Porträt

Der sanfte Ausstieg aus dem Anwalts­beruf

Scheidung, das war doch etwas, was nur Mandanten taten. Hundertfach hat Mittendorf Hildes­heimer Ehen getrennt. Mit dem Anspruch, beide Seiten zufrieden zu stellen. Nicht selten empfahl die Gegen­seite ihre Dienste weiter. „Dann hatte ich das Gefühl, meinen Job richtig gemacht zu haben.“

Dann waren da noch die Straftäter, die zu ihr kamen. Und die kleinen und mittleren Unter­nehmen, die sie beriet. Und wenn eine Verkehrs­sache dazwi­schen kam: warum nicht? „Ich habe mich wie ein Hausarzt gesehen“, sagt Mittendorf, „und wenn ich merkte, nicht weiter­helfen zu können, habe ich die Mandanten weiter­ver­wiesen.“ Das Genera­lis­ten­dasein verschaffte Mittendorf einfach zu viel Befrie­digung, um es zugunsten einer Spezia­li­sierung aufzu­geben. „Wenn ich Fachanwalt auf mein Kanzlei­schild geschrieben hätte“, sagt sie, „dann wären nur noch Mandanten für diese Gebiete gekommen.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte Mittendorf auch längst bemerkt, dass ihre Mandanten nicht zum Anwalt gehen, sondern zu ihr. Kündigte sich ein älteres Ehepaar an, um sich beraten zu lassen, lief Mittendorf schnell nach hinten in ihre Privat­wohnung und kam im gedeckten Kostüm zurück. Erwartete sie jugend­liche Straftäter, erschien sie in Jeans und Rollkragen und nahm die Delin­quenten gern zur Brust. „Den ersten Teil ihrer Strafe erhielten sie bei mir“, sagt Mittendorf, „und dann habe ich sie anständig verteidigt.“

Rechts­be­ratung mag ihr Geschäftsmodell gewesen sein. Mitten­dorfs Marke ist sie selbst, ihr guter Name, ihr Ruf. Das merkte sie schnell und brachte die Marke zum Blühen. Mit Dünkel oder falschem Stolz hat das alles nichts zu tun. Eher mit der Fähigkeit zu erkennen, worin man gut ist.

Die Kanzlei als Lebenswerk verkaufen? Der Ausstieg geht auch anders

Es ist nicht so, dass Verena Mittendorf nicht zwischen­durch mal versucht hätte, ihre Marke breiter aufzufächern. Sie stellte zwei junge Anwältinnen ein und hoffte so, entlastet zu werden. „Das war nicht schlecht, ganz im Gegenteil“, sagt Mittendorf, „es passte nur nicht zu mir.“ Als dann ihr Sohn ins studierfähige Alter kam, stellte sich für die Kanzlei Mittendorf die Frage, ob die Marke nicht doch in die Verlängerung gehen könnte, unter gleichem Namen. Doch der Sohn winkt ab. „Ne, lass mal“, sagte er zu seiner Mutter. Und wurde Banker.

Spätestens jetzt wusste Mittendorf, dass das Ende der Kanzlei Mittendorf so selbst­be­stimmt laufen musste, wie ihr Beginn. „Ich beobachtete, dass es vor allem Männer sind, die hoffen, ihre Kanzlei als Lebenswerk verkaufen zu können und die dann doch sehr überrascht sind, wenn daraus nichts wird“, sagt Mittendorf. Diesen Fehler, das sagt ihr Lächeln, wollte sie nicht machen. Gerade steuerlich will der Ausstieg vorbe­reitet sein.

Verena Mittendorf vor ihrer Kanzlei in Hildesheim
Welchen Wert hat das Lebenswerk? Viele wollen ihre Kanzlei als Lebenswerk verkaufen und sind dann doch sehr überrascht, wenn daraus nichts wird. Diesen Fehler, das sagt Verena Mittendorfs Lächeln, würde sie nicht machen.

 

Sie hatte den Job zu lange gemacht, um am Ende noch Fehler zu machen. Und den Anwalts­beruf nicht nur als Prakti­kerin kennen­ge­lernt, sondern auch als Inter­es­sen­ver­tre­terin. Früh begann sie, sich im Hildes­heimer Anwalt­verein zu engagieren. „Wenn man etwas verändern will, dann muss man auch etwas dafür tun“, so lautet ihre Devise. Und da sie die Inter­essen der deutschen Einzelanwälte aus eigener Sicht gut verstehen kann und Verbes­se­rungs­ideen hatte, engagierte sie sich. Zehn Jahre, bis 2013, war sie Vize-Präsidentin des DAV und Schatz­meis­terin, 2016 wurde sie mit dem Ehren­zeichen der Deutschen Anwalt­schaft ausge­zeichnet. „Ihre Fähigkeit, anwalt­liches Know-how und Mensch­lichkeit zu vereinen, hat ihr auf allen Ebenen im und außerhalb des DAV große Wertschätzung beschert“, hob der ehemalige DAV-Präsident in seiner Laudatio hervor. „Als Anwältin muss man das Gesetz und seine Auslegung beherr­schen. Das können viele. Was daneben jedoch nicht viele können, ist es, Menschen und ihre Gedanken zu verstehen und ihnen auf dieser Ebene zu begegnen.“

Auch hier verfing sie also, die Mittendorf-Diplo­matie. „Bei gesetzten Abendessen mit Inter­es­sen­ver­tretern platzierte man mich meist neben den eher sperrigen Typen“, erinnert sich Mittendorf. „Es war dann öfter mal gegen vier Uhr morgens, dass meine Gegenüber sagten, so, ja so hätten sie unser Anliegen noch nie gesehen.“ Dass solche Erzählungen nun Erinne­rungen sind, ficht Verena Mittendorf nicht an. Ein Lebenswerk gibt es schließlich auch ohne Erben. Oder Kanzlei-Käufer. „Ich habe vor einigen Jahren beschlossen, eines Tages die Kanzlei einfach nicht mehr zu öffnen“, sagt sie. Und leitete den Sinkflug, wie sie den Prozess nennt, entschlossen ein.

Anfang 2017 war es, als sie zu neuen Mandaten kurz und freundlich nein sagte. Seither ist der Rückbau fast abgeschlossen. Das Private nimmt Besitz von Bespre­chungsräumen und -tischen. Gleich­zeitig nimmt ihre Urlaubs­fre­quenz zu. Kanada, Norwegen, USA. Die Liste der Desti­na­tionen wächst. Sehr zur Freude auch ihres Ehemannes, der nun auch in Pension ist. Ganz abgeschlossen ist die Trans­for­mation der Marke Mittendorf aller­dings noch nicht „Gebraucht­werden ist wie eine harmlose Droge“, sagt Mittendorf. „Am besten schleicht man sie langsam aus.“

Wenn sie am Ende dieses Jahres das Schiff Richtung Antarktis besteigt, um drei Wochen über ihren 66. Geburtstag hinweg die größte Entfernung zwischen sich und Hildesheim zu bringen, die der Globus zulässt, dann wird eine andere Verena Mittendorf nach Hause kommen. Wer Verena Mittendorf dann um einen Rat fragt, wird trotzdem von ihr hören. Es spricht dann die ehemalige Anwältin. Aber es antwortet: ein Mensch.


Zurück