Bücher für Anwälte und Anwältinnen

20 Jura-Klassiker fürs Leben

Es gibt Bücher, die Anwälte ihr Leben lang, auch außerhalb der Fachge­biete, mit denen sie sich beschäftigen, begleiten – was nicht unbedingt bedeutet, dass man sie auch im Detail gelesen hat. Aber wir wissen: Es sind entschei­dende Bücher. Ich stelle Ihnen hier eine persönliche Auswahl vor. Manche der Bücher sind nur noch antiqua­risch zu haben – aber ich würde sie nicht erwähnen, wenn ihr Inhalt nicht nach wie vor sehr aktuell wäre. Und als Zugabe noch Spannendes und Unter­halt­sames zu Weihnachten.

Als Student habe ich 1965 als erstes dieses Buch gekauft (jetzt in der 7. Aufl. fortgeführt von Friedrich Schnapp), denn dass das Recht etwas mit Logik zu tun hatte, lag auf der Hand. Schneider (1927-2014) war damals Richter am Landgericht Köln und wurde später an das OLG befördert. Für seine ironischen Bemerkungen war er berühmt und nach seiner Pensionierung hat er sich als Anwalt in ihnen noch besser austoben können. Nachdem ich den »Modus barbara« (Alle Griechen sind Menschen; Alle Menschen sind sterblich; also: alle Griechen sind sterblich) auswendig gelernt hatte, habe ich das Buch nach dem Studium nicht mehr in die Hand genommen. In der Praxis ist mir nämlich aufgefallen, dass dort die Logik – außerhalb der Revision – keine bedeutende Rolle spielt. Aber Ohne die Logik gibt es kein Recht: Es ist eines der vielen sozialen Systeme, die dem Chaos der Wirklichkeit Struktur verleihen und dazu muss es logischere Strukturen haben als die Realität.

Egon Schneider/Friedrich Schnapp: Logik für Juristen

Aber die Logik ist im Recht nicht alles. Normen und die Entscheidungen über ihre Anwendung sind kommunikative Prozesse, in denen die Rhetorik eine zentrale Bedeutung hat. In Frankreich wurde bis ungefähr 1950 die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft von einem überzeugenden Vortrag abhängig gemacht, der aber kein juristisches Thema zum Gegenstand haben musste. Wer nicht überzeugend reden konnte, hatte vor Gericht nichts zu suchen, denn alle Entscheidungen im Verfahren der Rechtsgewinnung (Arthur Kaufmann) sind auch emotional besetzt. Die Rhetorik erschöpft sich heute nicht im Plädoyer, sondern tobt sich auch in Schriftsätzen aus. Und sie ist es, die die magische Kraft hat, juristische Entscheidungen dem Zufall auszuliefern, wenn sie nicht durch Normen gebändigt wird.

Fabian Steinhauer: Gerechtigkeit als Zufall

Wie kommt Gerechtigkeit im Spannungsfeld zwischen Logik, Gefühlen und Zufall zustande? Diese Frage kann man nicht abstrakt beantworten, wie Hans Kelsen (1881-1973) – einer der berühmtesten Juristen des 20. Jahrhunderts – nach vielfältigen Versuchen in anderer Richtung erkannt hat. Im Rahmen seiner Reinen Rechtslehre hatte er das Recht unabhängig von der Moral konstruiert, um dann am eigenen Leib zu erfahren, dass daraus nur »rechtsethischer Nihilismus« entstehen kann. Mit Glück hat er überlebt. Am Ende seines Lebens schreibt er: »Was ist Gerechtigkeit? Nun, an ihrem Ende, bin ich mir wohl bewusst, diese Frage nicht beantwortet zu haben«. Auf nur fünfzig Seiten können wir den Weg des abendländischen Denkens bis zu dieser Antwort verfolgen. und entdecken dabei alle Irrtümer, denen wir selbst schon aufgesessen sind, obwohl wir die Elemente der Gerechtigkeit (Gleichheit, Fairness und Ausgewogenheit), seit Jahrtausenden kennen. Richtig anwenden können wir sie aber nur, wenn wir diese Begriffe erst einmal als Leerformel enttarnen und uns gestehen, dass sich aus ihnen allein noch nichts ableiten lässt. Sie sind aber nicht wertlos, denn wir entwickeln aus ihnen im konkreten Fall die erforderlichen Maßstäbe.

