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Anwalt­schaft neu denken

Dr. Oliver Islam

Über die Zukunft der Anwaltschaft diskutieren vor allem ältere Anwälte. Dabei wird sie längst von denen gestaltet, die sich heute für den Anwaltsberuf entscheiden. Doch was motiviert den Nachwuchs? Was erwartet er von seiner Zukunft? Wie muss sich die Anwaltschaft wandeln? Sind Digitalisierung und Legal Tech für ihn Chancen oder Bedrohung? Anwaltsblatt Karriere fragte Dr. Oliver Islam, seit 2017 Rechtsanwalt in Hamburg und in einer Großkanzlei im Bereich Prozessführung und Schiedsverfahren tätig, warum er Anwalt geworden ist.

Dr. Oliver Islam ist seit 2017 Rechts­anwalt. Geboren 1988 in Rinteln studierte er Jura von 2008 bis 2013 an der Leibniz-Universität Hannover. 2010/2011 war er Mitglied des Wilhelm C. Vis Moot Court-Teams seiner Universität. 2013 studierte er zwei Monate an der Symbiosis Law School in Pune/südlich von Mumbai. Von 2013 bis 2015 war er wissen­schaft­licher Mitar­beiter am Lehrstuhl für Öffent­liches Recht und Sozial­recht der Uni Hannover bei Prof. Dr. Hermann Butzer. Ab 2015 war er Gründungs­mit­glied der Refugee Law Clinic an der Uni Hannover (ehren­amt­liche, kostenlose Rechts­be­ratung für Flüchtlinge). 2015 bis 2017 absol­vierte er das Referen­dariat im OLG Bezirk Celle. Seine Promotion mit dem Titel „Das Kapital­be­tei­li­gungs­verbot an Anwalts­ge­sell­schaften“ ist im Deutschen Anwalts­verlag 2017 erschienen (von Matthias Kilian in der Anwalts­blatt- Bücherschau positiv besprochen, AnwBl 2018, 292). Seit 2017 ist er Associate bei Noerr LLP in Hamburg in der Praxis­gruppe Prozessführung, Schieds­ver­fahren & Alter­native Dispute Resolution (ADR). Er ist seit 2018 Vorstands­mit­glied des Hambur­gi­schen Anwalts­vereins.

Anwältin oder Anwalt wollen noch immer die wenigsten Jurastu­die­renden werden. Warum sind Sie Anwalt geworden?

Am Anfang bin ich mit der Idee Anwalt geworden, dass der Beruf die größte Flexi­bilität und die meisten Möglich­keiten bietet.

Was denken Sie jetzt nach zwei Jahren?

Nichts anderes. Die Flexi­bilität ist toll, egal, ob ich inter­na­tional, national, nach Gebiet oder nach Standort arbeiten will. Der Anwalts­beruf ermöglicht so viel und ist offen. Das ist anders als beim Richter­beruf. Als Richter hätte ich irgendwann eine Stelle auf Lebenszeit … das Wort „Lebenszeit“ hat mich schon leicht abgeschreckt. Die Freiheit des Anwalts­berufs bietet viel mehr Chancen.

Warum der Berufs­ein­stieg in einer Großkanzlei?

Die Gründe sind ähnlich wie bei der Wahl des Anwalts­berufs: In der Großkanzlei hat man die Möglichkeit der klaren Spezia­li­sierung, kann inter­na­tional genauso wie national arbeiten und erhält eine solide Ausbildung. Die Vorstellung trügt, dass man nach dem Referen­dariat auf irgend­einen der Juris­ten­berufe vorbe­reitet wäre. Man muss noch so viel lernen.

Dr. Oliver Islam im Profil. Man sieht seinen Zopf.
Dr. Oliver Islam - Der Mann mit dem Zopf: Er ist jung, motiviert, engagiert und klug. Er verrät dem Anwaltsblatt, was sich änderm muss, damit mehr sich Jurastudenten für den Anwaltsberuf entscheiden.

 

Der Anwalts­beruf gilt dem Nachwuchs immer häufiger als zu anspruchsvoll. Zu viel Verant­wortung, zu viel Arbeit, zu wenig Freizeit. Was ist Ihnen wichtig?

