Porträt

Der sanfte Ausstieg aus dem Anwalts­beruf

Es geht auch anders, nämlich ohne Kanzleiverkauf: Die Einzelanwältin Verena Mittendorf hat den sanften Ausstieg gewählt.

Doch, das geht: Jahrzehntelang als Einzelanwältin erfolgreich sein und dann im Rentenalter den Laden einfach zumachen. Kein Verkauf. Keine Tränen. Verena Mittendorf war leidenschaftlich gerne Anwältin und sogar die erste Vizepräsidentin des DAV. Nun schlägt sie ein neues Kapitel ihres Lebens auf. Wie einer Anwältin der sanfte Ausstieg aus dem Anwaltsberuf gelingt.

Seit 1990 ist Verena Mittendorf Rechtsanwältin. 1991 gründete sie ihre Einzel­kanzlei in Hildesheim. Sie versteht sich bis heute als Genera­listin, hat aber sehr wohl Spezia­li­sie­rungen. Von 1999 bis 2005 war sie Vorsit­zende des Hildes­heimer Anwalt­vereins. Von 2001 bis 2013 hat sie im Vorstand des Deutschen Anwalt­vereins mitge­ar­beitet und war von 2003 bis zum Ausscheiden aus dem Vorstand Vizepräsidentin und Schatz­meis­terin des DAV. Bis heute ist sie noch im Präsidium des DAV-Landes­ver­bandes Nieder­sachsen. Im Juni 2016 würdigte der Deutsche Anwalt­verein das ehren­amt­liche Engagement von Verena Mittendorf für die Anwalt­schaft mit dem Ehren­zeichen der Deutschen Anwalt­schaft.

 

Im Jahr 1991 hat Verena Mittendorf genug Geld gespart, um loszu­legen. Wird das klappen mit dem Selbstständigsein als Rechtsanwältin mit eigener Praxis? Wer wird sie beauf­tragen? Wird sie dem Job gewachsen sein? Mittendorf hat Fragen. Die Banken bieten ihr günstige Kredite. Doch der Gründerin sind Schulden grundsätzlich suspekt. Es geht auch etwas kleiner, denkt sie. Alles zu seiner Zeit. Sie infor­miert sich: Was brauche ich als Einzelanwältin? Brauche ich nicht erst Mandanten und dann erst teure Anschaf­fungen auf Pump?

Sie fährt auf die Cebit und infor­miert sich. Redet mit den Verkäufern. Macht sich ein Bild. Und bestellt ihre Bürotechnik bei einem Händler, der ihr zusagt (und den sie bar bezahlt). Der Mann ist gut im Geschäft, hat aber einen Streit am Hals. Verena Mittendorf hört ihm zu. Erzählt ihm, wer sie ist. Und hat ihren ersten Mandanten, bevor die Kanzlei eröffnet ist. So ging es 26 Jahre lang weiter. Mitten­dorfs Mandanten-Magne­tismus wird in den Jahrzehnten, die folgen, nie an Kraft verlieren. Wenn es Fähigkeiten gibt, die dafür sprechen, sich als Anwältin alleine selbstständig zu machen, dann hat Verena Mittendorf sie alle mitge­bracht, „ohne es vorher zu wissen“, wie sie sagt. Vielleicht war das, was sie so gut für den Job geeignet machte, in der Welt nicht gefragt, in der sie sich in den Jahren zuvor bewegt hatte, Flexi­bilität zum Beispiel.

Mittendorf wollte doch nur Familie und Beruf unter einen Hut bringen, keine einfache Angele­genheit in den Achtzigern des vergan­genen Jahrhun­derts. Da war sie Risiko­ex­pertin bei einem großen deutschen Indus­trie­ver­si­cherer, allein unter Männern. In der Rückschau war das ein Moment, der die Weichen stellte für das, was danach kam.

Minuten nach der mündlichen Prüfung im Zweiten Staats­examen hatte der Leiter des Landes­jus­tizprüfungs­amtes die noch nervöse Verena Mittendorf darum gebeten, einem Kollegen ihre Nummer geben zu dürfen, von dem er wusste, dass er dringend eine neue Mitar­bei­terin suchte. „Ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschieht“, sagt Mittendorf heute über diesen Moment.

Was sie nicht sagt – und doch gemerkt haben muss: Sie hat neben dem Fachlichen etwas an sich, das Menschen für sie einnimmt – das bemerkte auch der Prüfer. Eine Verbind­lichkeit, nicht hemdsärmelig, nicht distanzlos. Aber zugewandt, inter­es­siert, unvor­ein­ge­nommen. Mit einer Portion Schalk ausge­stattet und einer schnellen Auffas­sungsgabe gepaart. „Ich bilde mir ein, mit wirklich jedem ins Gespräch kommen zu können“, sagt Mittendorf heute mit einem Achsel­zucken, „es gibt in meiner Erinnerung fast niemanden, mit dem ich nicht eine gemeinsame Ebene gefunden hätte, und sei sie noch so klein.“ Die Mittendorf-Diplo­matie ist eine Gabe, die sie vom Examen bis in den Ruhestand trug – und – wie es aussieht – auch darüber hinaus.

Sie landet aus dem Examen heraus direkt im Konzern des Indus­trie­ver­si­cherers, behauptet sich und wird schwanger. Der Club der Herren teilt sich in zwei Gruppen: „Haben wir doch gleich gesagt“, sagt die eine. „Wie schnell können sie nach der Geburt wieder anfangen“, die andere. Mittendorf schlägt vor, ihre Stunden zu reduzieren, Arbeit auch zu Hause zu erledigen. Die Herren sind noch nicht so weit. Lehnen ab. Verena Mittendorf weiß: Sie kann den Job. Und sie macht ihn gern. Aber nicht um jeden Preis. Und für ein Gründer-Polster hat das gute Gehalt gereicht. Also los.

Die eigene Kanzlei - Besser geht's nicht!

Die Herren in der Versi­cherung gucken verdutzt. Weg ist die Kraft, die sie so gerne gehalten hätten. Aber sie verschwindet nicht zwischen Windeln und Wäschebergen. Sie legt gerade erst los. „Es war wunderbar“, ruft Mittendorf aus, wenn sie heute über diese Zeit erzählt. „Ich habe die Kanzlei im vorderen Teil meines Hauses eröffnet. So hatte ich kurze Wege. Der Kinder­garten lag auf der anderen Straßenseite. Perfekt.“

Es lief besser als erwartet und die Arbeit nahm überhand. Nach ein paar Jahren musste sich auch der Mandanten-Magnet Mittendorf mit Themen ausein­an­der­setzen, die man heute mit Work-Life-Balance umschreibt. „Wenn Du weiter so viel arbeitest“, sagte ihr Mann Hans, ein Krimi­nal­be­amter, „dann kannst Du Dir gleich einen Famili­en­rechts-Kollegen suchen“, Mittendorf lacht heute darüber. „Er meinte, der könne dann ja unsere Scheidung organi­sieren.“ Sie hat dann das Woche­nende zur Tabu-Zone erklärt und sich „ziemlich streng“ daran gehalten.


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