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Pro-bono-Arbeit: Zum Wohle der Allgemeinheit

Die Pro-bono-Arbeit der Kanzleien wird immer professioneller: Grund dafür sind die Amerikaner – und die Flüchtlingskrise

Dem Gemeinwohl dienen: Für viele Anwältinnen und Anwälte ist diese Aufgabe schon erfüllt, wenn sie ihre Mandate professionell bearbeiten. Doch immer mehr Anwaltskanzleien reicht das nicht mehr. Sie arbeiten dort umsonst, wo Rechtsrat sonst fehlen würde.

Der 27. Januar 2017, das lässt sich vermuten, war ein ganz normaler Arbeitstag für die Anwälte von Mayer Brown – bis Donald Trump seine Bombe platzen ließ: Mit einem seiner inzwischen schon berüchtigten Erlässe ordnete er an jenem Freitag den sofortigen Einreisestopp für Bürger aus sieben muslimisch geprägten Ländern an. Es dauerte nicht lange, bis sich Chaos an den Flughäfen im ganzen Land ausbreitete. Während in den darauffolgenden Tagen Tausende Demonstranten ihren Protest lautstark in die Straße trugen, leisteten die Wirtschaftsanwälte hinter geschlossenen Türen Widerstand.

Zwei Brüder aus dem Jemen waren am Samstag nichtsahnend am Flughafen in der Nähe der amerikanischen Hauptstadt Washington angekommen und wurden dort festgehalten, ihre Visa für ungültig erklärt. In Windeseile sammelten die Anwälte Fakten und juristischen Argumente zusammen und reichten zusammen mit der gemeinnützigen Organisation Legal Aid Justice Centre Klage ein. Doch die Entscheidung in dem Eilverfahren war noch nicht getroffen, da schufen die amerikanischen Behörden schon Fakten: Sie wiesen die beiden Brüder aus; mehr als eine Woche mussten die beiden an Flughäfen in Äthiopien und Dschibuti ausharren, bis Mayer Brown ihre Rückkehr in die Vereinigten Staaten durchsetzen konnte.

Für ihre Arbeit, mag sie auch noch so aufwendig gewesen sein, hat die Kanzlei keinen Cent erhalten. Und das wäre auch absolut unüblich. Denn solche Aufgaben erledigen Anwälte pro bono publico, wie es so schön heißt: zum Wohle der Öffentlichkeit. Mayer Brown, so formuliert es die Kanzlei nicht ohne Stolz, hat eine lange Tradition, Einwanderer und Asylbewerber mit Pro-bono-Tätigkeit zu unterstützen.

Es ist kein Zufall, dass solche aufsehenerregenden, Mandate wie im Fall der jemenitischen Brüder vor allen Dingen aus Amerika zu berichten sind. Das liegt nicht nur an dem eigenwilligen amerikanischen Präsidenten, der im Weißen Haus seit Mitte Januar das Sagen hat. In Amerika gehört die Pro-bono-Arbeit schon lange nicht nur zum guten Ton, sondern ist Teil der Geschäftsstrategie von Anwaltskanzleien. Wer Mandate akquirieren will, muss sein soziales Gewissen unter Beweis stellen. Das amerikanische Pro-bono-Institut fordert die Kanzleien geradezu heraus: Von den durchschnittlich 1.800 „billiable hours“ pro Anwalt und Jahr sollen drei Prozent in die gemeinnützige Arbeit fließen, das sind 60 Stunden im Jahr. Dazu haben sich inzwischen viele Kanzleien selbst verpflichtet.

Aus Privatvergnügen wird koordinierte Anwaltshilfe

Von so viel Selbstzwang sind die deutschen Kanzleien weit entfernt. Doch das heißt noch lange nicht, dass den Sozietäten das Konzept hier fremd wäre, im Gegenteil. Von beeindruckender Pro-bono-Arbeit lässt sich auch hierzulande berichten. Anwälte haben sich schon immer sozial engagiert, haben Ehrenämter übernommen, an Weihnachten Geld gesammelt oder ihrem lokalen Tierschutzverein mit Rechtsrat ausgeholfen. Doch das war stets eher Privatvergnügen und geschah weitaus unkoordinierter und zufälliger als bei den amerikanischen Kollegen. Denn lange Zeit machte das Berufsrecht allzu viel unentgeltliches Engagement zunichte.

So ist es, wenn sich der Staat um alles kümmert: Er sichert in Deutschland den Zugang zum Recht. Er zahlt Beratungs- und Prozesskostenhilfe, damit sich die Mandanten ihren Anwalt auch leisten können. Damit soll der Rechtssuchende vor Dumpingpreisen geschützt werden, die in den Augen des Gesetzgebers zwangsläufig zu einem Qualitätsverfall führen. Und mancher Anwalt befürchtet noch immer, dass ihm durch allzu viel soziales Engagement wohlhabender Kollegen die Geschäftsgrundlage entzogen wird.


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