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Frauen auf der Überholspur: Wie verändert das die Anwalt­schaft?

Die Zukunft der Anwaltschaft ist weiblich: Zum ersten Mal sind 2017 mehr Frauen als Männer zur Anwaltschaft zugelassen worden. Wo gehen diese Frauen hin und wie verändern sie dort die Arbeitsbedingungen?

Als Dr. Alexandra Nöth, Vorsit­zende der Arbeits­ge­mein­schaft Anwältinnen im DAV und Mutter von vier Kindern, ihr erstes und zweites Kind gebar, war sie noch im Referen­dariat. Beim dritten Kind war sie als angestellte Anwältin tätig – da war an Elternzeit nicht zu denken. Sie musste schließlich ihre Mandate bearbeiten. Also rollte die Famili­en­recht­lerin in der Kanzlei die Spiel­decke aus, nutzte die Pausen zum Füttern, schleppte ihr Kind sogar mit zu Verhand­lungen vor Gericht. Dort kämpfte sie an vorderster Front: Vor dem Richter – und manchmal auch mit unzufrie­denen Mandanten. „Für diesen Druck ist nicht jeder gemacht“, sagt Nöth.

Viele glauben, dass das mit ein Grund dafür ist, warum nur eine von drei Personen in der Anwalt­schaft weiblich ist – die Frauen­quote beträgt derzeit 33,8 Prozent. Doch die Frauen sind gerade dabei, die Männer zu überholen: 2017 übertraf die Zahl der neu zugelas­senen Frauen zum ersten Mal die der Männer. Beim Spitzen­reiter Thüringen kamen die Anwältinnen auf 63,3 Prozent.

Die neue Generation von Frauen inter­es­siert sich nicht nur für Sozial­recht, wo das Verhältnis zwischen den Geschlechtern beinahe ausge­glichen ist, oder für das Famili­en­recht, wo der Anteil der Frauen seit mehreren Jahren überwiegt. Im Gegenteil: Im Famili­en­recht schlossen 2019 weniger Frauen die Ausbildung zur Fachanwältin ab als noch im Jahr zuvor (BRAK). In allen anderen Fachan­walt­schaften ist der Anteil der Frauen hingegen gestiegen – auch im Straf-und im Wirtschafts­recht.

Bei der Jobwahl darf nicht nur die Famili­en­freund­lichkeit zählen

Dr. Annette Mutschler-Siebert, Partnerin im Berliner Büro der US-ameri­ka­ni­schen Kanzlei K&L Gates und DAV-Vorstands­mit­glied, berät Mandanten auf den Gebieten des Verga­be­rechts, Europa- und Kartell­rechts und im öffent­lichen Wirtschafts­recht. Sie wundert sich, dass sich immer noch weniger Frauen als Männer für diese Rechts­be­reiche zu inter­es­sieren scheinen, obwohl die Kombi­nation aus Recht und Wirtschaft doch äußerst spannend sei.

„Man muss sich in immer neue Branchen hinein­denken, und branchen­spe­zi­fische wirtschaft­liche Zusammenhänge erkennen, um optimal beraten zu können“, sagt sie. Zudem könne man im Vergabe- wie im Kartell­recht komplexe und auch wirtschaftlich lukrative Mandate bearbeiten.

Zwar müsse man insbe­sondere in strei­tigen Verfahren häufig sehr schnell und durchaus auch viel arbeiten. „Aber das sind meist nur kurzfristige Spitzen, die in einem guten Team an anderer Stelle dann ja auch ausge­glichen werden können“, so Mutschler-Siebert.

„Aber viele Frauen versuchen leider, Steine aus dem Weg zu räumen, lange bevor sie darüber stolpern“, gibt Mutschler-Siebert zu bedenken. Frauen machten ihre Berufswahl teilweise vorrangig, unabhängig von ihren Inter­es­sen­schwer­punkten und beson­deren Stärken, daran fest, ob ein Job famili­en­freundlich sei – und zwar oft Jahre bevor sie sich für ein Kind entscheiden:

„Wirklich auspro­bieren, welche flexiblen Arbeits­mo­delle für einen persönlich am besten funktio­nieren – was im Übrigen auch für werdende Väter immer relevanter wird – kann man aber eigentlich erst dann, wenn das Kind da ist“.

Mutschler-Siebert war 2004 die erste, die damals noch in der vorigen Sozietät in Elternzeit ging und dann bei K&L Gates in Berlin in Teilzeit Partnerin wurde. „Damals fanden einige Kollegen das noch komisch“, erzählt sie. Inzwi­schen seien Elternzeit oder Arbeit in Teilzeit gang und gäbe.

Allerdings vor allem unter Frauen: Laut dem Soldan-Institut für Anwaltmanagement arbeiten derzeit 42 Prozent der Anwältinnen in Teilzeit, während das
nur 16 Prozent ihrer männlichen Kollegen tun. Die Mehrzahl der Anwältinnen begründete ihre Entscheidung damit, dass sie sich mehr Zeit für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder wünschten.

Anwälte hingegen arbeiten meist in Teilzeit, weil sie noch einen anderen Beruf ausüben. Mehr Zeit für die Kinder­be­treuung ist nur für jeden Zehnten ein Grund, die Arbeits­stunden zu reduzieren. Nicht nur bei der Übernahme von Verant­wortung für die Familie – auch beim Gehalt zeigen sich deutliche Unter­schiede: So verdienten Frauen 2015 laut Soldan-Institut pro Stunde im Schnitt 22,25 Euro, während ihre männlichen Kollegen auf 31,32 Euro kamen  abgesehen vom Notariat. Dort sind die Gebühren bundesweit dieselben.

Mehr als jede fünfte Notar­stelle wird von einem Mann besetzt, häufig von Kanzleigründern im fortge­schrit­tenen Alter. Bis vor einigen Jahren mussten Anwältinnen und Anwälte noch zig Fortbil­dungen absol­viert und viele Jahre lang selbstständig gearbeitet haben, bevor sie als Notarin oder Notar arbeiten konnten.

Und diese Bedin­gungen erfüllten vor allem Männer. Seit 2010 aber unter­ziehen sich die Anwärter einer Prüfung. Fünf Jahre Berufs­er­fahrung reichen aus. Dadurch ändert sich derzeit die Notar­land­schaft rasant – und funda­mental.

 


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