Hans Kelsen: Was ist Gerechtigkeit

Der Weg zur Gerechtigkeit ist mit Ungerechtigkeiten gepflastert. Darauf weist Bernd Rüthers hin und zeigt, dass wir uns ihr durch Versuch und Irrtum nur asymptotisch nähern können, so, wie Achilles der Schildkröte, die er (theoretisch) nicht einholen kann. Aber praktisch tun wir das jeden Tag, denn Gerechtigkeit ist nicht – wie noch Platon gedacht hat – ein Gegenstand, den wir im Urwald der Tatsachen finden können wie ein scheues Tier (Der Staat IV (432 c), Gerechtigkeit ist eine soziale Konstruktion, die uns in einem Rechtsstaat nicht selten gelingt, auch wenn der abstrakte Begriff uns selbst dunkel bleibt.

Bernd Rüthers: Das Ungerechte an der Gerechtigkeit

Dieses Buch ist ein Luxusobjekt. Fikentscher (1928-2014) hatte sich auf dem Gebiet des Bürgerlichen Rechts schon lange einen Namen gemacht, als er begann, Rechtsvergleichung zu betreiben. Dabei genügten ihm nicht ein oder zwei Länder, er suchte nach weltweit existierenden Strukturen. Damit griff er weit über die Rechtsysteme hinaus in die Denkstrukturen einzelner Kulturkreise. Wer sich fragt, wo die Grenze zwischen Moral und Recht verläuft, wer über die Einbettung des Rechts in die anderen sozialen Systeme nachdenkt, wird entdecken, dass wir die meisten Konflikte außerhalb des Rechts lösen und das Spezialwissen der Juristen sich nur auf die Welt der Rechtsnormen erstreckt. Die liegen zwar als »Schatten des Rechts« über unserer sozialen Wirklichkeit, aber eine direkte Bedeutung erlangen sie nur selten. So ein Thema wird üblicherweise in der Soziologie, der Ethnologie oder auch der Philosophie behandelt. Dass hier ein Jurist sich in deren Begriffswelten eingearbeitet hat, macht es für uns besonders gut verständlich. Das Buch ist auf Englisch geschrieben, weil der deutsche Markt für solche großen Themen zu klein ist. Für alle erstaunlich: Es hat die 2. Aufl. erreicht!

Wolfgang Fikentscher:Modes of Thought (englisch)

In der politischen Diskussion geht man – spätestens seit der UN-Resolution ganz selbstverständlich davon aus, dass Menschenrechte und Menschenwürde Begriffe sind, die unabhängig von kulturellen Systemen einheitlich zu interpretieren sind. Warum es nicht so sein könnte, erklärt Paul Tiedemann. Wolfgang Fikentscher hätte widersprochen. Und auch Paul Tiedemann zeigt, dass diese Idee zwar eine politische Forderung ist, die sich aber als Rechtsbegriff nicht einheitlich durchsetzen lässt. Wer akzeptiert, dass wir Recht täglich neu herstellen müssen, um ihm Geltung zu verschaffen, wird das nicht erstaunlich finden. Wie umstritten einzelne Fragen sind, zeigt das Stimmenverhältnis bei der Abstimmung über das Verbot des Klonens von Menschen. Die Zahl der Gegenstimmen (darunter Frankreich, Großbritannien, Japan) und Enthaltungen erreicht fast die Zahl der Befürworter des Verbots. Und so ist das auch bei vielen anderen Detailfragen.

Paul Tiedemann: Menschenwürde als Rechtsbegriff

Rainer Maria Kiesow lehrt in Frank­reich, weil es für seinen Forschungs­ansatz in Deutschland keinen Platz gibt. Er umkreist das Recht nicht nur aus der Perspektive der Philo­sophie, der Geschichte und der Politik, auch die Psycho­logie (die Welt der Gefühle!), die Weisheiten des Alltags, die Literatur und zahllose andere Aspekte belegen die unend­lichen Überschnei­dungen, die das Recht mit dem sozialen und kultu­rellen Leben hat. Damit man sich in den vielfach einander überschnei­denden inter­essanten Gedanken zurecht­findet, wird das alles als ABC angeboten. Eine völlig neue Art, juris­tische Inhalte zu syste­ma­ti­sieren.

Rainer Maria Kiesow: Das Alphabet des Rechts

Die Bedeutung dieses Buches begreift man sofort, wenn man die unzähligen Ausgaben vor sich sieht, die es nach fünfhundert Jahren immer noch gibt. Was hat es Anwälten zu sagen? Nach meiner Erfahrung treten unsere Mandanten auf, wie früher die Fürsten und zwar auch dann, wenn sie Arbeitslosengeld verlangen. Wenn man Machiavellis Beispiele in die Moderne überträgt, ist sein Buch ein untrüglicher Führer durch diese Untiefen, denn es ist aus der Sicht des Beraters der Fürsten geschrieben.

