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Pro-bono-Arbeit: Zum Wohle der Allge­meinheit

Diese Gemengelage macht das Angebot in Deutschland übersichtlicher; im Mittelpunkt steht nicht die alleinerziehende Mutter, die wegen eines Ladendiebstahls den Knast fürchten muss. Stattdessen geht es um die Identifizierung von Regelungslücken, in denen sich Pro-bono-Anwälte austoben können. „Wir haben Mandate im Fokus, für die es keinen Markt gibt“, sagt Christian Bunsen, Partner der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer und Gründungsmitglied des Vereins Pro Bono. Das allerdings führt zu einem Paradox: Die wenigen, die hierzulande durchs Raster fallen, die keinen Anspruch auf Beratungs- und Prozesskostenhilfe haben, haben großes Glück: Sie bekommen exzellenten Rechtsrat – kostenlos.

Denn es tut sich etwas in Deutschland. In den vergangenen Jahren hat sich die Pro-bono-Tätigkeit in den Kanzleien gehörig verändert und professionalisiert. Schon an den Universitäten sehen Jurastudenten die gute Arbeit, die „law clinics“ leisten können. Es hat sich eine Infrastruktur entwickelt, die Anfragen bündelt und weiterleitet, zum Beispiel die Vermittlungsplattformen Proboneo. Seit nunmehr sechs Jahren gibt es den gemeinnützigen Verein Pro Bono e.V. Für inzwischen 40 Mitgliedskanzleien, vom kleinen Einzelanwalt über mittelständische Kanzleien wie Schalast bis hin zu internationalen Großkanzlei wie Mayer Brown oder Freshfields, bietet er eine Plattform für gegenseitigen Rat und gemeinsame Lobbyarbeit. Alle vier bis sechs Wochen trifft sich der Vorstand in Frankfurt. Das Engagement nimmt aber auch noch andere Formen an: Mit CMS Hasche Sigle hat im November erstmals eine Kanzlei eine eigene Stiftung gegründet, die all ihre Aktivitäten unter einem Dach bündelt.

Das Berufs- und Vergütungsrecht – mit der Grauzone leben alle

Die neue Professionalität mag daran liegen, dass das strenge Berufsrecht gelockert wurde, auch wenn noch einiges im Unklaren bleibt, wie die heutige Freshfields-Anwältin Borbála Dux vor einigen Jahren in ihrer Dissertation darlegte (lesenswerte Zusammenfassung: Dux, AnwBl 2011, 96). Die Rechtsanwaltskammern jedenfalls hüten sich davor, dem erwünschten sozialen Engagement allzu viele Steine in den Weg zu legen. Wirklich vorangetrieben haben das Thema allerdings all die angloamerikanischen Kanzleien, die sich hier niederlassen und eine regelrechte Kultur eines Pro-bono-Wettbewerbs etablieren.

Mit einer „Pro-bono-Week“ und Newslettern lockt das Management die Juristen in die gemeinnützige Arbeit. Zwanzig Stunden pro Jahr sollten sie leisten, das wird zwar nicht verlangt, aber doch erwartet. Und das wird nicht nur mit einem freundlichen Händedruck belohnt. Bei der Kanzlei Latham & Watkins, bekommen alle diejenigen, die dieses Soll erfüllen, einen Aufkleber auf das Büroschild, wer mehr als 60 Stunden leistet, erhält eine kleine Trophäe. Und in der Regel werden die Arbeitsstunden der Associates, die für die Pro-bono-Tätigkeit draufgeht, eins zu eins als „billable hours“ gewertet, die als Grundlage für den Jahresbonus dienen.

Die Flüchtlingskrise zeigt: Nicht jeder kann sein Recht bekommen

Einen großen Schub, das kam noch hinzu, hat die Flüchtlingskrise gebracht, die im vergangenen Jahr das Land beschäftigte. Auf einmal war die Not nicht nur groß, sondern ganz nah. Das hat viele aufgescheucht, auch die Anwälte. Viele Flüchtlinge standen ohne Papiere vor einem Berg komplexer rechtlicher Fragen, da können selbst Anwälte helfen, die sich normalerweise durch die Niederungen des Aktienrechts wühlen. Sie haben jetzt Gelegenheit, einen Flüchtling zu einer Anhörung zu begleiten und können sehen, welchen Unterschied sie dabei machen können.


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