Anwaltsmarkt

Mehr als 80 Prozent ohne Zweit­beruf

Lediglich 19 Prozent der Anwältinnen und Anwälte gehen einer weiteren Tätigkeit nach. Der Großteil konzen­triert sich hingegen ausschließlich auf den Anwalts­beruf. Das hat eine Studie des Soldan Instituts ergeben.

 

Die berufliche Tätigkeit eines Rechtsanwalts muss sich nicht zwangsläufig auf die Anwaltstätigkeit beschränken. Denkbar ist, dass ein Rechtsanwalt neben dem Anwaltsberuf eine weitere Tätigkeit ausübt, sei es aus wirtschaftlichen Gründen, sei es aus Neigung und Interesse. Erkenntnisse darüber, wie häufig Rechtsanwälte einem weiteren Beruf nachgehen, bietet die Studie „Anwaltstätigkeit der Gegenwart“ des Soldan Instituts, über die dieser Beitrag berichtet.

 

I. Einleitung

Eine zweit­be­ruf­liche Tätigkeit von Anwälten bewegt sich in einem Spannungsfeld von Berufs­freiheit und der Stellung des Rechts­an­walts als unabhängigem Organ der Rechts­pflege. Nach § 7 Nr. 8 BRAO kann ein Anwalt einen Zweit­beruf ausüben, solange dieser mit dem Beruf des Rechts­an­walts, insbe­sondere mit seiner Stellung als unabhängiges Organ der Rechts­pflege, vereinbar ist und das Vertrauen in seine Unabhängigkeit nicht gefährdet. Ist dies nicht gewährleistet, ist die Zulassung zur Rechts­an­walt­schaft zu versagen oder nach § 14 Abs. 2 Nr. 8 BRAO zu wider­rufen, sofern der Widerruf keine unzumutbare Härte für den Rechts­anwalt darstellt.

Die Studie „Anwaltstätigkeit der Gegenwart“2 ist vor dem Hinter­grund der grundsätzlichen Zulässigkeit zweit­be­ruf­licher Betätigungen der Frage nachge­gangen, wie viele Rechtsanwälte sich nicht ausschließlich auf den Anwalts­beruf konzen­trieren, sondern eine weitere Tätigkeit ausüben. Diese kann unmit­telbar komplementär zur Anwaltstätigkeit sein, wenn der Rechts­anwalt als sog. Doppel- oder Dreifachbänder zugleich auch über eine Berufs­zu­lassung als Steuer­be­rater und/oder Wirtschaftsprüfer verfügt. Eine die Anwaltstätigkeit ergänzende Funktion haben auch beruf­liche Betätigungen als Notar und als Mediator. Diesen zur Auswahl gestellten zweit­be­ruf­lichen Betätigungen stehen Berufstätigkeiten entgegen, die keine unmit­telbar dem Anwalts­beruf dienende oder diesen ergänzende Funktion haben. Nach ihnen wurde ebenfalls gefragt und die Möglichkeit eingeräumt, den Beruf im Rahmen einer offenen Antwort näher zu umreißen.


II. Gesamtbetrachtung

81 Prozent der Befragten üben keine Nebentätigkeit aus. 9 Prozent üben einen komplementären Zweit­beruf, das heißt eine Nebentätigkeit als Steuer­be­rater, Mediator, Wirtschaftsprüfer oder Notar aus, 10 Prozent einen nicht-juris­ti­schen Zweit­beruf. Zweit­be­ruf­liche Betätigungen sind daher nicht sehr weit verbreitet, finden aber doch nicht nur so selten statt, dass sie vernachlässigenswert wären. Geht man etwa davon aus, dass jene 19 Prozent der Rechtsanwälte, die nicht ausschließlich den Anwalts­beruf ausüben, die Hälfte ihrer Arbeitszeit nicht-anwaltlich verbringen, wäre aus ökonomi­scher Sicht die Zahl der am Markt tätigen Vollzeit­rechtsanwälte um fast 10 Prozent nach unten zu korri­gieren.

 

