Legal Tech

Legal Tech in der Anwalt­spraxis: Go with the flow

Wer als Kanzlei Online-Services anbietet, die für die Mandanten einen Mehrwert darstellen, sollte sich auch mit der veränderten Mentalität der Inter­n­et­nutzer vertraut machen. „Denn die digitale Trans­for­mation ist vor allem eine mentale Trans­for­mation“, sagte Innova­ti­ons­ex­perte Prof. Wolfgang Henseler: Die Nutzer erwarten nicht nur, dass eine bekannte Dienst­leistung digital abgebildet wird, sondern sie erwarten eine gestei­gerte Usability, die Anwendung muss intuitiv bedienbar sein und einen situativ-relevanten Service bieten. Wird diesen Nutzerbedürfnissen entsprochen, sind Kunden bezie­hungs­weise Mandanten häufig bereit, für eine ähnliche Leistung einen höheren Preis zu zahlen.

Digital denken

Sobald die einzelnen Aufgaben im Arbeitsprozess identi­fi­ziert sind, stellt sich die Frage wie und von wem sie bearbeitet werden sollen. „Die Mandanten werden künftig einen Experten nur dann zahlen wollen, wenn er wirklich erfor­derlich ist“, sagte Legal Rebell Michelle DeStefano. Daher sei es ratsam, Teams mit unter­schied­lichen Mitar­beitern zusam­men­zu­stellen und entspre­chende Software einzu­setzen, beispiels­weise bei der Dokumen­ten­analyse. Die Anfor­de­rungen an den Anwalt oder die Anwälten würden sich künftig dahin­gehend verändern, dass die Arbeit nicht unbedingt profes­sionell eigenhändig erledigt, sondern sinnvoll und effizient organi­siert werden müsse.

Für den Kanzlei­alltag bedeutet das, dass die Arbeits­weise auf die Verwendung der E-Akte ausge­richtet werden muss. So haben schon jetzt die etablierten Kanzlei­soft­wa­rean­bieter Features integriert, die die direkte Zuordnung von E-Mailin­halten und Scans zur entspre­chenden Akte sowie die Erstellung sich daraus ergebender Aufga­ben­listen für die einzelnen Mitar­beiter ermöglichen. Dieses sogenannte Wissens­ma­na­gement ermöglicht es, das Kanzlei­wissen allen Anwältinnen und Anwälten zugänglich zu machen, sodass einmal gefundene Lösungen von jedem genutzt werden können. Zur bestmöglichen Analyse der Daten gibt es verschiedene Anbieter auf dem Markt, von großen Kanzlei­ma­na­gement-Gesamt­pa­keten bis hin zu einzelnen von Startups entwi­ckelten Funktionen, die auf die beste­henden Daten und Programme über Program­mier­schnitt­stellen (APIs) angewendet werden können. Wer sich einen Überblick über die vorhan­denen Daten und häufig getätigten Arbeits­schritte gemacht hat, kann auch gezielt Algorithmen einkaufen, die diese übernehmen. „Legal Tech ist einer­seits Kanzlei­ma­na­gement: Wir können dadurch noch viel Effizienz in unseren Kanzleien dazuge­winnen. Anderer­seits werden Legal Tech-Angebote künftig helfen, recht­liche Fälle zu analy­sieren und den Mandanten schneller zu ihrem Recht zu verhelfen“, sagte Rechts­anwalt Dr. Cord Brügmann (DAV-Haupt­geschäftsführer).

Ein nächster Schritt auf dem Weg zur digitalen Kanzlei könnte in der Verwendung von Cloud-Lösungen liegen, die jedem Anwalt und jeder Anwältin der Kanzlei jederzeit Zugriff auf alle Unter­lagen und deren Verwaltung bieten. Zudem können Akten über die Cloud mit den Mandanten „geteilt“ werden, sodass diese einen Zugang erhalten und fallbe­zogene Dokumente nicht erst per E-Mail verschickt werden müssen.

Digital handeln

Umso trans­pa­renter die eignen Arbeitspro­zesse sind, umso klein­tei­liger sie zerlegt, standar­di­siert und digita­li­siert wurden, umso kleiner ist der Schritt hin zur Entwicklung von Rechts­pro­dukten. So können einzelne Teile des eigenen Workflows eigenständig als Service­pakete für den Mandanten oder Dienste für andere Kanzleien angeboten werden.

Die Ausrichtung einer Kanzlei an neuen Techno­logien und am Vorgehen ihrer Treiber kann laut den Referenten dazu beitragen, den Blick für die eigene Arbeit zu schärfen und den Mut zum Entwi­ckeln und Auspro­bieren von Alter­na­tiven zu finden. Es geht schließlich nicht darum, die Kanzlei anzupassen, sondern sie anpas­sungsfähig zu halten.

 


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