Porträt

Eine gute Rechts­an­walts­fachan­ge­stellte ist unersetzlich

Was Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen heute von ihren Chefs und Chefinnen erwarten, um in der Kanzlei zu bleiben.

Die Kanzlei und ihre ReFas

Die Kanzlei Kunkel wurde 2013 unter Führung von Rechts­anwalt Frank Kunkel gegründet. In der Kanzlei arbeiten zwei Fachanwältinnen und zwei Fachanwälte, eine junge Rechtsanwältin sowie insgesamt sieben Mitar­bei­te­rinnen (vier Rechts­an­walts­fachan­ge­stellte, zwei Mitar­bei­te­rinnen und eine Auszu­bil­dende zur Rechts­an­walts­fachan­ge­stellten).

Eine Beson­derheit der Kanzlei: Auf der Website werden alle Anwältinnen und Anwälte sowie die Mitar­bei­te­rinnen (bis zur Daten­schutz­be­auf­tragten) gleich­be­rechtigt mit Foto vorge­stellt. Der Hauptsitz der Kanzlei befindet sich in Kamenz (nordöstlichvon Dresden), eine Außenstelle liegt im unweit entfernten Bautzen.

 

Manchmal ist das Selbst­verständliche spannend, weil es heute gar nicht mehr selbst­verständlich ist. Sieben ReFas unterstützen fünf Anwältinnen und Anwälte. Wie die Kanzlei Kunkel in der Kreis­stadt Kamenz rund 40 Kilometer nordöstlich von Dresden erfolg­reich Mitar­bei­te­rinnen findet und bindet.

Vielsei­tigkeit ist gefragt

Ein Mandant will sofort mit einem Anwalt sprechen. Geladen steht er vor Liane Gruschka in der Kanzlei Kunkel im sächsischen Kamenz. Sie weiß, dass es jetzt keinen Zweck hat, ihn zurecht­zu­weisen, sie kennt solche Szenarien aus ihrer 26jährigen Tätigkeit als Rechts­an­walts­fachan­ge­stellte (ReFa) im Empfangs­be­reich. Schon oft wurde sie mit starken Emotionen konfron­tiert, die sie dann meistens abfängt wie in der Kampfs­port­kunst Aikido: Statt ihrem Gegenüber mit  derselben Wucht zu begegnen, leitet sie seine Kraft mit Ruhe und Verständnis so geschickt um, dass er recht schnell merkt, dass Aggres­sionen nicht die Lösung sind – aber, dass es eine geben wird. Frau Gruschka liebt ihren Beruf. Sie kann nachvoll­ziehen, dass sich Menschen bei einer Scheidung, einer Unter­halts­klage, einem Mietrechts­kon­flikt in angespannter Verfassung befinden und sie kommu­ni­ziert gern. Ihre Tätigkeit bringt sie mit einer Bandbreite an Charak­teren zusammen. Schwierige Phasen im Büro begleiten sie bis nach Hause, aber sie zehrt auch von rührenden Begeg­nungen wie mit der Mutter, die für ihren frustrierten Sohn die Scheidung  einge­reicht hat oder dem Mandanten, der ihr dankte, dass sie ihm so ausdauernd zuhörte. Als gelernte Sekretärin mit Kanzlei­er­fahrung gehört Liane Gruschka wie die Rechts­an­walts­fachan­ge­stellten (ReFas) oder die Rechts- und Notari­ats­fachan­ge­stellte (ReNo) zu den Mitar­beitern, die heute in Anwalts­kanz­leien von der Elbe bis zur Isar händeringend gesucht werden. Dass sie so begehrt sind, liegt an ihrer Vielsei­tigkeit: ReNos und ReFas sind Organi­sa­ti­ons­ta­lente, sie kennen sich mit Abrech­nungen aus, schreiben in Windeseile Diktate herunter, arbeiten unter hohem Druck und großer Verant­wortung, betreuen Mandanten im Erstgespräch und wirken nicht selten deeska­lierend. All das macht sie unersetzlich für die tägliche Arbeit in den Kanzleien. Der Markt für ReNos und ReFas ist nahezu leergefegt, der Nachwuchs bleibt aus. Im Jahr 1980 wurden von rund 36.000 Rechtsanwälten noch mehr als 10.000 Ausbil­dungs­verträge in diesem Berufsfeld abgeschlossen. Im Jahr 2017 waren es bei mehr als 160.000 Anwältinnen und Anwälten nur noch knapp über 3.300 Ausbil­dungs­verträge. Immer weniger Arbeitskräfte kommen nach.

Sieben ReFas arbeiten in der Kanzlei Kunkel, in einem zwei-etagigen Funkti­onsbau im Zentrum der Kreis­stadt Kamenz, nordöstlich von Dresden. In den verwin­kelten Räumen sitzen Fachanwälte für Familien- und Erbrecht, Bau- und Archi­tek­ten­recht, Verkehrs- und Versi­che­rungs­recht, ihnen assis­tieren ReNos und ReFas, die eine Ausbildung durch­laufen haben und Querein­steiger wie die gelernte Sekretärin Liane Gruschka. „Mitar­beiter wie Frau Gruschka sind das Gesicht unserer Kanzlei, sie sind für die Erstauf­nahme da und auch Prellbock für vieles“, sagt Ulrike Biebrach, Fachanwältin für Famili­en­recht. Die 43-Jährige hat als Mutter eines Kindes einen fein getak­teten Tagesablauf und ist auf die Hilfe der ReFas angewiesen.

