Urheberrecht

Hitlers „Mein Kampf“ auf der Bühne

Das Urheber­recht für Adolf Hitlers "Mein Kampf" läuft Ende 2015 aus. Damit stellt sich die Frage: Wie geht eine Gesell­schaft - in der rechts­ex­treme Überzeu­gungen nie verschwunden sind - heute mit dem Werk um? Ein Theaterstück will das Werk entmy­sti­fi­zieren. Auf der Bühne steht auch eine junge Anwältin als Expertin des Alltags.

Annäherung an ein verbo­tenes Buch – ein neues Projekt der Theater­gruppe Rimini Protokoll

Als die junge Berliner Juristin Anna Gilsbach (Foto links) zum ersten Mal mit der Gruppe Rimini Protokoll zusam­menkam, war sie noch Referentin beim Deutschen Anwalt­verein, zuständig für den Ausschuss Menschen­rechte. Schon im Studium hatte sie sich auf Völkerrecht spezia­li­siert. Jetzt wollte die Theater­gruppe von ihr wissen, wie Hitlers Buch „Mein Kampf“ juris­tisch zu bewerten sei. Denn die Hetzschrift sollte Gegen­stand ihrer neuesten Bühnenpro­duktion sein. Eine Auftrags­arbeit, der Intendant des Deutschen Natio­naltheaters in Weimar, Hasko Weber, hatte die Berliner Theater­macher für das Kunstfest in Weimar engagiert. Ihn trieb die Frage um, was mit Hitlers Machwerk eigentlich geschehen soll, wenn das Buch Ende des Jahres 2015 gemeinfrei wird. 70 Jahre nach Hitlers Tod erlischt nämlich das Urheber­recht, das bislang beim Freistaat Bayern lag, als Rechts­nach­fol­gerHitlers und des Eher-Verlages. Bayern hatte jeden Nachdruck des Buches streng verboten, seit 1945 darf es nicht verlegt, vertrieben und verkauft werden. Ab dem 1. Januar 2016 also könnte das jeder ungestraft tun. Womöglich könnten sich Neonazis oder Rechts­ra­dikale die rassis­ti­schen und menschen­ver­ach­tenden Ergüsse aus dem Buch aneignen und in ihren Kreisen verbreiten. Vor allem dagegen wollte Intendant Hasko Weber etwas unter­nehmen, zumal in Thüringen die rechte Szene recht stark vertreten ist.

Helgard Haug und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll machten sich an die Arbeit, was für sie an erster Stelle heißt: Gründliche Recherche. Anderthalb Jahre brauchten sie dafür, sie sprachen mit Histo­rikern, gingen in Biblio­theken und Archive und suchten juris­ti­schen Rat. Den fanden sie bei Anna Gilsbach vom DAV.

„Wenn jetzt die Urheber­rechte auslaufen und das Buch gemeinfrei wird, sagen viele Politiker, sie wollen eine Verbreitung mit dem Straf­tat­be­stand der Volks­ver­hetzung unter­binden“, erläutert Gilsbach. So leicht sei das jedoch nicht. Denn es gebe verschiedene Schlupflöcher oder Unklar­heiten, die erst gerichtlich geklärt werden müssten. „Da ist zum Beispiel die Sozialadäquanz-Klausel, die die Straf­barkeit ausschließt, wenn man bestimmte Zwecke verfolgt, Kunst, Wissen­schaft, Forschung oder ähnliches.“

Helgard Haug und Daniel Wetzel gefiel es sehr gut, wie Anna Gilsbach kompli­zierte juris­tische Sachver­halte erklärte, so dass auch Laien sie verstehen konnten. „Anna war unsere erste Gesprächspart­nerin und hat uns da sehr kompetent infor­miert und wir fanden, dass das ein sehr, sehr erhel­lendes Gespräch war. Und wir sind da rausge­gangen und für uns war sicher, dass wir Anna auf jeden Fall fragen werden, ob sie sich vorstellen kann, bei dem Projekt mitzu­machen.“

Es gehört zu der beson­deren Arbeits­weise von Rimini Protokoll, keine ausge­bil­deten Schau­spieler für ihre Stücke auszuwählen, sondern ihre Darsteller unter denMen­schen zu suchen, mit denen sie sich über das jeweilige Thema ihres aktuellen Projekts ausein­an­der­setzen, „Experten des Alltags“. Anna Gilsbach erbat sich Bedenkzeit, außerdem musste sie ihren Arbeit­geber fragen. Als sie grünes Licht bekam, zögerte sie nicht mehr und wagte den Sprung auf die Bühne, zum ersten Mal in ihrem Leben.


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