Anwaltszukunft

Tagung in Paris: Die Zukunft der Anwalt­schaft – was bleibt vom Anwalt?

Mehr als 300 Teilnehmer, darunter Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte aus allen Teilen Europas, kamen im Oktober auf Einladung des Dachverbands der Europäischen Anwaltschaften (CCBE) in Paris zusammen, um sich über die künftigen Entwicklungen im Rechtsmarkt auszutauschen. Besonderer Blick galt Legal Tech Innovationen und ihren Auswirkungen auf anwaltliche Arbeitsweisen und Kanzleistrukturen.

Smarte Techno­logien und sogar künstliche Intel­ligenz werden anwalt­lichen Rechtsrat nicht ablösen, doch das anwalt­liche Mandat grund­legend verändern. Aber auch dabei werden „Tools“ den Anwälten helfen. Die eigent­liche Gefahr sei daher auch nicht die Infor­ma­ti­ons­tech­no­logie, progno­s­ti­zierte Jaap Bosman (Autor: „Death of a Law Firm“), sondern die „commo­di­ti­zation“, also die Neube­wertung einer Vielzahl anwalt­licher Dienst­leis­tungen durch Mandanten als „austauschbare Leistungen“ und die damit einher­ge­hende gemin­derte Wertschätzung sowie gestei­gerte Preis­sen­si­bilität.

Die fetten Jahre sind vorbei

Kanzleien müssten aufpassen, dass ihr „Business Model“ nicht korro­diert. Nur die wenigsten Sachver­halte bedürften realis­ti­scher Weise der Einbindung einer „maßgeschnei­derten Lösung“ durch eine „Spezi­al­kanzlei“ oder einen ausge­wie­senen Experten. Judy Perry Martinez, die die jüngste Studie der American Bar Association (ABA) zur Zukunft der Rechts­be­ratung in den Verei­nigten Staaten vorstellte, war sich sicher: Am Ende können solche Mandanten profi­tieren, die aus finan­zi­ellen Gründen bislang keinen Zugang zum Recht hatten oder gar nicht erst wussten, dass sie ein Rechts­problem haben. Auch andere Experten sahen in den „Unmet legal needs“ erheb­liches Potential. Am Ende können beide profi­tieren: Anwalt und Mandant. Online-Platt­formen erleichtern schon jetzt den Zugang zum Anwalt. Firmen wie Legal Zoom aus Amerika binden Anwälte ein. Für „legal Start-ups“ aber immer noch ein Dorn im Auge: Das Berufs­recht der Anwälte. Es müsse „dynami­scher und flexibler“ sein. Aber auch den Mandanten schützen, worauf die Vertreter von Anwalts­kammern hinwiesen. Droht Recht denn das Recht zur Massenware zu werden?

Think Tank für Unternehmensgründer

„Lasst uns Start-ups und Anwälte zusam­men­bringen“, forderte Maurits Barend­recht (HiiL Innovating Justice). Genau das versucht der „legal incubator“ der Pariser Anwalts­kammer. „Wir bringen Anwälte mit guten Ideen und Inves­toren zusammen“, sagte Stéphanie Smatt Pinelli. Angestoßen haben die Initiative junge Anwälte vor zwei Jahren in Paris. „Jetzt müsse ‚outside of the box‘ gedacht werden“, forderte Rechtsanwältin Dr. Orsloy Görgényi (ehemalige Präsidentin der AIJA, der Inter­na­tional Association of Young Lawyers). Gerade die jüngeren Anwälte sähen erheb­liche Chancen durch Libera­li­sie­rungen des Verbots des Fremd­be­sitzes bei Anwalts­kanz­leien. Dies habe die jüngste Umfrage der AIJA gezeigt. Dass „Alter­native Business Struc­tures“ (ABS) innova­tiver seien als herkömmliche Kanzleien bestätige Neil Rose (ABS-Experte und Heraus­geber der Online-Branchen­seite „Legal Futures“) für England und Wales, wo Fremd­besitz seit 2012 unter bestimmten Voraus­set­zungen möglich ist. Reguliert und kontrol­liert durch eine neu geschaffene Behörde, der Solicitors Regulation Authority (SRA) mit mehr als 500 Mitar­beitern. Lösungen konnte die Konferenz nur kurso­risch aufzeigen; Patent­re­zepte gab und gibt es ohnehin nicht. Dass ein Austausch teilweise unter rein männlich besetzten Panels stattfand, zeigt auch, dass die Anwalt­schaft noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist.


Die Trends auf den Rechtsdienstleistungsmärkten diskutiert der Deutsche Anwaltstag 2017 vom 24. bis 26. Mai 2017 in Essen unter dem Motto: „Legal Tech und Innovation“ (www.anwaltstag.de).

 


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