Sie müsse sich darauf verlassen, dass ein Schriftsatz zum Gericht geht, auch wenn sie schon zu Hause ist. Frau Gruschka habe schnell gelernt, Abrech­nungs­systeme zu beherr­schen, sie hat die Ausbildung einer ReFa durch Coachings und Learningby-doing ausge­glichen, aber es gehört eben mehr dazu als nur rechnen und gut organi­sieren zu können. Es braucht etwas, das Menschen wie Frau Gruschka mitbringen: Charakter.

Auch die Kanzlei in Kamenz hatte eine Zeitlang Schwie­rig­keiten damit, ReFas zu finden. Ist der Beruf schick, hat er ein gutes Ansehen? Ist der Verdienst gut? Was kann ich später damit machen? Diese Fragen stellen sich angehende ReFas. Wer früher noch zwischen ReFa-Ausbildung und einem Universitätsstudium stand, hat heute viel mehr Möglich­keiten, etwa ein kompaktes Fachhoch­schul­studium zum Wirtschafts­jurist mit Bache­lo­rab­schluss. Die Ansprüche – aber auch die Möglich­keiten der Nachwuchskräfte sind enorm gestiegen.

Mandantenbetreuung

Vor ein paar Jahren startete die Kanzlei Kunkel über Arbeitsämter, Tagespresse und Rechts­an­walts­kammern einen großen Aufruf. In den Bewer­bungs­gesprächen saßen oft junge Leute, die so schüchtern waren, dass sich Ulrike Biebrach nicht vorstellen konnte, dass sie jemals proaktiv auf Mandanten zugehen würden. „Mandanten wissen oft gar nicht, was sie genau wollen“, sagt sie, „die ReFas müssen dann schon die richtigen Fragen stellen“. Damals waren sie erleichtert über eine lebens­er­fahrene Bewer­berin wie Antje Wazery. Die 49Jährige kam als Querein­stei­gerin, zuvor hatte sie zwölf Jahre lang im Ausland gelebt. Die gelernte Bankfach­wirtin konnte sich recht schnell in die Tätigkeit eines ReFas einar­beiten, auch weil sie in ihrer Ausbildung gelernt hat, BGB Geset­zes­textezu lesen und zu verstehen. Seit vier Jahren organi­siert sie nun das Büro für Rechts­anwalt Frank Kunkel, bearbeitet Mandats­schreiben, kümmert sich um die Logistik seiner Außer-Haus-Termine. Kein Tag gleiche dem anderen: „Heute muss ich 30 Diktate abarbeiten, morgen drei“, sagt die Mutter von zwei Kindern und lacht. Sie findet den Beruf spannend und heraus­for­dernd, man brauche aber Nerven. Als Bankfach­wirtin bekam sie Schreiben von Anwälten, heute schreibt sie Pfändungs- und Mahnungs­an­ge­le­gen­heiten selbst an die Banken. Das biete ihr einen 360 Grad-Blick über das Fach und das erfülle sie mehr als nur eine tolle Bezahlung. Für sie sei es auch gut, in der Region bei ihren Kindern einen Arbeits­platz gefunden zu haben, der sie auch als Mutter ernst nimmt. Wenn es Not zu Hause gäbe, müsse sie sich nicht auf die Lippen beißen bevor sie fragt, ob sie früher gehen kann. Das habe sie schon anders erlebt. „Wer auf der Karrie­re­leiter aller­dings weit hochsteigen will, sollte sich lieber in der freien Wirtschaft bewerben“, sagt sie und spricht damit einen wunden Punkt der Rechtsanwälte an. Schon in den Lehrjahren ist es lukra­tiver, bei einer Versi­cherung, in einer Bank oder Verwaltung zu arbeiten.

