Portät

Anwalt­schaft neu denken

Was halten Sie vom DAV-Vorschlag zur großen BRAO-Reform, der auf einen Geset­zes­vor­schlag von Martin Henssler zurückgeht?

Mit den Reform­vorschlägen kann ich mich auf jeden Fall anfreunden. Es wird aller­dings meist sehr viel mehr Energie darauf verwendet, ob die Reform gemacht werden soll, als darauf, wie die Reform dann wirklich ausge­staltet wird, so dass sie in der Praxis umsetzbar ist und auch den gewünschten Effekt erzeugt.

Wenn sich die Welt der Mandanten und Kanzleien verändert, was wird aus dem Zivil­prozess?

Der Zivil­prozess wird sich enorm wandeln, wenn die Akteure bereit dazu sind. Erstens: Ich kann mir gut vorstellen, dass er komplett digital statt­finden wird. Zweitens, dass man häufiger auf die mündliche Verhandlung verzichten wird. Dass man drittens vielleicht auch verschiedene Formen von Prozessen für unter­schied­liche Arten von Verfahren vorsieht. Das gilt vor allem für ähnlich gelagerte Fälle, sogenannte Massenfälle

Wäre denn der Verlust des Mündlich­keits­prinzips wirklich ein Preis, den man bereit wäre zu zahlen?

Die mündliche Verhandlung findet nach der ZPO grundsätzlich statt, es sei denn, beide Parteien würden eine Entscheidung im schrift­lichen Verfahren beantragen oder der Richter schlägt das vor und die Parteien stimmen zu. Bei Massenfällen könnte man dieses Prinzip umdrehen. Eine mündliche Verhandlung findet grundsätzlich nicht statt, es sei denn, dass eine Partei ein Interesse darlegt. Es geht mir nicht um die vollständige Aufgabe.

Juristen fühlen sich noch immer als Halbgötter in Schwarz. Auf dem Anwaltstag 2018 haben Sie über Fehler­kultur gesprochen. Was verstehen Sie darunter?

Ich verstehe unter „Fehler­kultur“, dass wir erst einmal akzep­tieren, dass wirklich alle Anwältinnen und Anwälte Fehler machen. Wenn man wachsen und lernen möchte, sollten wir möglichst offen damit umgehen, um aus eigenen Fehlern zu lernen und auch aus den Fehlern von anderen Menschen zu lernen.

Wie muss sich die Anwalt­schaft ändern, damit sie Fehler­kultur leben kann in diesem Sinne?

Das ist eine große Frage. Das hängt natürlich mit den strengen Regeln der Anwalts­haftung zusammen. Diese Diskrepanz, dass man einer­seits mit Fehlern offen umgeht und trotzdem aber haftungs­rechtlich in Anspruch genommen werden kann, lässt sich natürlich nicht so leicht auflösen.

Wie offen ist die Anwalt­schaft für Menschen, die nicht aus Akade­mi­ker­fa­milien kommen?

Man stößt auf sehr viele – so möchte ich es formu­lieren – unsichtbare Barrieren. Ich hatte das Glück, dass das an mir vorbei­ge­gangen ist. Solche Barrieren muss die Anwalt­schaft Kindern aus Nicht­aka­de­mi­ker­fa­milien nehmen. Vielleicht müssen sie früher in Kontakt kommen mit Akade­mikern, so dass sie merken: „Hey, ganz normale Person, kocht mit Wasser, wenn der das schafft, schaffe ich das auch.“

Wenn man an die Türen von Anwalts­kanz­leien klopft, spielt das Thema „Migra­ti­ons­hin­ter­grund“ dann eine Rolle?

Das kann positiv genauso wie negativ eine Rolle spielen. Das hängt vom Mandan­ten­stamm ab.

Sie sind zwei Jahre Anwalt. Haben Sie schon einen Fehler erlebt, von dem Sie Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter in zehn Jahren noch erzählen werden?

Ja, ein paar. Alle in meiner Position haben schon verschie­denste Fehler gemacht. Manche sind klein, manche sind groß, manche äußern sich, manche äußern sich nicht. Bloß, weil man nach drei Jahren vielleicht noch keinen Haftungsfall produ­ziert hat, heißt es nicht, dass man nicht sehr viele poten­zielle Haftungsfälle produ­ziert hat, die nur aus Glück oder Zufall keine geworden sind. Das gilt auch für die älteren Kolle­ginnen und Kollegen.

Wenn Sie heute aus dem Büro auf die Hamburger Binnen­alster und den Jungfern­stieg schauen, was denken Sie dann?

Es ist schon cool, aber es ist wirklich nicht das, was zählt am Ende.


Zurück