Porträt

Prof. Müggenborg: Anwälte können viel, aber nicht alles

Es ist die Musik, die ihn schließlich dorthin bringt, wo er heute mit seiner Kanzlei residiert. Müggenborg, der als junger Mann in mehreren Bands Keyboard
spielte und heute in einem Auswahlchor Bass singt, wird bei einem Jazzkonzert in Schloss Rahe, ein paar Kilometer außerhalb der Aachener Innenstadt, auf freie Büroräume aufmerksam – und zieht kurz darauf ein. Die ehemalige Wasserburg ist jetzt sein Arbeitsmittelpunkt, sein Büro liegt in einem lichten Seitenflügel des Anwesens, das ein großer Park umgibt. Es ist jetzt wieder stiller geworden bei ihm im Büro, das zwischenzeitlich elf Mitarbeiter bevölkerten, für die Müggenborg eine nahe gelegene Büroetage dazu mieten musste. Müggenborg ist nicht nur Anwalt, sondern hat spätestens seit seiner Selbstständigkeit erkannt, dass zum Anwaltsberuf auch eine unternehmerische Seite passt – und ihm die Digitalisierung dabei in die Hände spielt. So entwickelte er mit einem computeraffinen Betriebswirt quasi nebenbei ein Geschäftsmodell, das darauf abzielte, standardisiert Immobilien-Darlehen in großer Zahl wegen fehlerhafter Klauseln zu widerrufen. Mandanten akquirieren die beiden Geschäftspartner über das Internet, 4.000 waren es in einem Jahr – der Google-Suche sei Dank.
Eine automatisierte Klageschrift sorgte für nie gekannte Produktivität und Müggenborg und seine Partner würden heute noch von ihrer smart aufgesetzten Geschäftsideeprofitieren, wenn nicht der Gesetzgeber das Recht schnell geändert und die Banken vor weiteren Klagen geschützt hätte.

Die Erfahrung über die Wirkmächtigkeit des Internets für das eigene Geschäft als Rechtsanwalt hat Müggenborg geprägt – und auf neue Ideen gebracht. Kurz denkt er mit seinem Kompagnon über das Massengeschäft mit Dieselklagen nach, winkt dann aber ab. „Zu kurzfristig“. Wie aber wäre es mit dem genauen  Gegenteil, einem maßgeschneiderten Angebot für die Mandanten, die ihn sowieso schon als Berater kennen – Mittelständler aus dem ganzen Bundesgebiet?
Müggenborg betreut einen umweltrechtlichen Störfall mit Personenschaden und merkt, wie dringend nötig Unternehmen eine Art ganzheitliche Betreuung bei Vorfällen dieser Art bräuchten. 2016 geht eine neue Website aus dem Hause Müggenborg online. Die Startseite zeigt eine große Industrieanlage, auf einem kleineren Foto darunter brennt es auf einem Firmengelände. Es ist die Geburtsstunde der „Störfallexperten“. Müggenborg hat für sie ein Krisenteam versammelt, das Unternehmen buchen können – vor oder nach einer Betriebsstörung. Die Störfallexperten sind erfahrene Fachleute aus Chemie, Risikomanagement, Anlagensicherheit und Wirtschaftspsychologie.

Ein schlagkräftiges Team, das im Gegensatz zur Konkurrenz nicht an einem Ort auf seinen Einsatz wartet, sondern anlass­be­zogen zum Einsatz erscheint – zusam­men­ge­halten unter dem Dach der Kanzlei Müggenborg. „Diese Art der Zusam­men­arbeit nimmt der Markt immer besser an“, sagt der Gründer. Im nächsten Jahr wird Müggenborg sechzig, seine drei Kinder studieren und die Arbeit fordert ihn zwar, verschafft ihm aber auch Befrie­digung. Das Konzept Rente ist ihm völlig fremd. „Warum sollte ich jemals aufhören?“, sagt Müggenborg. „Ich genieße es heute, viel Erfahrung zu haben. Das macht angenehm gelassen.“ Im Beratungs­gespräch mit Geschäftsführern und Vorständen werde er ernst genommen, könne seine Botschaften glaubwürdig platzieren. „Vieles von dem, was ich mir vorge­nommen habe, konnte ich verwirk­lichen.“ Mit der beruf­lichen und auch persönlichen Zufrie­denheit sei es schließlich ein wenig wie mit dem Thema Compliance im Unter­nehmen. „Es gibt da einen Ideal­zu­stand, dem viele sehr nahe kommen“, sagt Müggenborg, „aber am Ende nie ganz erreichen.“

 

 

 


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