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Porträt

Tillmann Krach: Mit der Geschichte des Anwalts­be­rufes beschäftigen

In der Karriere des Mainzer Schadensrechtsexperten Tillmann Krach hat die Leidenschaft für die Geschichte des Anwaltsberufs im Lauf der Jahre immer mehr Raum eingenommen. Heute setzt sich der Rechtsanwalt für mehr historisches Bewusstsein in der Juristenausbildung ein – zugunsten einer „starken Identität des Berufsstands“.

• Geboren 1960 in Mainz, dort auch Besuch des altsprachlichen Gymnasiums, anschließend Jurastudium in Mainz und Dijon, Interessenschwerpunkte Strafprozeß-)recht, Verfassungsgeschichte, Staatslehre.
• Nach dem 1. Staatsexamen und kurzem Aufenthalt an der London School of Economics Referendarzeit in Berlin und Wareham (Südengland), in dieser Zeit auch erste Beschäftigung mit Anwalts- und Advokaturgeschichte.
• 1990 folgte die Anwaltszulassung und die Promotion bei Prof. Justus Krümpelmann, Mainz, mit einer von der Lang-Hinrichsen-Stiftung geförderten Arbeit zum Thema „Jüdische Rechtsanwälte in Preußen – Über die Bedeutung der freien Advokatur und ihre Zerstörung durch den Nationalsozialismus“ (Verlag C.H. Beck 1991), ausgezeichnet mit dem Fraenkel Prize in Contemporary History.
• Seit 1992 bei der Kanzlei Krach & Krüger, einer auf Haftungs- und Versicherungsrecht spezialisierten Sozietät in Mainz tätig. Seitdem zahlreiche Aufsätze und Rezensionen mit meist ähnlicher Thematik, Bearbeiter und Mitherausgeber der 2003 erschienenen Lebenserinnerungen des Mainzer Rechtsanwalts Paul Simon, zusammen mit Reinhard Weber Bearbeiter der im November vorgestellten Lebenserinnerungen Max Friedlaenders.
• Seit 2002 Vorsitzender des Vereins „Forum Anwaltsgeschichte“.

 

 

Die Sprache verrät den Menschen, da ist Tillmann Krach keine Ausnahme. Er sitzt in seiner Kanzlei im Mainzer Vorort Gonsenheim, blickt beim Reden immer wieder hinaus auf das Herbstlaub in seinem Garten, nippt vorsichtig am Wasserglas und erzählt, wie sehr ihn die Entwicklung des Rechts­an­walts­berufs seit dem 19. Jahrhundert faszi­niert. „Wenn man das mal im großen Zusam­menhang sieht“, sagt Krach dann immer öfter und nimmt den Zuhörer mit auf einen Exkurs durch die Geschichte des Anwalts­berufs. Preußen, Kaiser­reich, Natio­nal­so­zia­lismus, die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: alles hängt zusammen, so lässt sich das Credo des Rechts­an­walts zusam­men­fassen, oder anders gesagt: Wenn wir Anwälte nicht wissen, woher wir kommen, wie sollen wir dann verstehen, was uns bevor­steht?

Er mag diese Verein­fa­chung eigentlich nicht so sehr. Der Blick zurück als Lehre für morgen – ein bisschen viel Kalen­der­spruch­weisheit steckt ihm darin, aber im Kern stimmt der Satz. „Die Erinnerung an die Geschichte der anwalt­lichen Berufsausübung, des Berufs­stands und an einzelne Anwaltspersönlich­keiten ist darüber hinaus Bildungsförderung, indem sie ein histo­ri­sches Bewusstsein schafft, zur Identi­fi­kation anregt, zum besseren Verständnis der Gegenwart beiträgt und im Wege der Erkenntnis von Erfolg einer­seits, Scheitern und Versagen anderer­seits hilft, das zukünftige Berufsbild zu gestalten.“ So steht es in Paragraph zwei der Vereins­satzung des Forums Anwalts­ge­schichte und so wird aus dem Kalen­der­spruch doch noch ein diffe­ren­ziertes Bekenntnis zur Geschichts­wis­sen­schaft. Seit vielen Jahren ist Tillmann Krach Vorsit­zender dieses Forums Anwalts­ge­schichte, und je länger er sich mit der Entwicklung seines Berufs über die Jahrhun­derte beschäftigt, desto stärker drängt sich die Frage auf, wer er inzwi­schen eigentlich ist: Jurist mit einem Faible für die Vergan­genheit oder Geschichts­bes­ses­sener, der mit der Juris­terei sein Geld verdient?