Niccolò Machiavelli: Der Fürst

Dieses Buch ist – gemessen am hekti­schen Standards des Aktuellen – nicht mehr ganz jung (1985), aber sein Thema reicht gut 10.000 Jahre zurück und der Forschungs­stand hat es nicht überholt. Wesel beleuchtet Regeln und Rituale der Konflikt­be­rei­nigung bevor sie sich zu Normen verdichten oder gar mit der Staats­gewalt verbinden. Wir haben die Mediation erst in den letzten Jahren neu entdeckt, das Buch zeigt uns aber, dass nicht nur die Arusha (Tansania) in ihrem Palaver solche Methoden schon lange beherrschten. Das Buch lehrt Beschei­denheit.

Uwe Wesel: Frühformen des Rechts in vorstaatlichen Gesellschaften

Hier sehen wir das Recht im pharao­ni­schen Ägypten, im antiken Mesopo­tamien, im Reich der Hethither – also lange vor der Zeit des römischen Rechts – und entdecken wie viele der recht­lichen Struk­turen, Normen, Verfahren, die wir auch heute noch anwenden, sich zu diesen frühen Zeitpunkten schon entwi­ckelt haben. Die Römer haben später den indivi­du­ellen Menschen als Träger eines »Anspruchs« entdeckt, aber das sind schon moderne und sehr komplexe Diffe­ren­zie­rungen. Die Statik des Rechts hingegen ist schon in den frühesten Systemen erkennbar.

Ulrich Manthe (Herausgeber): Die Rechtskulturen der Antike

Was mich an Buchbesprechungen immer am meisten gestört hat, war der unvermeidbare Schlusssatz: »Dieses Buch gehört auf den Tisch eines jeden Anwalts«. In diesem Fall kann man aber nun wirklich nichts anderes sagen. Das hieße Eulen nach Athen tragen – man braucht es, wenn man sich selbst und seine Arbeit verstehen will. Das Buch beginnt mit dem gelehrten Anwalt (um 1230 nach Christus), dem »Ritter der Gerichte«, also knapp 2000 Jahre, nachdem wir von den ersten Rechtsbeiständen gehört haben, über die Ulrich Manthe berichtet.

Deutscher Anwaltverein (Herausgeber): Anwälte und ihre Geschichte

Wir können nicht leugnen, dass Frauen erst seit relativ kurzer Zeit Zugang zu den klassi­schen juris­ti­schen Berufen haben. Aber Rechts­pro­bleme haben sie nicht weniger aufge­worfen als Männer und Kinder. Ute Gerhard enthüllt manches über Handels­frauen, Hexen­pro­zesse, Geschlechts­vor­mund­schaften, Mutter­schutz usw. Sie zeigt uns überdeutlich, dass viele dieser Fragen heute nur richtig beant­wortet werden können, wenn genügend Juris­tinnen die Probleme, über die sie urteilen sollen, am eigenen Leib erfahren haben. Eine Heraus­for­derung für die Probleme der Trans­gender.

Ute Gerhard: Frauen in der Geschichte des Rechts

Wie schon oben erwähnt: Über das Misslingen der Logik erfahren wir Anwälte jeden Tag etwas Neues. Hier nun können wir nachlesen, warum das so ist. Dietrich Dörner hat schon 1980 als einer der ersten Psycho­logen Software entwi­ckelt, die anhand von Spiel­si­tua­tionen unsere Entschei­dungen nachvoll­ziehbar macht. Sein Projekt »Lohhausen« zeigt, dass man komplexe Systeme (wie z.B. eine recht­liche Ausein­an­der­setzung) nicht mit wenigen großen Entschei­dungen in den Griff bekommt, sondern durch viele kleine Einze­lein­griffe im Detail (die aller­dings einer großen Linie folgen müssen). In die sozio­lo­gisch/psycho­lo­gische Begriff­lichkeit müssen wir uns erst einlesen, aber der Erkennt­nis­gewinn ist gewaltig.