Mir ist auf jeden Fall perspek­ti­visch eine Mischung aus Famili­en­leben, einem Privat­leben außerhalb der Familie und eben dem Arbeits­leben wichtig. Der Einstieg in den Anwalts­beruf war arbeits­in­ten­siver, aber das war immer klar.

Sie sind gerade Vater geworden.

Genau, daher die Mischung. Das ist vielleicht ein bisschen das Problem meiner Generation: Es ist natürlich leichter, Karriere zu machen, wenn man sich auf die Karriere konzen­triert. Für mich sage ich: Ich will Karriere machen, aber gleich­zeitig Famili­en­leben haben und gleich­zeitig Freunde treffen und gleich­zeitig Zeit für mich haben. Und wenn sich das nicht verbinden lässt, dann möchte ich an allen Säulen Abstriche machen – und nicht zwei der Säulen opfern.

Die Anwalt­schaft hat Nachwuchs­mangel: Was muss sich ändern?

Was gibt man alles auf, wenn man 50 Stunden in der Kanzlei verbringt plus Socializing und Akquise? Man ersetzt seinen Bekannten- und Verwandtenkreis
durch die Kollegen. Natürlich wollen das viele Menschen nicht mehr. Wenn die Arbeitgeber sagen, dass sie Nachwuchsprobleme haben, sagen sie eigentlich: „Ich habe Probleme, genau diese eierlegende Wollmilchsau zu finden, die ich haben möchte.“

Dr. Oliver Islam steht vor einer Treppe.
Der Nachwuchs ist die Zukunft der Anwaltschaft - Dr. Oliver Islam besitzt seine Zulassung seit 2017.

Müssen die Kanzleien lernen, dass heute Männer und Frauen gleichermaßen Beruf und Familie in Einklang bringen wollen?

Ja, der Nachwuchs möchte eigene Lebens­mo­delle leben, Frauen und Männer wollen gleichermaßen Karriere machen, keiner ist bereit, vollständig zugunsten des anderen zurückzutreten. Und natürlich gibt es auch Frauen wie Männer, die keine Karriere machen wollen. Für beide Geschlechter ist es im Optimalfall so, dass die Gesell­schaft akzep­tiert, dass die Unter­schiede zwischen Mann und Frau in den Zielen, die wir im Leben haben, gar nicht so unter­schiedlich sind.

Sie sind im Vorstand des Hambur­gi­schen Anwalt­vereins seit 2018 aktiv. Warum?

Ich habe mich in meiner Promotion mit dem Anwalts­recht beschäftigt und fand es daher inter­essant, die Perspektive zu erweitern. Es ist schon bemer­kenswert, dass die Anwalt­schaft so eine starke Inter­es­sens­ver­tretung über den DAV hat. Im Anwalt­verein treffe ich sehr viele unter­schied­liche Anwältinnen und Anwälte jenseits der Großkanzleien. Und dann hat es mich natürlich auch gestört, dass in den meisten Vorständen von Anwalt­ver­einen die Generation über 50 natürlich überrepräsentiert ist, was natürlich vernünftig ist, weil für die Vertretung der Inter­essen der Anwalt­schaft Erfahrung hilfreich ist.

Alle reden von Legal Tech, haben Sie eine Idee, wie Ihr Anwalts­ar­beits­platz der Zukunft aussehen wird?

Ich kann mir gut vorstellen, dass man eigentlich nur seinen Laptop braucht, um von überall arbeiten zu können. Das Home-Office wird stärker vertreten sein, weil damit auch Teilzeit­mo­delle leichter verbunden werden können. Außerdem kann ich mir gut vorstellen, dass sich auch die gesamte Kanzlei­en­land­schaft verändert: Es führt kein Weg daran vorbei, verschie­denen Berufs­gruppen die Koope­ration mit Anwälten, also inter­dis­ziplinäre Sozietäten, zu ermöglichen.

Wie soll das konkret aussehen?

Die Kombi­nation aus IT und Jura wäre attraktiv. So eine Kanzlei kann anders struk­tu­riert und sehr viel effizi­enter sein. Der Effizi­enz­gewinn geht natürlich zugunsten der Mandant­schaft aus. Wenn ich mir jetzt in 20 Jahren eine erfolg­reiche Kanzlei vorstelle, dann sehe ich keine Kanzlei aus 400 Anwältinnen und Anwälten, sondern eine aus 30 Personen, wovon vielleicht fünf Archi­tekten und Bauin­ge­nieure, drei, vier, fünf IT-lerinnen und IT-ler sind und dann irgendwie der Rest von Juristen geprägt wird. Meine Generation, auch die zehn Jahre über mir und erst recht die zehn Jahre unter mir, die braucht eigentlich nur eine App für die Rechts­be­ratung. Frage stellen und eine Antwort online bekommen. Den persönlichen Rat wird es nur für die ältere Generation weiter geben.