Krachs Metamor­phose beginnt mit dem Wunsch nach dem Neuen. Er bringt das Studium in seiner Heimat­stadt Mainz zu Ende und zieht Mitte der Achtziger nach Berlin zum Referen­dariat. Er tut, was dabei von ihm verlangt wird, aber seine Leiden­schaft wird der Blick zurück, das Verste­hen­wollen, wieso die Welt so wurde, wie sie ist. Es ist nicht so, dass ihn Geschichte nicht schon als Schüler inter­es­siert hätte, aber Berlin wirkt wie ein Kataly­sator. „Die Stadt ist lebendige Geschichte, man kann ihr gar nicht entgehen“, sagt Krach heute über diese Jahre. Er kann an einem Tag vor Ort besich­tigen, was er am Tag zuvor in den Archiven der Stadt gelesen hat. Und so beendet Krach dann ohne Absicht einen Satz in seinen Erzählungen nicht, der erklärt, wieso Berlin für den jungen Juristen die Weichen für sein weiteres Berufs­leben stellt. „Wenn man da einmal mit anfängt“, sagt Krach nur und hält fragend inne. Und der Zuhörer ergänzt im Stillen: „Dann kann man damit nicht mehr aufhören.“

Zunächst faszi­nieren Krach die jüdischen Straf­ver­tei­diger in der Weimarer Republik. „Warum war ihr Anteil in der Anwalt­schaft so groß, wie haben sie den Antise­mi­tismus erlebt, den es schon in der Weimarer Zeit gab, und was bedeutete das für sie, plötzlich als Nichtarier diskri­mi­niert zu werden?“ Krach taucht ab in Akten und Archiv­ma­terial des Staats­ar­chivs Preußischer Kultur­besitz und vor seinem inneren Auge werden die Personen wieder lebendig, die den Berufs­stand des Anwalts vor rund hundert Jahren prägten. „Da gab es Juristen wie Max Alsberg“, erzählt Krach, „eine schil­lernde Person des Berliner Lebens“. Alsberg vertrat in aufse­hen­er­re­genden Prozessen unter anderem den letzten deutschen Kaiser, Wirtschafts­kapitäne und sogar rechts­ge­richtete Politiker. Er veröffent­lichte vielbe­achtete wissen­schaft­liche Aufsätze, lehrte als Professor an der Universität und schrieb Theaterstücke, die verfilmt wurden. „Und dann zerstörten die Nazis alles, was er hatte“, erzählt Krach, der Alsberg später porträtierte. „Er erlitt im Schweizer Exil einen Zusam­men­bruch und beging im September 1933 Suizid.“

Krach beginnt schon während des Referen­da­riats eine Promotion mit – wenig überra­schend – histo­ri­scher Ausrichtung. Sein Thema: „Jüdische Rechtsanwälte in Preußen. Über die Bedeutung der freien Advokatur und ihre Zerstörung durch den Natio­nal­so­zia­lismus.“ Nach dem Ende des Referen­da­riats bleibt Krach noch zwei weitere Jahre in Berlin, in denen er sich ausschließlich um seine Doktor­arbeit kümmert. „Die Archiv­arbeit hat mir sehr gefallen, das Studieren alter Akten faszi­niert mich bis heute“, sagt Krach, der damals – durchaus geschichtsträchtig – in der Neuköllner Sonnen­allee eine Wohnung bezogen hat. Auch wenn er sie heute mit einer wegwer­fenden Handbe­wegung abtut: Natürlich spielt er mit der Idee, das histo­rische Interesse zum Beruf zu machen. Warum nicht an der Universität weiter über den Rechts­anwalt und seine Geschichte forschen?

Doch Krach lehnt ab. Und wird selbst einer von denen, über deren Berufswege er so viel recher­chiert. Nach einer kurzen Episode in einer kleinen Kanzlei wird er der dritte Mann in der Sozietät seines Vaters in Mainz. „Mit meinem Eintritt fing mein Vater an, sich aus der Kanzlei zurückzuziehen.“ Krach junior hat da im Verkehrs­recht zwar schon erste Erfah­rungen gesammelt, nun wird es zu seinem Schwer­punkt. 2011 geht auch der einstige Partner seines Vaters in den Ruhestand, seither führt Krach die Geschäfte alleine. Seine Mandate stammen aus dem Haftungs- und Schadenser­satz­recht, dem Versi­che­rungs­recht, dem Ordnungs­wid­rig­keiten- und Straf­recht bei Verkehrs­de­likten. „Die Spezia­li­sierung ist heute mehr denn je überle­bens­wichtig“, sagt Krach. „Ich bin immer noch der Meinung, dass der Einzelanwalt ein gutes Berufsziel ist, solange man ein gutes inhalt­liches Konzept dafür hat.“

Tillmann Krach hat das – und er reichert es an mit dem Selbst­be­wusstsein, seine Fähigkeiten und Überzeu­gungen mit ungewöhnlicher Offenheit zu bewerben. Mandanten suchen eine größere Sozietät? „Meine Kanzlei in Mainz bietet eine Alter­native sowohl zu Allge­meinanwälten als auch zu den Großkanzleien mit zahlreichen spezia­li­sierten – aber dafür oft wechselnden – Kollegen und Kolle­ginnen.“ Braucht er nicht Partner? „Ich lasse mich zwar gerne empfehlen, bin aber weder einer Werkstatt oder einer Mietwa­gen­firma noch einem Gutachter, sondern ausschließlich den Inter­essen meiner Mandant­schaft verpflichtet“. Wessen Perspektive vertritt er lieber? „Zu meiner Auffassung echten Spezia­lis­tentums gehört es, dass ich meine Mandate nicht danach auswähle, ob es sich um Täter oder Opfer handelt, sondern allein unter dem Gesichts­punkt, ob ich juris­tisch helfen kann oder nicht.

