­ligen Mit-schülern einzelne die Frage, wie sie denn mit dem Frauenbild vieler Geflüchteter zurecht käme. „Daran merke ich dann, wie weit weg ich durch meine tägliche Arbeit inzwi­schen von Vorur­teilen dieser Art bin“, sagt sie, „ich antworte dann einfach immer dasselbe, auch wenn es etwas anstrengend ist: Es gibt kein Problem mit dem Frauenbild, die Mandanten behandeln mich mit Respekt, und übrigens habe ich seit einigen Jahren einen fantas­ti­schen syrischen Freun­des­kreis.“ Mut macht den beiden, dass sich ihr Spezi­al­gebiet, das Asyl- und Aufent­halts­recht, inzwi­schen an Fakultäten wie der der Humboldt-Universität zu den Veran­stal­tungen mit der höchsten Nachfrage gehört. „Das war bei uns vor wenigen Jahren noch nicht so und stimmt uns positiv“, sagt Simone Rapp. Auch deshalb gehören die beiden regelmäßig zu den Exper­tinnen, die in den Refugee Law Clinics zu Themen ihres Faches sprechen.

Einige Aufmerk­samkeit zog Julia Kraft vor rund zwei Jahren auf sich, als das Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt in Karlsruhe ihrer Verfas­sungs­be­schwerde stattgab. „Damit hat es die Abschiebung unseres afgha­ni­schen Mandanten, der schwer erkrankt war, nach Bulgarien untersagt“, erzählt Julia Kraft. Das BAMF in Eisenhüttenstadt hatte ein vorge­schrie­benes persönliches Gespräch bei der Anhörung abgeschafft – und damit gegen eine wichtige Formalie verstoßen.

„Verfah­rens­rechte sind es, die die Durch­setzung materielle Rechte ermöglichen“, sagt Julia Kraft, „weshalb das Urteil des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richtes für uns ein toller Erfolg war.“ Solche Erfolge helfen den beiden Anwältinnen in der alltäglichen Arbeit, sie beweisen, dass die mitunter mühevolle Arbeit im Kleinen die Rechts­po­sition und den Alltag ihrer Mandanten signi­fikant verbessern kann. „Natürlich erleben wir auch frustrie­rende Momente“, sagt Julia Kraft, „natürlich empfinde ich immer noch vieles im Verfahren als ungerecht“, sagt Simone Rapp, „aber das ist ja das Gute am Anwalts­beruf – man kann mit Leib und Seele Partei sein.“ Dann erzählt sie von einer irani­schen Journa­listin, deren Arbeit und Persönlichkeit sie sehr beein­druckt habe. Ihr Antrag wurde abgelehnt, das Verfahren läuft. Rapp tut, was sie hier bei Kraft und Rapp am besten können: aus Überzeugung kämpfen. „Ich bin stolz ihre Anwältin zu sein“, sagt Simone Rapp.


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