Welche Bedeutung wird Legal Tech spielen?

In einem Teilbe­reich des Marktes, also wo es um Verbrau­cher­rechte geht, wird das eine große Rolle spielen. Bis zu bestimmten Summen machen die Menschen überhaupt keine Rechte geltend, es herrscht ein ratio­nales Desin­teresse.

Die Legal-Tech-Diskussion nimmt vor allem deswegen Fahrt auf, weil die Legal-Tech-Unter­nehmen mit Inkas­soer­laubnis Rechts­dienst­leis­tungen erbringen, die sie vor allem über Kapital von Dritten finan­zieren. Bei Anwalts­kanz­leien ist Fremd­ka­pital verboten. Richtig oder falsch?

Bei Anwalts­kanz­leien ist Fremd­ka­pital verboten. Aller­dings stellt sich die Frage, was man unter Fremd­ka­pital versteht. Kanzleien dürfen ohne Weiteres große Darlehen bei Banken aufnehmen, das ist natürlich auch Fremd­ka­pital. Und das ist auch immer mit der Gefahr verbunden, dass die Kanzlei das große Darlehen nicht ablösen kann.

Was ist besser, Fremd­ka­pital einer Bank oder das Eigen­ka­pital eines Nicht­an­walts?

Das sind unter­schied­liche Gefahren, die auch unter­schiedlich bewertet werden müssen. Der Kapita­l­eigner hat Infor­ma­tions- und Mitwir­kungs­rechte. Da ist natürlich die Gefahr für die inhalt­liche Unabhängigkeit des Anwalts bei den Eigen­ka­pi­tal­gebern größer als bei der Bank. Bei der Bank ist es einfach nur eine wirtschaft­liche Existenz­pro­ble­matik.

Dr. Oliver Islam vor einem Bücherregal voller Gesetzesbücher.
Dr. Oliver Islam ist seit 2018 Vorstand des Hamburgischen Anwaltvereins.

 

Sie schlagen in ihrer Disser­tation für das Eigen­ka­pital von Nichtanwälten eine stille Gesell­schaft mit dem Zusatz mit fremder Kapital­be­tei­ligung vor.

Die Idee ist, das „Ob“, also das Kapital von Außen in die Anwalt­schaft integriert werden kann, zuzulassen und das „Wie“ zu regulieren. Mein Vorschlag will der Anwalt­schaft ermöglichen, Kapital zu empfangen. Es ist die stille Gesell­schaft mit fremder Kapital­be­tei­ligung. Auf der einen Seite kann so eine Kanzlei aufgebaut werden und es ermöglicht auf der anderen Seite, in die Anwalt­schaft zu inves­tieren. Es könnten so Kanzleien entstehen, die ansonsten keine Chancen haben. Die Gefahr, dass der Kapital­geber Einfluss nimmt auf die Arbeit, kann durch einige Regularien in dem Gesell­schafts­vertrag und auch durch kleinere Veränderungen im Berufs­recht abgestellt werden.

Eigen­ka­pital von außen können aktuell vor allem die Inkas­so­dienst­leister akqui­rieren, die mit einer Inkas­soer­laubnis auf den Rechts­dienst­leis­tungs­markt drängen. Diese Dienst­leister könnten dann auch unter das anwalt­liche Berufs­recht fallen.

Ja, das mit zu regulieren wäre sinnvoll. Es ist sehr viel Potenzial da, das aber nicht genutzt wird, weil Reformen bisher ausge­blieben sind. Ohne gute Regulierung wird die Praxis halt Wege gehen, die der Anwalt­schaft eigentlich schaden.

Was halten Sie vom DAV-Vorschlag zur großen BRAO-Reform, der auf einen Geset­zes­vor­schlag von Martin Henssler zurückgeht?

