Fachkräftemangel

Professionelles Kanzleimanagement in Zeiten des Fachkräftemangels

Das Jammern ist immer wieder auf DAV-Veranstaltungen zu hören: Es fehlen die Rechtsfachangestellten in den Kanzleien – und die, die dort arbeiten, wechseln inzwischen gerne zu zwar rechtsnahen, aber anwaltsfremden Arbeitgebern. Bereits 2014 hatte Matthias Kilian gefragt, ob Rechtsfachangestellte eine aussterbende Spezies seien (und das zum Glück verneint, Kilian AnwBl 2014, 417). Was bleibt ist die Erkenntnis, dass die Suche und das Binden von Renos heute eine anspruchsvolle Managementaufgabe für Anwältinnen und Anwälte ist. Die Autorin gibt konkrete Tipps.

 

I. Die Anwalt-Reno-Symbiose

Anders als in den meisten Unternehmen basiert die Organisation einer Anwaltskanzlei auf den gesetzlich festgelegten Berufspflichten der Rechtsanwälte. Aus diesem Grund genießen die Sekretäre und Sekretärinnen einer Anwaltskanzlei auch eine entsprechende spezielle Ausbildung. Rechtsanwaltsfachangestellte sind mit genau diesen Berufspflichten der Anwälte vertraut. Sie beherrschen das Fristenmanagement, sind versiert im Umgang mit Gerichten und Behörden, kennen die Abrechnungs- und Vollstreckungsvorschriften. Diese Symbiose zwischen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten und deren Fachangestellten bildet den Grundstein für ein gut organisiertes Kanzleisystem sowie ein ausgeprägtes Kanzleiimage.

Was aber, wenn plötzlich Personal wegfällt und neue Fachkräfte kaum nachkommen? In der Regel kann das Kanzleimanagement noch ein paar Wochen von den anderen Mitarbeitern aufrechterhalten werden. Hält der Personalmangel über einen längeren Zeitraum an, so fokussiert sich die Tätigkeit der Mitarbeiter zwangsläufig auf das Tagesgeschäft, ein Abwärtsstrudel in der Organisation sowie im Management setzt ein. Dies kann riskante Folgen für die Kanzlei haben und letztlich auch zum Imageverlust der Kanzlei führen.

II. Der Reno-Mangel

In genau dieser schwierigen Phase des Reno-Mangels befinden sich derzeit zahlreiche Anwaltskanzleien: Das Nachwuchsinteresse hat stark abgenommen, Auszubildende für sich zu gewinnen wird immer schwieriger. Hinzu kommt, dass bereits ausgebildete Rechtsanwaltsfachangestellte immer häufiger Kanzleien verlassen, um neue berufliche Wege bei Behörden, in Sekretariaten großer Bauunternehmen oder Versicherungen zu gehen. Dies hat meines Erachtens verschiedene Ursachen:

• Einerseits ist der Berufscharakter von Rechtsanwaltsfachangestellten geprägt durch eigenständiges, genaues, pünktliches, fristenorientiertes Arbeiten. Sie sind belastbar, verfügen über ein ausgeprägtes Ausdrucksvermögen und können sich den unterschiedlichen Situationen verschiedenster Mandantengruppen perfekt anpassen. Genau diese positiven Eigenschaften wollen sich auch andere Unternehmer unterschiedlichster Branchen zu eigen machen und beschäftigen gezielt Rechtsanwaltsfachangestellte in ihren Sekretariaten. Auch das juristische Basiswissen der Rechtsanwaltsfachangestellten wird auf dem aktuellen Arbeitsmarkt sehr geschätzt. So bietet zum Beispiel ein solides Basiswissen im Arbeitsrecht perfekte Voraussetzungen für den Einstieg in einer Personalabteilung, Kenntnisse im Forderungseinzug wiederum sind gern in der Baubranche und im Handel gesehen.

• Hinzu kommt, dass die Lebenseinstellung der heute um die 30-Jährigen (Generation Y) den Fokus darauf legt, sich beruflich auszuprobieren, vom geradlinigen Berufsweg abzugehen und neue Bereiche zu erkunden. Als Generation Y bezeichnet man die Menschen, die in den 1980er Jahren geboren worden sind. Diese Jahrgänge bilden aktuell einen großen Anteil an der Gesamtmenge der Arbeitnehmer. Selten hat eine neue Generation so viele Auswirkungen auf die Wirtschaft und das Arbeitsleben gehabt. Sie bringt hohe Erwartungen, Forderungen und Hoffnungen in den Arbeitsmarkt. Arbeitnehmer der Generation Y legen mehr Wert auf emotionale Aspekte des Arbeitgeberangebots als vorherige Generationen. Die Unternehmenskultur und das Image der Arbeitgebermarke werden daher immer mehr als Erfolgsfaktor für den Arbeitsmarkt gelten.

Nicht zuletzt werben branchenfremde potentielle Arbeitgeber – auch aufgrund des eigenen Fachkräftemangels – mit höheren Gehältern und Gratifikationen Rechtsanwaltsfachangestellte ab. Nur haben diese Unternehmen eines verstanden: Sie nutzen Quereinsteiger, um ihre Abläufe aufrechterhalten zu können.

 


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