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Porträt

Sport­recht: Kämpferin auf hochsen­siblem Terrain

Der Fachanwalt für Sportrecht wird 2019 kommen. Für die Anwältin und ehemalige DDR-Sportlerin Prof. Dr. Anne Jakob ist das ein großer Sieg.

Poträt von Anne Jakob.

1990–1992
Ausbildung zur Redakteurin bei der Märkischen Oderzeitung, Frankfurt/Oder.

1992–1998
Jura-Studium an den Universitäten Bielefeld, Strasbourg und Heidelberg.

1998–1999
Masterstudium Internationales Wirtschaftsrecht (Cardiff University, Wales).

1998–2001
Referendariat (mit Station beim Internationalen Sportschiedsgericht in Lausanne).

2001–2005
Associate bei Jones Day, Frankfurt/Main.

1998–2005
Promotion im Internationalen Wirtschaftsrecht an der Universität Düsseldorf

2005–2010
Justiziarin, später Geschäftsführerin der Vermarktungsgesellschaft des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (Darmstadt).

Seit 2011
Einzelanwältin der auf Sportrecht spezialisierten Kanzlei „Mit Recht im Sport“. Lehrtätigkeiten an der Accadis-Hochschule Bad Homburg, der IST Düsseldorf und der Universität Gießen/Sporthochschule Köln für Wirtschaftsprivatrecht, Sportrecht und Compliance.

 

Der Fachanwalt für Sport­recht wird 2019 kommen. Für die Anwältin und ehemalige DDR-Sport­lerin Prof. Dr. Anne Jakob ist das ein großer Sieg. An ihrer Karriere zeigt sich, wie überfällig der Beschluss der Satzungs­ver­sammlung der Bundes­rechts­an­walts­kammer (BRAK) für diese 24. Fachan­walt­schaft war (siehe Meldung AnwBl 2019, 16).

Es sind Hunderte. Tausende. Anne Jakob kann die Fälle nicht mehr zählen, als sie um Mitter­nacht die letzte Akte schließt. Sie kennt die persönlichen Infor­ma­tionen von tausenden Leistungs­sportlern aus der ehema­ligen DDR, weiß, welche Hormone, Steroide und Amphet­amine ihnen verab­reicht wurden und wie sich ihre Körper verändert haben. Zwölf Jahre ist es her, dass Jakob in den Akten der zentralen Ermitt­lungs­stelle Regie­rungs- und Verei­ni­gungs­kri­mi­nalität (ZERV) recher­chierte und ihre Sicht auf den Leistungs­sport grund­legend veränderte. Kein Wunder: Sie wuchs in Karl-Marx-Stadt auf und war dort selbst Leistungs­schwim­merin und Leicht­ath­letin. „Als ich die Namen unserer Trainings­gruppe gelesen habe, fühlte ich mich wie das letzte Versuchs­ma­terial“, erinnert sich die 47-Jährige. Bis zu jenem Tag ist ihr nicht klar, welches Ausmaß der Dopings­kandal in der DDR wirklich angenommen hatte.

Heute, als Einzelanwältin mit Spezia­li­sierung für das Sport­recht, kämpft sie dafür, dass es wieder fairer zugeht im Sport. Anne Jakob arbeitet in einer Kanzlei in Karben bei Frankfurt und hat sich auf Nominie­rungs­fragen, das Satzungs­recht, das Vertrags­recht im Sport und die Sport­schieds­ge­richte spezia­li­siert. Wenn sie eine Mandanten-Frage mal nicht beant­worten kann, greift sie auf ein Anwalts-Netzwerk zurück, dann helfen ihr Kolle­ginnen und Kollegen aus dem Arbeits-, Straf- oder Medien­recht. „Sportler suchen meine Nähe, weil ich das System kenne, als Leistungs­sport­lerin, aber auch als Funktionärin“. An einem kühlen Novem­ber­morgen sitzt sie in der Lobby des Baseler Hofs in Hamburg. Am Vorabend hat sie noch im Max-Planck-Institut für ausländisches und inter­na­tio­nales Privat­recht in Hamburg über „Gerech­tigkeit im Sport“ gesprochen, ein Thema für das sie oft gebucht wird, denn sie ist eine der wenigen Experten für Sport­recht im deutsch­spra­chigen Raum. Dass nun endlich die Fachan­walt­schaft für Sport­recht anerkannt wurde, erfüllt sie mit großem Stolz. „Das ist wie eine Auszeichnung“, sagt sie.

Der Kampf um den Fachanwalt für Sport­recht

Als Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses der Arbeits­ge­mein­schaft Sport­recht im Deutschen Anwalt­verein hat sie sich unter der Federführung des Vorsit­zenden Dr. Thomas Summerer jahrelang für diesen Titel einge­setzt, in Exper­ten­runden das Pro und Contra abgewogen, ein Curri­culum erstellt. „Die Initiative stammt vom leider viel zu früh verstor­benen Kollegen Paul-Werner Beckmann und die hat der geschäftsführende Ausschuss dank eines ausführlichen Konzepts von Prof. Dr. Martin Nolte voran­ge­bracht“. Jetzt ist der Fachanwalt durch, sagt sie und lächelt.