Kaum Aufstiegschancen

Eine schlechtere Bezahlung, kaum Aufstiegschancen – all das werfe ein schlechtes Licht auf den Beruf. Daher spricht Jessica Schwurack eher von Berufung. Die 34jährige war immer faszi­niert von Recht­spre­chung, konnte sich ein Jurastudium finan­ziell aber nicht leisten. Heute ist sie als ReFa glücklich, so nah an ihrem eigent­lichen Inter­es­sen­gebiet zu arbeiten. Über 15 Jahre lang war sie in verschie­denen Kanzleien tätig, hat die Ausbil­dungs­jahre bei einer Bezahlung von weit unter 500 Euro pro Monat überstanden, einen oftmals herab­las­senden Ton seitens einiger Vorge­setzter ertragen – und auch manchmal Überstunden wie selbst­verständlich hinnehmen müssen. „Solche Kanzleien verlässt man dann gern“, sagt sie. Wer seinen ReFas Überstunden ohne Ausgleich zumutet, ihnen das Gefühl gibt, minder­wertige Dienste zu leisten, steile Hierar­chien pflegt und dazu noch unter­durch­schnittlich zahlt, verliert Mitar­beiter wie Jessica Schwurack. Auch sie wurde in ihrer Laufbahn schon mehrfach abgeworben, auch bei Kunkel, aber hier sieht sie keinen Grund zu gehen. Sie werde respek­tiert, dürfe ihre Meinung äußern und lerne viel dazu. Die Hierar­chien erlebt sie als überdurch­schnittlich flach. Außerdem bietet ihr Vorge­setzter ihr viele Möglich­keiten, Rücksprache mit ihm zu halten. „Wir bekommen auch Coachings, um die Kommu­ni­kation unter­ein­ander zu verbessern“, sagt Schwurack. In der Kanzlei in Kamenz werden die ReFas geschätzt, egal ob ausge­bildete Kraft oder Querein­steiger. Auf der Firmen-Homepage sind sie ebenso mit Porträt und Vita vertreten wie die Rechtsanwälte selbst. Regelmäßig lädt die Kanzlei ihre Beleg­schaft zum Essen ein, lässt einen Masseur kommen oder organi­siert ausge­dehnte Spaziergänge in die Lausitz. All das schafft Nähe.

Erst neulich gab es bei Kunkel wieder eine Baurechts­klage, die auch die ReFas bis kurz vor Mitter­nacht an den Schreib­tisch fesselte. „Natürlich gibt es dann Ausgleichstage, aber eben nur, wann es dem Anwalt zeitlich passt“, sagt Biebrach. Die ReFas ver zeihen es. Sie bleiben überwiegend langfristig in der Kanzlei, weil sie das Arbeits­klima schätzen, die Kommu­ni­kation auf Augenhöhe, die flexiblen Arbeits­zeiten. Vieles hat sich verändert im Berufsbild der ReNos und ReFas, die Ansprüche an die Arbeitskräfte sind vielsei­tiger geworden, was unter anderem an der Spezia­li­sierung in den Kanzleien liegt. Feld-Wald-Wiesenanwälte haben andere Ansprüche an Assistenz als spezia­li­sierte oder Großkanzleien. Vor einigen Jahren wurde in Deutschland daher auch über die Einführung des Legal Assistants oder auch Paralegals disku­tiert. Diese Berufs­bilder gibt es in den USA und der Schweiz, die Absol­venten haben ein abgeschlos­senes Bachelor-Studium. Sie haben weitrei­chende Quali­fi­ka­tionen, betreiben juris­tische Recherchen, entwerfen Dokumente, sichten Akten. In  deutschen Kanzleien werden diese Tätigkeiten noch vorwiegend von Wirtschafts­ju­risten übernommen. Der Versuch, den Legal Assistant zu etablieren, verlief bisher aller­dings im Sande.

Eine gute ReFa ist unersetzlich

Konkret verändert hat sich aber die Ausbildung der ReNos: Um den neuen Anfor­de­rungen im Kanzlei­alltag gerecht zu werden, wurde vor einigen Jahren die Re-NoPat-Ausbil­dungs­ver­ordnung (auch für Patent­an­walts­fachan­ge­stellte) refor­miert. Inhaltlich geht es nun noch viel mehr um die Mandan­ten­be­treuung oder den elektro­ni­schen Rechts­verkehr. „Eine gute ReFa ist unersetzlich“, sagt Ulrike Biebrach. So eine Arbeits­kraft ließe sich auch nicht durch Digita­li­sierung und künstliche Intel­ligenz ersetzen. Zwar stellt auch die Kanzlei in Kamenz auf Hilfs­mittel wie die elektro­nische Akte um, aber Biebrach sieht schon jetzt die Grenzen dieses Einsatzes. „Sie können dem Computer einen Schriftsatz diktieren, aber am Ende kommt oft etwas Unverständliches heraus, Schachtelsätze, Blöcke, in denen der Sinnzu­sam­menhang fehlt“. ReFas würden solche Unstim­mig­keiten schnell erfassen, korri­gieren oder etwas Erklärendes hinzufügen. „Ein Computer kann auch keinen emotional aufgewühlten Mandanten beruhigen“, sagt sie. Manchmal sei der Druck im Kanzlei­alltag hoch, viel und schnell zu arbeiten. Oft fehle dann die Muße, in Ruhe über Fehler zu reden und dann fahre sie auch schon mal aus der Haut wegen eines Recht­schreib­fehlers, sagt Biebrach. Das ist blöd, sagt sie, aber ihre ReFas hätten genug Rückgrat, um auch mal auf den Tisch zu hauen und zu sagen: „Das fand ich jetzt nicht gut!“. Für Ulrike Biebrach ist klar, dass sie in ihrem Arbeit­salltag nie auf eine ReFa verzichten möchte. „Ohne sie wäre die Laune echt unten“, sagt sie.

 


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