Porträt

Prof. Müggenborg: Anwälte können viel, aber nicht alles

Und so stürzt sich Müggenborg in die Arbeit, die Kanzlei in Halle wächst unter seiner Führung auf sechs Mitarbeiter, aus den geplanten sechs Monaten werden
sieben Jahre. „Das war meine Feuertaufe“, sagt Müggenborg, „beruflich und persönlich.“ Er ist zwar angestellt, „es fühlte sich aber nicht so an.“ Der eigene Chef sein – dieser Gedanke nimmt in diesen Jahren für Müggenborg erste Formen an. Doch zunächst lässt er sich wieder abwerben, kehrt zurück ins Ruhrgebiet und heuert bei einer Duisburger Firma an, die Managementsysteme entwirft. „Wir haben das ‚Who is Who‘ der deutschen Wirtschaft beraten“, sagt  Müggenborg. Das Setup glich sich oft: Das Top-Management hat von den komplexen juristischen Regelungen in vielen Unternehmensbereichen wenig Ahnung – muss aber den Vorschriften Genüge tun. „Man hat es damals noch nicht so genannt, aber wir haben damals das gemacht, was heute unter dem Namen Compliance Standard ist.“ Beraten, Wissen weitergeben, für andere an alles denken: das wird spätestens jetzt Müggenborgs tägliches Geschäft. Und mit seiner Spezialisierung auf das Umweltrecht verfügt er über Wissen und Erfahrung in einem Gebiet, das jung ist und spätestens seit den 1980er und mit den Grünen immer weiter Fahrt aufnimmt. „Ich bin übrigens weder ökobewegt, noch industrienah und habe kein Sendungsbewusstsein“, sagt Müggenborg, „ich halte das Umweltrecht schlicht für essentiell und nebenbei auch juristisch interessant.“

Auf die Frage, warum es dem Menschen oft nicht gelingt, im Einklang mit seiner Umwelt zu leben, warum die Gesell­schaft also ein Rechts­gebiet braucht, das wie ein Schieds­richter den Menschen davon abhält, seine Lebens­grundlage in Gefahr zu bringen, antwortet er mit rheinisch-lakoni­schem Achsel­zucken und der Gegen­frage: „Warum gibt es Mord?“ Um dann hinter­her­zu­schicken, dass ihn seine Erfah­rungen aus dem Alltag in deutschen Unter­nehmen gerade nicht zum Pessi­misten gemacht haben. „Da sitzen zum großen Teil Menschen, die alles richtig machen wollen, aber oft den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen – und da komme ich ins Spiel.“ Ende der 1990er wird er als Anwalt erneut abgeworben, aber es passt menschlich in der neuen Kanzlei nicht. „Muss ich mir das antun?“, fragt sich Müggenborg. Es ist Zeit für ihn, in seine Heimat­stadt Aachen zurückzukehren und sein eigenes Ding zu machen. Er sucht sich eine Bürogemein­schaft, bleibt aber fachlich Einzelkämpfer.

„Eines habe ich damals gelernt“, sagt Müggenborg. „Der Name der Sozietät spielt bei den Mandanten keine Rolle, sondern auf den persönlichen Draht kommt es an.“ Und weil der nicht nur vorhanden ist, sondern bei Müggenborg geradezu glüht, muss er sich um Mandate nicht sorgen. „Dass ich mir einen Namen gemacht hatte, habe ich daran gemerkt, dass ich ihn irgendwann nicht mehr buchsta­bieren musste“, sagt Müggenborg. Im Jahr 2000 wird er zudem Lehrbe­auf­tragter für Umwelt­straf­recht und Indus­trie­park­recht an der Universität Kassel, vier Jahre holt ihn die RWTH Aachen in gleicher Funktion fürs Umwelt­zivil- und  Umwelt­straf­recht. 2007 wird Müggenborg promo­viert, drei Jahre später machen ihn die Aachener zum Honorar­pro­fessor. „Fühlt sich heute manchmal noch  unwirklich an“, sagt Müggenborg, der sich als junger Student die Promotion nicht zutraute, „aber man ist ja immer noch der gleiche Mensch.“


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