Es gehöre viel dazu, um in einem der größten Wirtschafts­zweige ein guter Berater und fähiger Rechts­bei­stand zu sein. Der Sport­rechts­anwalt müsse eine Bandbreite an Fähigkeiten besitzen: „Das staat­liche Recht muss auf die Beson­der­heiten im Sport angewandt werden, was eine Menge Wissen in unter­schied­lichen Rechts­ge­bieten erfordert, aber auch Erfah­rungen im Sport, im Vereins­leben und Kennt­nisse der neben dem staat­lichen Recht nahezu unüberschaubar vielen Vereins- und Sport­re­gel­werke“, sagt sie. „Das unter­scheidet diese Fachan­walt­schaft so sehr von den klassi­schen, wo es grundsätzlich nur um ein Rechts­gebiet geht“. Auch seien Sprachen und Inter­na­tio­nalität sehr wichtig, denn der Sport mache nicht an der Grenze halt, die inter­na­tio­nalen Sport­re­gel­werke gälten auch in Deutschland. Es ist ihr wichtig zu erwähnen, dass sie mehrere Sprachen spricht. Vieles ist ihr wichtig. Manchmal wirkt sie beim Erzählen fast atemlos. Auch Emotio­nalität spielt eine Rolle, man sei als Anwalt für Sport­recht schließlich auch Psychologe, Mediator, Zuhörer und Begleiter.

 

Jakob hält viele Vorträge zu Europa-, Vertrags-, Arbeits- und Versi­che­rungs­recht, aber sie bekommt auch zahlreiche Mandats-Anfragen von Vereinen, Verbänden, Ligen, Athleten, Trainern, Managern, Vorständen. Wirtschafts­un­ter­nehmen mit Bezug zum Sport brauchen Beratung, Hersteller und Vertreiber von Sport­ar­tikeln, Sponsoren oder Medien. Es ist kompli­ziert: viele Rechts­fragen wurzeln im privaten Recht der Sport­vereine und -verbände, die wiederum eigene Satzungen und Ordnungen haben. Den größten Überblick verschaffen ihr dabei Fragen, die sich wie ein roter Faden durch ihr Leben ziehen: Was sind Fairness und Gerech­tigkeit? Was ist ein gut verwal­teter Staat? Wie sieht echte Recht­spre­chung aus? Als sie 2011 ihre Kanzlei gründet, wählt sie einen Werbe­claim, der ihr Gebiet so gut wie möglich umfassen soll: „Mit Recht im Sport – Beratung & Management“. Ihre Kanzlei ist Ort des Rückzugs, der ihr Zeit gibt, die Fälle  aufzu­ar­beiten. Zum direkten Gespräch fährt sie gern selbst zu ihren Klienten. „Die haben im Alltags­geschäft kaum Zeit, weiß ich aus Erfahrung“. Sie reist zu Vereinen oder Einzel­sportlern. Mit fast 100.000 Vereinen ist Sport das größte gesell­schaft­liche Subsystem in Deutschland. Er ist ein wesent­licher Motor der Volks­wirt­schaft, dessen Dimension die Europäische Union auf drei Prozent des Welthandels schätzt.

Die Verfah­rensflut im Sport­recht beläuft sich auf jährlich etwa 400.000, deutlich mehr als die Anzahl der Verfahren vor Arbeits- und Verwal­tungs­ge­richten. Anne Jakob braucht keinen Social Media-Auftritt, um an Mandate zu kommen. Die Szene der Sport­rechtler ist noch klein, denn bisher war es für viele angehende Anwältinnen und Anwälte nicht attraktiv genug, im Sport­recht zu arbeiten. Das Sport­recht galt als schil­lerndes Rechts­gebiet, was sich auch daran zeigt, dass in der Satzungs­ver­sammlung die Arbeits­ge­mein­schaft Sport­recht lang und viel Überzeu­gungs­arbeit leisten musste. Anne Jakob war der Ruf des Sport­rechts egal.