III. Differenzierende Betrachtung

Unter den Anwälten, die eine Nebentätigkeit ausüben, ergibt sich im Hinblick auf Einzelkanzleien ein interessanter Befund: Eine weitere berufliche Tätigkeit üben 24 Prozent der Anwälte aus Einzelkanzleien aus (gegenüber 16 Prozent der Anwälte aus anderen Kanzleitypen), einen nicht juristischen Zweitberuf 15 Prozent (gegenüber 6 bis 8 Prozent bei den anderen Kanzleitypen). Ein ähnliches Bild ergibt sich bei einer Differenzierung nach der Zahl der Rechtsanwälte in der Kanzlei. In Kanzleien, in denen nur ein Rechtsanwalt tätig ist, üben 26 Prozent eine weitere berufliche Tätigkeit aus, in Kanzleien mit zwei bis fünf Anwälten sind es nur 18 Prozent, in Kanzleien mit 6 und mehr Anwälten 17 Prozent. Auch im Hinblick auf nicht-juristische Zweitberufe ist der höchste Anteil (15 Prozent) bei Kanzleien mit nur einem Rechtsanwalt zu finden.
Bei den komplementären Zweitberufen (Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Notar, Mediator) gibt es keine statistisch signifikanten Unterschiede in Abhängigkeit von der Kanzleigröße. Wenig überraschend ist, dass unter den Anwälten mit einem persönlichen Umsatz unter 50.000 Euro der Anteil derer, die einer weiteren beruflichen Tätigkeit nachgehen, am höchsten ist (35 Prozent). Hier wird die andere berufliche Tätigkeit überwiegend finanzielle Gründe haben. Interessant ist, dass der Anteil bei solchen Anwälten am geringsten ist (15 Prozent), die einen persönlichen Umsatz von 100.000 bis unter 200.000 Euro haben, bei einem höheren Verdienst steigen die Werte wieder leicht an (bis zu 21 Prozent). Auch nicht-juristische Zweitberufe überwiegen deutlich bei Anwälten, die einen Umsatz unter 50.000 Euro haben (25 Prozent). Bei den komplementären Zweitberufen ergibt sich ein anderes Bild: Unter den Anwälten, die einen persönlichen Umsatz von 300.000 Euro und mehr haben, ist der Anteil am höchsten und liegt deutlich über dem Durchschnitt (17 Prozent) von 11 Prozent.
Unter Miteigentümern und Partnern ist der Anteil an Anwälten, die eine weitere berufliche Tätigkeit ausüben, fast dreimal so hoch (22 Prozent) wie bei angestellten Anwälten (8 Prozent) und freien Mitarbeitern (9 Prozent). Auch bei den nicht-juristischen Zweitberufen ist der höchste Anteil (11 Prozent) unter den Miteigentümern und Partnern zu finden. Wenig überrascht, dass unter den Anwälten, die in vollzeitferner Teilzeit arbeiten (unter 30 Stunden), der höchste Anteil (33 Prozent) an Anwälten besteht, die einer weiteren beruflichen Tätigkeit nachgehen, ähnlich ist es bei den nicht-juristischen Zweitberufen (22 Prozent). Betrachtet man die Berufserfahrung zeigt sich, dass Anwälte mit einer Berufserfahrung von 30 bis unter 40 Jahren beziehungsweise in einem Alter von 60 Jahren und älter am häufigsten eine weitere berufliche Tätigkeit ausüben, am geringsten ist der Anteil unter den Anwälten mit weniger als zehn Jahren Berufserfahrung. Ein ähnlicher Befund ergibt sich bei den komplementären Zweitberufen.

 

IV. Rechtsgebietsspezifische Betrachtung

Eine weitere beruf­liche Tätigkeit, der – siehe oben – 19 Prozent aller Rechtsanwälte nachgehen, üben besonders häufig Rechtsanwälte mit Tätigkeits­schwer­punkten im Bilanz- und Steuer­recht (49 Prozent), im Medizin­recht, Erbrecht und  Gesell­schafts­recht (25 bzw. 26 Prozent) sowie im Sozial­recht (21 Prozent) aus. Aller­dings handelt es sich häufig um „komplementäre“ Tätigkeiten als Notar, Steuer­be­rater oder Mediator, nicht um zweit­be­ruf­liche, außerhalb der Kanzlei ausgeübte Tätigkeiten. Lässt man solche Tätigkeiten, die zugleich einen sozietätsfähigen Beruf im Sinne von § 59 a Abs. 1 BRAO darstellen, außer Betracht, ergibt sich freilich ein abwei­chendes Bild, das zeigt, dass bestimmte Tätigkeits­schwer­punkte häufiger mit einer juris­ti­schen (Zweit-)Tätigkeit als Steuer­be­rater, Wirtschaftsprüfer oder Notar einher­gehen.

 

V. Zusammenfassung

Acht von zehn der Studien­teil­neh­me­rinnen und -teilnehmer üben keine Nebentätigkeit aus, 9 Prozent üben einen komplementären Zweit­beruf, das heißt eine Nebentätigkeit als Steuer­be­rater, Mediator, Wirtschaftsprüfer oder Notar aus, 10 Prozent einen nicht-juris­ti­schen Zweit­beruf. Anwälte aus Einzel­kanz­leien üben deutlich häufiger eine weitere beruf­liche Tätigkeit oder einen nicht-juris­ti­schen Zweit­beruf aus als Anwälte anderer Kanzlei­typen. Inter­essant ist, dass der Anteil an Anwälten, die einer weiteren beruf­lichen Tätigkeit nachgehen, am geringsten ist, wenn diese einen persönlichen Umsatz von 100.000 bis unter 200.000 Euro haben – bei einem höheren Verdienst steigen die Werte wieder leicht an. Nicht-juris­tische Zweit­berufe überwiegen deutlich bei Anwälten, die einen Umsatz unter 50.000 Euro erzielen. Unter den Anwälten, die einen persönlichen Umsatz von 300.000 Euro und mehr erzielen, ist der Anteil an komplementären Zweit­be­rufen am höchsten. Unter Miteigentümern und Partnern ist der Anteil an Anwälten, die eine weitere beruf­liche Tätigkeit ausüben, fast dreimal so hoch wie bei angestellten Anwälten und freien Mitar­beitern, auch bei den nicht-juris­ti­schen Zweit­be­rufen ist der höchste Anteil unter den Miteigentümern und Partnern zu finden. Eine weitere beruf­liche Tätigkeit üben besonders häufig Rechtsanwälte mit Tätigkeits­schwer­punkten im Bilanz- und Steuer­recht, im Medizin­recht, Erbrecht und Gesell­schafts­recht sowie im Sozial­recht aus.

Die Ergebnisse der Studie hat das Anwaltsblatt im Juni-Heft (AnwBl 2017, 624) veröffentlicht.

Prof. Dr. Matthias Kilian, Soldan Institut, Köln

 

 


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