Anwaltszukunft

Karriere als Rechtsanwältin – warum die Frauen wegbleiben

Das Forschungsinstitut für Anwaltsrecht der Humboldt-Universität zu Berlin veranstaltete am 25. November 2016 unter der Leitung des Geschäftsführenden Direktors Prof. Dr. Reinhard Singer seine 12. Jahrestagung zum rechtssoziologischen Thema „Karriere als Rechtsanwältin – Chancen, Risiken und Perspektiven“.

Dass die diesjährige Tagung, anders als die vorangegangen, nicht unter einem klassisch berufsrechtlichen Thema stand, war bereits am Publikum zu erkennen, welches sich überwiegend aus neuen Gesichtern zusammensetzte. Trotz der Tatsache, dass die üblichen berufspolitischen Interessenvertreter der Thematik wenig Aufmerksamkeit schenkten, war es dem Anwaltsinstitut jedoch wichtig, das Problemfeld in diesem Jahr in den Fokus zu rücken. In den Augen des Anwaltsinstitutes muss sich die Anwaltschaft stärker mit Fragen der Geschlechterdiversität auseinandersetzen und die eklatante Disparität in den eigenen Reihen kritisch hinterfragen. Hinzu kommt, dass sich das Anwaltsinstitut, ganz dem humboldtschen Bildungsideal folgend, verpflichtet sieht, nicht nur berufsrechtliche und -praktische Themen wissenschaftlich aufzubereiten, sondern auch Studierende an den Anwaltsberuf heranzuführen.

Gerade auch diesem Anspruch war die Ausrichtung der diesjährigen Jahrestagung geschuldet. Denn seitdem im Jahr 1922 Maria Otto als erste Rechtsanwältin zugelassen wurde, spiegeln die einschlägigen Statistiken noch immer wider, dass nur rund ein Drittel der Anwaltschaft weiblich ist, was angesichts der Tatsache, dass gegenwärtig circa 60 Prozent der Absolventen Frauen sind, zunächst überrascht. Weibliche Partnerinnen sind sowohl in kleineren bis mittleren Kanzleien als auch in Großkanzleien unterrepräsentiert. Es scheint eine gläserne Decke zu geben, die Frauen daran hindert, zur Partnerin aufzusteigen. In ihrem Grußwort machte die Vizepräsidentin der Rechtsanwaltskammer Berlin, Dr. Vera Hofmann, darauf aufmerksam, dass auch in den Anwaltskammern (wobei sie Wert darauf legte, dass die RAK Berlin hier eine Ausnahme macht)  Frauen unterrepräsentiert seien. Auch in der Bunderechtsanwaltskammer wurde erst im letzten Jahr die erste Kammerpräsidentin ins Präsidium der BRAK gewählt. Die Emanzipation spiegele sich somit bei der Besetzung von Spitzenpositionen weder in der BRAK noch in den meisten Rechtsanwaltskammern wider.

Das Vormittagsprogramm eröffnete Prof. Dr. Harald Koch von der Humboldt-Universität zu Berlin. Er hob in seinem Referat „Anwältinnen im internationalen Vergleich“ hervor, dass es in einigen Ländern, vor allem im skandinavischen Rechtskreis, gelungen sei, die Quote von Rechtsanwältinnen auf annähernd 50 Prozent zu steigern. Wesentliche Faktoren seien neben familienfreundlichen Kinderbetreuungsmöglichkeiten die gezielte institutionelle Förderung von Frauen durch Bildungs- und Unterstützungsmaßnahmen. Er forderte, dass diese Bemühungen vorangetrieben werden müssten. In der Zukunft gelte es insbesondere, näher zu untersuchen, ob es einen Zusammenhang zwischen der Anwaltsdichte und dem Frauenanteil gibt. Außerdem sei zu analysieren, welchen Einfluss weibliche Rechtssuchende auf den Frauenanteil in der Anwaltschaft haben.


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