Legal Tech

Legal Tech in der Anwalt­spraxis: Go with the flow

Einfach so weitermachen wie bisher ist für Kanzleien, die sich intensiv mit der Digitalisierung auseinandersetzen, langfristig keine Option mehr. Allerdings kann und soll auch nicht jede klassische Kanzlei in ein Legal Tech-Unternehmen umgewandelt werden. So haben auf den Sommer- und Herbstkonferenzen zum Thema Legal Tech Praktiker und Berater Handlungsalternativen vorgestellt und diskutiert. Die Ansätze zeigen beispielhaft, wie durch eine Analyse und Optimierung der Arbeitsprozesse in der Kanzlei auf die derzeitigen Veränderungen reagiert werden kann, um künftig vom Trend zur Standardisierung zu profitieren.

Der Fokus auf den Arbeitsprozess

Eine Möglichkeit mit den techni­schen Entwick­lungen Schritt zu halten, ist es, sich die Arbeits­weise derer anzuschauen, die diese Entwick­lungen maßgeblich voran­treiben: die Designer und Softwa­re­ent­wickler. Der Ansatz „Design Thinking“ setzt bei der Ausar­beitung von Lösungen auf die Kompo­nenten Raum, Team und Prozess. Es geht darum, gemeinsam in einem möglichst hetero­genen Team in einer die Kreativität fördernden, nicht der Routine entspre­chenden Umgebung die Arbeitspro­zesse mit Fokus auf die Zeit und angestrebten Ziele zu gestalten. Die Optimierung der Prozesse erfolgt durch Verstehen, Beobachtung, Stand­punkt­de­fi­nierung, Ideen­findung, Proto­typing und Auspro­bieren, wobei ein Projekt die verschie­denen Stadien mehrfach durchläuft, um noch beste­hende Schwie­rig­keiten direkt zu besei­tigen. Dieser Ansatz lässt sich auch auf juris­tische Arbeitspro­zesse übertragen, indem gezielt nach den Mandanten- und Kanzleibedürfnissen gefragt wird und für diese effiziente Arbeitsabläufe entwi­ckelt und erprobt werden. „Dadurch ergeben sich ganz neue Struk­turen in der Kanzleiführung“, sagte Udo Krauß (Synk Group), der Kanzleien bei der Einführung von Design Thinking begleitet.

„Es geht bei einer Neuaus­richtung sowohl um eine Anpassung der Geschäftspro­zesse als auch der Geschäftsmo­delle“, sagte Martin Krämer. Gedanklich sei dabei im ersten Schritt zu klären, welche Bedarfe die Mandanten in Bezug auf Preis, Beratung und Verständlichkeit der Dienst­leis­tungen haben, welche Auswir­kungen die Digita­li­sierung auf das konkrete Beratungs­an­gebot der Kanzlei hat und welche Geschäftsmo­delle und -prozesse andere Markt­teil­nehmer und Kanzleien bereits anbieten. In einem zweiten Schritt sei zu klären, wie das eigene Angebot attrak­tiver gestaltet werden könnte, welche Kompe­tenzen künftig zusätzlich benötigt werden, welche Dienst­leis­tungen neu oder nicht mehr angeboten werden sollen und mit welchen Partnern man bei der Umsetzung zusam­men­ar­beiten kann.

Von den Treibern des Wandels lernen

Ein ähnlicher Ansatz findet sich bei Softwa­re­ent­wicklern im „agilen Arbeiten“. Auch hier geht es darum, einen möglichst regen Austausch zwischen den Teammit­gliedern unter­ein­ander aber auch mit den Kunden aufrecht­zu­er­halten, um in jeder Projekt­phase die konkreten Vorstel­lungen und die notwen­digen Schritte abzugleichen. Auch im juris­ti­schen Bereich ermöglicht es Strate­gie­er­ar­beitung gemeinsam mit dem Mandanten eine schlanke, direkt auf die Bedürfnisse zugeschnitte Lösung zu finden. Das schafft Trans­parenz und erhöht die Mandan­ten­zu­frie­denheit. Aber auch die Kanzlei­mit­ar­beiter profi­tieren von der Abkehr von klassi­schen hierar­chi­schen Struk­turen. „Wenn Anwälte – gern auch aus verschie­denen Bereichen – im Zwei- oder Mehrper­so­nenteam arbeiten, können sie effiziente Arbeits­tech­niken vonein­ander lernen. Denn viele praktische Fragen stellt man sich nach einigen Jahren Berufstätigkeit nicht mehr gegen­seitig und kommt so nicht dazu, sich effizi­entere Methoden abzuschauen“, sagte Dr. Sascha Theißen (Diconium Strategy GmbH). Der Einblick in die Arbeit der Kollegen fördere zudem das gegen­seitige Verständnis und die Wertschätzung, was sich positiv auf das Arbeits­klima auswirke.

Weitere Impulse kann auch „Reverse Mentoring“ bringen, wie es beispiels­weise bei Dentons prakti­ziert wird. Hier bringt sich der inter­ne­taffine und in sozialen Medien aktive Nachwuchs bei der Gestaltung digita­li­sierter Prozesse mit ein. Kanzleien können dabei von den privaten Erfah­rungen im Umgang mit verschie­denen Programmen profi­tieren und erhalten Einblicke in die Sicht der Nutzer. Dies kann besonders hilfreich sein, wenn die Kanzlei langfristig Mandanten online akqui­rieren oder Dienst­leis­tungen über das Internet anbieten will.


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