Digita­li­sierung der Rechts­branche

Die Technik ist dafür bereit – sind die Juristen es auch?

Mit den Worten „Ihr Trainingsprogramm für die Digitalisierung beginnt jetzt!“ leitete der Gastgeber Rechtsanwalt Dr. Jochen Brandhoff die Legal Revolution Expo & Congress 2018 in Darmstadt ein. Am 4. und 5. Dezember 2018 erhielten die rund 700 Teilnehmer einen Eindruck vom Stand der Technik aktueller Legal Tech-Produkte der 58 Aussteller, Einblicke in softwarebasierte Arbeitsabläufe von Rechtsabteilungen und Kanzleien sowie Tipps zur individuellen Umsetzung der Digitalisierung. Der Appell richtete sich an alle Juristen: Es kann und muss jetzt Hand angelegt werden.

Zum zweiten Mal brachte die Legal Revolution Juristen, Unter­nehmer und Entwickler zusammen, um den Austausch zu den Themen „Legal Tech“, „Legal Future“ und „Legal Innovation“ zu fördern. Die Veran­staltung überraschte mit erstaunlich wenig Zukunfts­s­pe­ku­lation. Statt­dessen wurden praktische Beispiele aus dem bereits gelebten Alltag von Rechts­ab­tei­lungen und großen Kanzleien vorge­stellt und Methoden des Legal Design Thinking in inter­ak­tiven Vorträgen oder Einzel­work­shops erprobt. Referen­tinnen und Referenten trafen dabei auf ein aufge­schlos­senes und diskus­si­ons­be­reites Publikum. Die drängenden Fragen lauteten: Wie sehen digita­li­sierte Arbeitsabläufe heute aus? Welche Produkte unterstützen die Mandats­be­ar­beitung? Wie lassen sich Digita­li­sie­rungs­kon­zepte in der eigenen Kanzlei umsetzen? 

Vom Nachzügler-Dasein profitieren

Der Präsident des Oberlan­des­ge­richts Nürnberg Dr. Thomas Dickert äußerte sich in seiner Eröffnungs-Keynote positiv zu den aktuellen Tendenzen der Digita­li­sierung: „Es ist bereits eine große Techno­lo­gi­sierung der Rechts­branche zu beobachten.“ Trotzdem sollten Juristen künftig bestrebt sein, ein besseres techni­sches Verständnis zu entwi­ckeln und enger mit Compu­ter­spe­zia­listen zusam­men­ar­beiten, um den Anschluss nicht zu verlieren. Die Referenten der Legal Revolution sahen im Nachzügler-Dasein aber nicht nur eine Gefahr, sondern auch die Chance, von den Erfah­rungen anderer zu profi­tieren. „In einem Unter­nehmen sollte geschaut werden, welche Techno­logien bereits von anderen Abtei­lungen genutzt werden. Für einen Legal Chatbot könnte beispiels­weise die Software des Kunden­service-Chatbots genutzt werden“, regte Rechtsanwältin Gudrun Stangl (Schönherr Attorneys at Law) in einer Podiums­dis­kussion an.

Zudem könnten Rechts­ab­tei­lungen und Kanzleien mit einer positiven Innova­ti­ons­kultur direkt Produkte testen, die bereits auf dem Markt seien. Eine Vielzahl an Software-Lösungen aus den Bereichen Vertrags­au­to­ma­ti­sierung, Review, Spracher­kennung und Kanzlei­ma­na­gement wurde den Konfe­renz­teil­nehmern auf der beglei­tenden Ausstellung präsentiert.

„Lösen Sie keine Probleme, die Sie nicht hatten.“

Laura Fauqueur (Mitgründerin der Instituto de Innovación Legal) warnte in einer Podiums­dis­kussion jedoch davor, Techno­logien nur um der Techno­logien Willen zu nutzen. „Software soll eine Prozes­s­op­ti­mierung unterstützen, bei der immer der Mensch im Fokus steht“, sagte Fauqueur. Kanzleien, die eine Digita­li­sierung ihrer Arbeits­weise voran­treiben wollen, sollten sich daher in einem ersten Schritt klar machen, welchen Teil der Arbeit Software sinnvoll unterstützen kann. Eine in Unter­nehmen bewährte Methode dieses heraus­zu­ar­beiten ist Design Thinking. Hierbei wird eine optimale Lösung aus Anwen­der­sicht angestrebt. Laut Fauqueur sollte das ganze Team zusam­men­ar­beiten, um konkrete Bedürfnisse zu identi­fi­zieren und passende Lösungs­vorschläge zu entwi­ckeln, die dann techno­lo­gie­ba­siert umgesetzt werden können.

Dazu gehört jedoch auch der Mut zum Auspro­bieren: „Every­thing starts ugly“, betonte Ralf Reuther, Justiziar der Verlags­gruppe Droemer Knaur. „Man sollte nicht zu viel Energie in das Design eines Proto­typen stecken, der sich sowieso noch ändern wird und sich nicht davor scheuen, eine Lösung zu präsentieren, die erst zu 70 Prozent fertig ist. Ein solches Vorgehen fällt Rechts­ab­tei­lungen gewöhnlich leichter, als externen Anwälten, die erst mit einem 110-prozen­tigen Vertrag zufrieden sind.“ Um eine passende Lösung zu finden, empfahl Reuther Kunden und Mandanten direkt nach ihren Bedürfnissen zu fragen: „Man muss – und kann – nicht jeden Wunsch umsetzen, aber die Klienten wissen so, dass sie in den Prozess einge­bunden und ernst­ge­nommen werden.“ Zudem lasse sich dadurch heraus­kris­tal­li­sieren, welche Prozesse oder Angebote noch verbessert werden müssen und worin Klienten möglicher­weise gar keinen Mehrwert sehen.


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