Porträt

Tillmann Krach: Mit der Geschichte des Anwalts­be­rufes beschäftigen

Ich bin aus Überzeugung genauso Straf­ver­tei­diger wie Opferanwalt.“ Keiner von Krachs Mandanten kann sagen, er wüsste nicht, woran er bei ihm ist. Sein Berufs­verständnis als Rechts­anwalt strahlt einen selbst­verständlichen Stolz aus, der im Hinter­grund auch immer die Bedeutung der Anwalt­schaft für den Rechts­staat mitschwingen lässt – ohne permanent darauf zu verweisen. Und genau in diesem Punkt verei­nigen sich die beiden Personen, zu denen Krach längst geworden ist, der Anwalts-Histo­riker und der Anwalt selbst. Als Wissen­schaftler analy­siert sich Krach histo­risch quasi selbst, seine Rolle im Rechts­staat, seine Befug­nisse, Aufgaben, Pflichten. Und nur deswegen kann er den Beruf so glaubwürdig als eine Art Leucht­feuer des Rechts­staats beschreiben, an dessen Helligkeit sich eine Demokratie messen lassen muss: weil er weiß, welchen langen Weg der Berufs­stand in den vergan­genen zwei Jahrhun­derten zurückgelegt hat. „Die Anwalt­schaft hat guten Grund, sich mit ihrer Geschichte zu beschäftigen“, sagt Krach,„man braucht so etwas wie ein kollek­tives Gedächtnis, ein Gespür dafür, was füreine Identität der Berufs­stand hat, wie er sich entwi­ckelt hat, woher er kommt.“  Vor diesem Hinter­grund muss man Krachs Sorge sehen, die Anwalt­schaft könne den Blick für ihre Gemein­sam­keiten verlieren – und zwar schon in der Ausbildung. „Ich befürworte ja eine berufs­be­zogene und effiziente Ausbildung, aber ohne die Grund­lagenfächer wie Geschichte geht es eben nicht“, sagt Krach. „Der Blick zurück ist nicht ‚nice to have‘, sondern Bedingung“. Es sei nun mal eine zivili­sa­to­rische Leistung, den Anwalt mit den Privi­legien auszu­statten, die der Rechts­staat ihm einräumt, die Freiheit der Advokatur im 19. Jahrhundert mühsam – und nicht ohne Gegenwind aus den eigenen Reihen – von der Anwalt­schaft errungen worden. „Wir müssen uns dauerhaft mit Geschichte beschäftigen, um das Selbst­verständnis des Anwalts­berufs zu unter­mauern und zu fördern.“

Genau diese Aufgabe verfolgt Krach mit dem Forum Anwalts­ge­schichte. Der Verein hat eine überschaubare Zahl von Mitgliedern, es gelingt ihm aber immer wieder, im Gespräch zu bleiben und Impulse zu setzen, etwa auf dem Deutschen Anwaltstag, auf dem in Ausstel­lungen immer die Geschichte der lokalen Anwalt­schaft beleuchtet wird. In einem zweimo­natlich erschei­nenden Rundschreiben fasst Krach zudem den aktuellen Forschungs­stand anhand von Litera­tur­listen zusammen – und infor­miert über die Vereins­arbeit. So wurde 2018 dem Journa­listen und ehema­ligen Sprecher der Stasi-Unter­lagen-Behörde, Christian Booß, der „Forums­preis“ für sein jüngstes Buch über DDR-Anwälte verliehen („Im goldenen Käfig. Zwischen SED, Staats­si­cherheit, Justiz­mi­nis­terium und Mandant – die DDR-Anwälte im politi­schen Prozess“.)

Wenn dann – wieder einmal – Geschichts­in­ter­es­sierte in einem Raum des rheinland-pfälzischen Justiz­mi­nis­te­riums zusam­men­kommen, um den Preisträger in einer offizi­ellen Feier­stunde zu würdigen, dann fügt Tillmann Krach seiner inzwi­schen Lebenswerk gewor­denen Idee einen weiteren Mosaik­stein hinzu, dem Anwalts­beruf im Lauf der Zeit die Beachtung zukommen zu lassen, die er verdient. Es gibt ein Zitat des jüdischen Juristen Adolf Weißler, mit dem Krach die Arbeit des Forums Anwalts­ge­schichte charak­te­ri­siert – und das, gewollt oder nicht, längst auch ein Selbst­porträt geworden ist: „Sich in die Vergan­genheit zu versenken mag persönliche Liebha­berei sein. Aber mit der Geschichte das Wesen unseres Berufs zu erfor­schen, aus ihr die richtige Grund­auf­fassung zu gewinnen, die unser Handeln täglich und stündlich bestimmt, das ist ein Aufgabe, deren Größe auch der nicht verkennen kann, der nicht gern die Staubluft des Altertums atmet.“ Dem hat Krach nichts hinzuzufügen.

 

 


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