Faszi­nation Sport­recht

Jakob hat ihren Beruf aus keinem anderen Grund als innerer Motivation gewählt. Spätestens als sie am inter­na­tio­nalen Sport­ge­richtshof in Lausanne ihr Referen­dariat absol­viert, weiß sie, dass sie Anwältin im Sport­recht werden will. Hier entdeckt sie eine Welt, die sie faszi­niert: Es geht um Trans­fer­geschäfte im Fußball, Zulas­sungs­strei­tig­keiten, Nominie­rungs­fragen, Dopingfälle. Einmal ist sie bei einem Schieds­ver­fahren mit Spielern der russi­schen Schach­meis­ter­schaft dabei. „Den Anblick werde ich nie vergessen“, sagt sie und lächelt. Die Spieler kamen in Jogginganzügen und ließen sich von Edelhuren in Pelzmänteln begleiten. Manchmal sei das Geschäft wie ein Hollywood- Film. Nur in echt. Ihre Zeit in Lausanne empfindet sie als berei­chernd, dennoch legt sie zunächst eine Zäsur im Sport­recht ein „um Erfah­rungen zu sammeln.“ Fünf Jahre lang arbeitet sie als Rechtsanwältin für die Großkanzlei Jones Day in Frankfurt. Trans­ak­tionen im Unter­neh­mens­be­reich, Fusionen, Unter­neh­menskäufe, Betriebsübergänge – all das findet sie so spannend, dass sie gleich­zeitig in Inter­na­tio­nalem Wirtschafts­recht an der Universität Düsseldorf promo­viert. Doch in der Kanzlei fühlt sie sich viel zu oft ausge­bremst, auf lange Sicht kann sie sich nicht selbst­ver­wirk­lichen.Nach und nach zieht es sie wieder zurück in den Sport.

Es ist 2005 als sie für den Deutschen Leicht­ath­letik-Verband arbeitet. Als Leiterin der Anti-Doping-Koordi­nie­rungs­stelle und externe Rechtsanwältin, bekommt sie gleich im ersten Jahr Einsicht in die Akten der ZERV. Obwohl sie viel über das Sport­system in der DDR weiß, erkennt sie nun zum ersten Mal das ganze Ausmaß des Skandals. Je weiter sie in ihrer Karriere voran­schreitet, desto mehr gelingt es ihr, diese Tatsache nicht einfach so hinzu­nehmen. Sie führt bei den Leicht­ath­letik-Weltmeis­ter­schaften 2009 in Berlin und 2011 auch in Daegu in Südkorea das Doping­kon­troll-Management durch. Dabei trifft sie immer wieder auf Ungereimt­heiten in den Leistungs­kurven einiger Sportler. „Wer seine Geschwin­digkeit jahrelang ungefähr gleich hält und dann in kurzer Zeit um 12 Sekunden verbessert, ist auffällig“, sagt sie. Jakob ist nun an der Schnitt­stelle zu den Skandalen und bestimmt, wer kontrol­liert wird. Sie deckt zahlreiche Verstöße auf. Manchmal bedrückt es sie mitzu­er­leben, wie Sportler versuchen, die Urin- und Blutkon­trollen zu umgehen. Fast zehn Jahre lang ist sie Mitglied der Juris­ti­schen Kommission des Inter­na­tio­nalen Leicht­ath­letik-Verbandes und der Medizi­ni­schen und Anti-Doping-Kommission des Europäischen Leicht­ath­letik-Verbandes.

Sie will mehr Verant­wortung bei den Betei­ligten, eine bessere Betreuung der Mandanten. Mit dem Fachan­walts­titel bekommen die Sport­rechtler den nötigen Respekt der Kolle­ginnen und Kollegen in der Anwalt­schaft, aber es geht ihr um noch mehr: Sie will ihr Wissen weiter­geben. Eines, das sich weit mehr als auf Doping beschränkt: „Die Lektüre der ZERV-Akten damals haben mich zu einer der ersten Exper­tinnen auf dem Gebiet gemacht“, sagt sie, „Ich habe einen unfass­baren Einblick erhalten – aber ich halte mich nicht für ein Sprachrohr der DDR-Dopin­gopfer“. Sie habe in den letzten sieben Jahre hart dafür gekämpft, nicht nur als Doping­ex­pertin, sondern als Expertin im Sport- und Vereins­recht wahrge­nommen zu werden. „Was wesentlich mehr umfasst, und was mir auch gelungen ist“, bekräftigt sie. Die Doping­frage lässt sie trotzdem nie ganz los. Sie kommt immer mal wieder auf, zum Beispiel in ihrer Funktion als Lehrbe­auf­tragte an Hochschulen und Weiter­bil­dungs­in­sti­tuten.

Da steht sie oft vor angehenden Sport­ma­nagern, die sich „nicht die Bohne für das Thema Doping inter­es­sieren“. Für die zukünftigen Manager liegen die Skandale um Radprofi Lance Armstrong oder Sprin­terin Florence Griffith-Joyner weit zurück – die DDR ist eine Seite im Geschichtsbuch. Dass sie sich irren, begreifen die Studie­renden spätestens am Ende einer Stunde mit Anne Jakob. Dann hat die Anwältin ihnen von den Blutwerten der Russen auf Wettkämpfen erzählt oder davon, dass Doping ein hochkom­plexes System ist, mit dem mehr Umsatz gemacht wird als mit dem inter­na­tio­nalen Drogen­handel. Dann, sagt sie, sei meistens Stille.


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