DAV-Symposium

Fehler­kultur in Anwalt­schaft und Justiz – was ist das?

Anwälte und Richter machen Fehler? Warum das Thema Fehler­kultur keine Nestbe­schmutzung ist, zeigte ein DAV-Symposium in Berlin. Der DAV startet damit in ein Jahr, in dem auch der Deutsche Anwaltstag über Fehler­kultur disku­tieren wird.

Die Frage nach dem Warum liegt nahe: In einer Branche, in der es vor allem darum geht, Recht zu behalten, kann es mit Fehler­kultur nicht weit her sein. Doch was macht eine solche Kultur überhaupt aus? Was kann sie der Anwalt­schaft und der Justiz bringen? Und was ist überhaupt ein Fehler? All diese Fragen stellten sich die Referen­tinnen und Referenten am 16. Januar 2018 beim DAV-Symposium „Fehler­kultur in der Rechts­pflege“ im Kuppelraum des Frank­furter Tors in Berlin-Fried­richshain.

Beim alljährlichen Neujahrsempfang des DAV, dem „Auftakt“, hatte DAV-Präsident Ullrich Schellenberg den Rahmen der Veranstaltung bereits umrissen: Der Umgang mit Fehlern fordere Juristen in allen Bereichen heraus, weil das Vertrauen in die Justiz schwinde. Am Abend trafen sich Vertreter aus Anwaltschaft, Lehre, Richterschaft und Ärzteschaft, um sich im kleinen Kreis über den Dächern Berlins dem Thema zu nähern. Eines wurde schnell deutlich: Das Thema ist komplex und hat viel mit Kommunikation und Selbstreflexion zu tun.

Fehlerkultur in der Anwaltschaft: vertretbar und unvertretbar

Die von Harald Asel (vom RBB) moderierte Gesprächsrunde begann gleich mit einer verräterischen Beobachtung: Juristen sprächen fast nie von richtig oder falsch. Ihre Kategorien seien vertretbar oder unver­tretbar, abwegig sei schon unkol­legial. Alles das sei Indiz dafür, dass Juristen  das Thema Fehler­kultur am liebsten vermeiden möchten.  

Markus Hartung, Rechtsanwalt und Vorsitzender des DAV-Berufsrechtsausschusses, verwies auf ein weiteres sprachliches Indiz: Fehler würden „begangen“ oder sie „passierten“. Dann müssten sie gebeichtet werden. Im angelsächsischen Raum würden Fehler dagegen „gemacht“. Und er stellte anschließend klar: Bereits das anwaltliche Berufsrecht normiere, dass Anwältinnen und Anwälte fehlerfrei arbeiten müssten. Insoweit könne es bei dem Thema nicht um einen Aufruf zum Scheitern gehen, sondern vielmehr um Fehlermanagement und Kommunikationskultur. Er unterstütze die DAV-Forderung, in einer empirischen Studie den tatsächlichen Bedarf nach juristischen Leistungen der Bürgerinnen und Bürger und die Lücken beim Zugang zum Recht in Deutschland zu erforschen.

Kultur des fachlichen Austausches:  Rechthaben schadet

Auch für Dr. Renate Jaeger, lange Jahre Richterin des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts und am Europäischen Gerichtshof für Menschen­rechte und dann bis 2015 Schlich­terin der Anwalt­schaft, liegt die Schwie­rigkeit beim Umgang mit Fehlern in der Natur der Sache: Juristen seien habituell Recht­haber. Als Richterin sei ihr vor allem aufge­fallen, dass eindeutige Fehler viel seltener seien als solche, die im Graube­reich lägen. Dazu zählte sie Abwei­chungen vom Pfad der Konvention wie etwa Verschleppung des Verfahrens oder ausfällige Wortwahl – Verhalten, die das Vertrauen in die Justiz nachhaltig beschädigten. Zudem unter­scheide sich der Umgang mit Fehlern bei Anwälten und Richtern: Richter seien vor allem darauf bedacht, ein Urteil „revisons­sicher“ zu machen. Dies sei ihnen mitunter wichtiger als Rechts­si­cherheit. Anwälte hätten dagegen vor allem Angst vor der Haftung. Ein Problem für beide Gruppen sei es, wenn der Austausch mit Kollegen fehle – sei es der Einzelanwalt oder der Einzel­richter.


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