Urheberrecht

Hitlers „Mein Kampf“ auf der Bühne

Fünf weitere „Experten“ machen mit. Sibylla Flügge, pensio­nierte Jura-Profes­sorin, hat „Mein Kampf“ schon als Jugend­liche gelesen, Stellen heraus­ge­schrieben und diese Zusam­men­fassung ihren Eltern unter den Weihnachtsbaum gelegt. Ihr Vater, ein linker Pastor, wird sich nicht sonderlich gefreut haben. Alon Kraus ist Rechts­anwalt aus Tel Aviv. Er hat das Buch auf Englisch, Hebräisch und auch auf Deutsch gelesen. Von seiner Familie haben nur die Großeltern den Holocaust überlebt. Matthias Hageböck ist Buchre­stau­rator in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar und kann einiges über die Herstellung von Büchern erzählen. Der Rapper Volkan T Error, in Frankfurt geboren mit türkischenWurzeln, hat in der Türkei, wo „Mein Kampf“ lange ein Bestseller war, auch ein Exemplar als Manga gefunden. Diese japanische Comic-Form hat es ihm besonders angetan. Christian Spremberg schließlich, der blinde ehemalige Radio-Redakteur, liest mit seiner sehr schönen Rundfunk­stimme aus dem Buch in Blinden­schrift, das er aus einer Bibliothek in Marburg geschickt bekam, eins von 500 Exemplaren, die 1933 herge­stellt wurden.

„Mein Kampf“ in Blinden­schrift, das sind sechs mächtige Bände, jeder einzelne groß wie ein Messbuch. Auf der Bühne werden sie in einem Einkaufs­wagen trans­por­tiert, weil ein Mensch sie nur schwer tragen könnte. Christian Spremberg war schon bei einer früheren Produktion von Rimini Protokoll dabei: „Das Kapital, Erster Band“. „Ihn haben wir genommen, zum einen, um die Kontinuität zu Kapital herzu­stellen, aber auch, weil er ein hervor­ra­gender Leser ist und wir uns immer gefragt haben, wie kann man diese Texte hören“, sagt Regis­seurin Helgard Haug. Ein Binde­glied zur Kapital-Aufführung ist auch das Bühnenbild: Ein gigan­ti­sches Bücherregal, in dem nicht nur Bücher, sondern auch die Darsteller selbst hin und wieder Platz finden. Es wird in der „Mein-Kampf“-Produktion aller­dings von der Rückseite bespielt, oder auch von der „Arsch­seite“, wie es Volkan T Error formu­liert. In Monologen, in Dialogen, in fetzigen Liedern erzählen die sechs Darsteller, wie sie mitHitlers Buch in Berührung kamen, was sie faszi­niert, was sie abstößt, wie schwer es ihnen fällt, „den Dreck“ in die Hand zu nehmen, dieses von Rassismus und Brutalität strot­zende Machwerk. Rimini Protokoll will mit dem Stück heraus­finden, worauf der Mythos des Buches eigentlich gründet.

„‘Mein Kampf’ ist Hitlers wichtigste program­ma­tische Schrift. Sie entstand in den Jahren 1924 bis 1926 in zwei Bänden“, schreibt das Institut für Zeitge­schichte. Hitlers Biografie und die Frühgeschichte der NSDAP sind die Inhalte des ersten Bandes, die politische Program­matik der Natio­nal­so­zia­listen findet sich im zweiten. 1933, nach Hitlers Ernennung zum Reichs­kanzler, schnellte die Auflage in die Höhe. 1945 waren es mehr als 12 Millionen verkaufte Exemplare, das Buch war in 18 Sprachen übersetzt worden. Die öffent­lichen Biblio­theken mussten 1945 ihre „Mein Kampf“ Exemplare bei den Alliierten abgeben, der Privat­besitz blieb erlaubt. Es wird heute noch in vielen Haushalten zu finden sein.

Auch auf der Bühne hantieren die Darsteller mit den unter­schied­lichsten Ausgaben. Per Video- und Audio-Einspie­lungen erscheinen weitere Protago­nisten, unter anderen der Chef-Ankläger im Eichmann-Prozess, der israe­lische Histo­riker Moshe Zimmermann oder der österrei­chische Histo­riker Othmar Plöckinger, der an der wissen­schaftlich kommen­tierten Ausgabe von „Mein Kampf“ mitar­beitet, die das Institut für Zeitge­schichte in München im Januar 2016 heraus­geben will. Das Institut verfolgt damit das Ziel, „die Debatte zu versach­lichen und ein seriöses Gegen­an­gebot zur ungefil­terten Verbreitung von Hitlers Propa­ganda, seinen Lügen, Halbwahr­heiten und Hasstiraden zu machen.“


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