Mit den Reform­vorschlägen kann ich mich auf jeden Fall anfreunden. Es wird aller­dings meist sehr viel mehr Energie darauf verwendet, ob die Reform gemacht werden soll, als darauf, wie die Reform dann wirklich ausge­staltet wird, so dass sie in der Praxis umsetzbar ist und auch den gewünschten Effekt erzeugt.

Wenn sich die Welt der Mandanten und Kanzleien verändert, was wird aus dem Zivil­prozess?

Der Zivil­prozess wird sich enorm wandeln, wenn die Akteure bereit dazu sind. Erstens: Ich kann mir gut vorstellen, dass er komplett digital statt­finden wird. Zweitens, dass man häufiger auf die mündliche Verhandlung verzichten wird. Dass man drittens vielleicht auch verschiedene Formen von Prozessen für unter­schied­liche Arten von Verfahren vorsieht. Das gilt vor allem für ähnlich gelagerte Fälle, sogenannte Massenfälle

Wäre denn der Verlust des Mündlich­keits­prinzips wirklich ein Preis, den man bereit wäre zu zahlen?

Die mündliche Verhandlung findet nach der ZPO grundsätzlich statt, es sei denn, beide Parteien würden eine Entscheidung im schrift­lichen Verfahren beantragen oder der Richter schlägt das vor und die Parteien stimmen zu. Bei Massenfällen könnte man dieses Prinzip umdrehen. Eine mündliche Verhandlung findet grundsätzlich nicht statt, es sei denn, dass eine Partei ein Interesse darlegt. Es geht mir nicht um die vollständige Aufgabe.

Juristen fühlen sich noch immer als Halbgötter in Schwarz. Auf dem Anwaltstag 2018 haben Sie über Fehler­kultur gesprochen. Was verstehen Sie darunter?

Ich verstehe unter „Fehler­kultur“, dass wir erst einmal akzep­tieren, dass wirklich alle Anwältinnen und Anwälte Fehler machen. Wenn man wachsen und lernen möchte, sollten wir möglichst offen damit umgehen, um aus eigenen Fehlern zu lernen und auch aus den Fehlern von anderen Menschen zu lernen.

Wie muss sich die Anwalt­schaft ändern, damit sie Fehler­kultur leben kann in diesem Sinne?

Das ist eine große Frage. Das hängt natürlich mit den strengen Regeln der Anwalts­haftung zusammen. Diese Diskrepanz, dass man einer­seits mit Fehlern offen umgeht und trotzdem aber haftungs­rechtlich in Anspruch genommen werden kann, lässt sich natürlich nicht so leicht auflösen.

Wie offen ist die Anwalt­schaft für Menschen, die nicht aus Akade­mi­ker­fa­milien kommen?

Man stößt auf sehr viele – so möchte ich es formu­lieren – unsichtbare Barrieren. Ich hatte das Glück, dass das an mir vorbei­ge­gangen ist. Solche Barrieren muss die Anwalt­schaft Kindern aus Nicht­aka­de­mi­ker­fa­milien nehmen. Vielleicht müssen sie früher in Kontakt kommen mit Akade­mikern, so dass sie merken: „Hey, ganz normale Person, kocht mit Wasser, wenn der das schafft, schaffe ich das auch.“

Wenn man an die Türen von Anwalts­kanz­leien klopft, spielt das Thema „Migra­ti­ons­hin­ter­grund“ dann eine Rolle?

Das kann positiv genauso wie negativ eine Rolle spielen. Das hängt vom Mandan­ten­stamm ab.

Sie sind zwei Jahre Anwalt. Haben Sie schon einen Fehler erlebt, von dem Sie Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter in zehn Jahren noch erzählen werden?

Ja, ein paar. Alle in meiner Position haben schon verschie­denste Fehler gemacht. Manche sind klein, manche sind groß, manche äußern sich, manche äußern sich nicht. Bloß, weil man nach drei Jahren vielleicht noch keinen Haftungsfall produ­ziert hat, heißt es nicht, dass man nicht sehr viele poten­zielle Haftungsfälle produ­ziert hat, die nur aus Glück oder Zufall keine geworden sind. Das gilt auch für die älteren Kolle­ginnen und Kollegen.

Wenn Sie heute aus dem Büro auf die Hamburger Binnen­alster und den Jungfern­stieg schauen, was denken Sie dann?

Es ist schon cool, aber es ist wirklich nicht das, was zählt am Ende.


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