Dietrich Dörner: Die Logik des Misslingens

90 % unserer Entscheidungen werden vom Unterbewusstsein her gesteuert und nur 10 % dieser Einflüsse können wir bewusst erkennen, dirigieren und korrigieren. Ein und dieselbe Entscheidung treffen wir unterschiedlich, wenn sie uns in einem anderen Rahmen präsentiert wird (framing). Und wenn wir unsere Entscheidungen innerhalb einer Gruppe rechtfertigen müssen (z.B. innerhalb einer Sozietät, einer Kammer oder einem Senat), führt die Gruppendynamik häufig zu einem Urteil, das wir allein anders gefällt hätten. All das ist psychologisches Grundwissen, aber es dringt nur schwer in die juristische Welt vor. Aber ist es nicht von unschätzbarem Wert zu wissen, dass Richter vor der Mittagspause härter urteilen als danach, wenn sie satt sind? Wie viele Terminsverlegungsanträge könnte man mit solchen Argumenten rechtfertigen?

Gerd Gigerenzer Bauchentscheidungen

Seit einigen Jahren wird aus aktuellem Anlass das Thema der Fremden­feind­lichkeit heiß disku­tiert. Auf dem Kampffeld der Fremden­feind­lichkeit streiten Moral, Mitgefühl, ökonomische Überle­gungen, Natio­nal­stolz und unsere unglückliche Vergan­genheit heftig mitein­ander. Da ist es beruhigend zu lesen, dass alle diese Reaktionen biolo­gisch/psycho­lo­gisch fest in uns verwurzelt sind. Zielgruppen reagieren hyste­risch auf Verlet­zungen ihres Reviers, ja bereits auf den Anblick von etwas fremdem, dass nicht ins Schema passt. Uns sollten unsere intel­lek­tu­ellen Fähigkeiten vor instink­tiven Reaktionen bewahren. Das Buch, das zahllose biolo­gische, psycho­lo­gische und ethno­lo­gische Studien zusam­men­fasst, zeigt, dass das nicht so einfach ist.

Robert Sapolsky: Gewalt und Mitgefühl

Das hier ist der absolute Bestseller unter allen erwähnten Büchern (mindestens 30 Auflagen seit 1989), es ist neben der Print­ausgabe auch als e-book und Hörbuch erhältlich. Faszi­niert hat mich das kleine Wort »leben«, denn in unzähligen Büchern der Manage­ment­li­te­ratur findet sich der Gedanke nur äußerst selten, dass man leben muss, um etwas leisten zu können. Führung hingegen ist für Anwälte selbst­verständlich, und deshalb glauben die meisten, sie seien Natur­ta­lente auf diesem Gebiet. Aber selbst wenn sie wüssten, wovon die Rede ist – man kann immer noch etwas dazu lernen. Wer im nächsten Jahr seinen Umsatz erhöhen und gleich­zeitig mehr Freizeit haben will, sollte in dieses Buch inves­tieren.

Fredmund Malik: Führen, leisten, leben

»Dieses Buch hat bestimmt ein Ghostwriter geschrieben, von außen kann man das Justizsystem nicht so fehlerfrei beschreiben« – solche Stimmen habe ich häufig gehört. In jahrelanger Arbeit (Recherchen, Interviews etc.) hat die Autorin (Dr. phil.) die Welt der Justiz erkundet und zu einem Roman verdichtet. Heribert Prantl (mit dem sie sich vorher über Franz Josef Strauß gestritten hatte) widmete ihr in seiner Laudatio für den Wilhelm-Raabe-Preis 2018 in der Süddeutschen Zeitung die gesamte Seite Drei und wollte ihr am liebsten den Dr.jur. hc. verleihen. Viele Juristen werden sich in diesem Buch wiedererkennen, die Anwälte kommen allerdings etwas zu kurz.

Petra Morsbach: Justizpalast

 

 

Ein klassi­sches Weihnachtsbuch. Leider (oder gottseidank: Preis wie neu: 12 Euro!) nur noch antiqua­risch zu haben. Wie selten haben Juristen die Möglichkeit, sich selbst nicht nur im Spiegel theore­ti­scher Texte sondern auch der Kunst zu betrachten. Es sei denn, sie besuchen bei Gelegenheit das Museum des Reichs­kam­mer­ge­richts in Wetzlar.

Wolfgang Pleister/Wolfgang Schild: Recht und Gerechtigkeit im Spiegel der europäischen Kunst

 

Auch Karikatur ist Kunst, wenn sie Idee, Form und Bedeutung in kreativer Weise miteinander verknüpft. An Honoré Daumier kommt keiner vorbei, auch 2019 gibt es einen Kalender mit seinen Juristen-Karikaturen. Man kann sich an ihnen satt sehen und dann lohnt der Blick in das kleine Buch des New Yorker. Für die deutsche Justizszene hat Philipp Heinisch (selbst früher Rechtsanwalt) einen feinen Strich (zuletzt im Kalender für 2019).

Honoré Daumier

Philipp Heinisch

 


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