Ich bin aus Überzeugung genauso Straf­ver­tei­diger wie Opferanwalt.“ Keiner von Krachs Mandanten kann sagen, er wüsste nicht, woran er bei ihm ist. Sein Berufs­verständnis als Rechts­anwalt strahlt einen selbst­verständlichen Stolz aus, der im Hinter­grund auch immer die Bedeutung der Anwalt­schaft für den Rechts­staat mitschwingen lässt – ohne permanent darauf zu verweisen. Und genau in diesem Punkt verei­nigen sich die beiden Personen, zu denen Krach längst geworden ist, der Anwalts-Histo­riker und der Anwalt selbst. Als Wissen­schaftler analy­siert sich Krach histo­risch quasi selbst, seine Rolle im Rechts­staat, seine Befug­nisse, Aufgaben, Pflichten. Und nur deswegen kann er den Beruf so glaubwürdig als eine Art Leucht­feuer des Rechts­staats beschreiben, an dessen Helligkeit sich eine Demokratie messen lassen muss: weil er weiß, welchen langen Weg der Berufs­stand in den vergan­genen zwei Jahrhun­derten zurückgelegt hat. „Die Anwalt­schaft hat guten Grund, sich mit ihrer Geschichte zu beschäftigen“, sagt Krach,„man braucht so etwas wie ein kollek­tives Gedächtnis, ein Gespür dafür, was füreine Identität der Berufs­stand hat, wie er sich entwi­ckelt hat, woher er kommt.“  Vor diesem Hinter­grund muss man Krachs Sorge sehen, die Anwalt­schaft könne den Blick für ihre Gemein­sam­keiten verlieren – und zwar schon in der Ausbildung. „Ich befürworte ja eine berufs­be­zogene und effiziente Ausbildung, aber ohne die Grund­lagenfächer wie Geschichte geht es eben nicht“, sagt Krach. „Der Blick zurück ist nicht ‚nice to have‘, sondern Bedingung“. Es sei nun mal eine zivili­sa­to­rische Leistung, den Anwalt mit den Privi­legien auszu­statten, die der Rechts­staat ihm einräumt, die Freiheit der Advokatur im 19. Jahrhundert mühsam – und nicht ohne Gegenwind aus den eigenen Reihen – von der Anwalt­schaft errungen worden. „Wir müssen uns dauerhaft mit Geschichte beschäftigen, um das Selbst­verständnis des Anwalts­berufs zu unter­mauern und zu fördern.“

Genau diese Aufgabe verfolgt Krach mit dem Forum Anwalts­ge­schichte. Der Verein hat eine überschaubare Zahl von Mitgliedern, es gelingt ihm aber immer wieder, im Gespräch zu bleiben und Impulse zu setzen, etwa auf dem Deutschen Anwaltstag, auf dem in Ausstel­lungen immer die Geschichte der lokalen Anwalt­schaft beleuchtet wird. In einem zweimo­natlich erschei­nenden Rundschreiben fasst Krach zudem den aktuellen Forschungs­stand anhand von Litera­tur­listen zusammen – und infor­miert über die Vereins­arbeit. So wurde 2018 dem Journa­listen und ehema­ligen Sprecher der Stasi-Unter­lagen-Behörde, Christian Booß, der „Forums­preis“ für sein jüngstes Buch über DDR-Anwälte verliehen („Im goldenen Käfig. Zwischen SED, Staats­si­cherheit, Justiz­mi­nis­terium und Mandant – die DDR-Anwälte im politi­schen Prozess“.)

Wenn dann – wieder einmal – Geschichts­in­ter­es­sierte in einem Raum des rheinland-pfälzischen Justiz­mi­nis­te­riums zusam­men­kommen, um den Preisträger in einer offizi­ellen Feier­stunde zu würdigen, dann fügt Tillmann Krach seiner inzwi­schen Lebenswerk gewor­denen Idee einen weiteren Mosaik­stein hinzu, dem Anwalts­beruf im Lauf der Zeit die Beachtung zukommen zu lassen, die er verdient. Es gibt ein Zitat des jüdischen Juristen Adolf Weißler, mit dem Krach die Arbeit des Forums Anwalts­ge­schichte charak­te­ri­siert – und das, gewollt oder nicht, längst auch ein Selbst­porträt geworden ist: „Sich in die Vergan­genheit zu versenken mag persönliche Liebha­berei sein. Aber mit der Geschichte das Wesen unseres Berufs zu erfor­schen, aus ihr die richtige Grund­auf­fassung zu gewinnen, die unser Handeln täglich und stündlich bestimmt, das ist ein Aufgabe, deren Größe auch der nicht verkennen kann, der nicht gern die Staubluft des Altertums atmet.“ Dem hat Krach nichts hinzuzufügen.

 

 


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