Anwaltsmarkt

Zukunfts­kon­gress: Anwalt­schaft muss sich neu erfinden

Denial, Re-Sourcing, Disruption - in diese drei Stufen unterteilt der Bestseller-Autor Richard Susskind die Veränderung eines Marktes unter dem Einfluss neuer Technologien. Dass die Anwaltschaft die erste Stufe, denial, bereits hinter sich gelassen hat, zeigte der Anwaltszukunftskongress. Die laufende und die künftige Veränderung des Rechtsdienstleistungsmarktes lässt sich nicht mehr leugnen. Anfang September haben sich über 30 Referenten und 360 Teilnehmer nun der Frage gestellt, wie die nächsten Stufen der digitalen Revolution aussehen werden – und wie Anwältinnen und Anwälte diese aktiv mitgestalten können.

Die Perspektiven beim Anwaltszukunftskongress reichten von einem Blick auf den jetzigen Stand der Digitalisierung bis hin zu Ausblicken ins Jahr 2050. Auch die aktuell bevorstehende flächendeckende Einführung des besonderen elektronischen Anwaltspostfaches (beA) war für die offiziellen Vertreter der Anwaltschaft ein  wichtiges Thema.

Die digitale Technik lernt und lernt

Einen Einblick in den generellen Stand der Technik und deren Anwendungsmöglichkeiten in der Anwaltsbranche gaben Technologie- und Softwareentwickler.  So kann Sprach- und Textanalysesoftware bereits anhand kurzer Sprachproben Rückschlüsse auf Persönlichkeit und Verhalten des Gesprächspartners ermöglichen. Algorithmusbasierte Systeme, umgangssprachlich auch als künstliche Intelligenz bezeichnet, sind in der Lage auf Big-Data-Analysen beruhende Entscheidungen zu treffen. Der IBM-Supercomputer Watson könnte so auch auf die Beantwortung juristischer Fragestellungen trainiert werden oder Rechercheaufgaben übernehmen (auch Blockchain).

Digitale Geschäftsmodelle

Dass Techno­logien den Anwalts­beruf nicht nur unterstützen, sondern auch disruptiv sein können, veran­schau­lichte Prof. Dr. Roland Vogl von der Stanford University am Beispiel US-spezi­fi­scher Geschäftsmo­delle, bei denen der Anwalt nicht mehr im Zentrum der Rechts­be­ratung steht. Auch der Business-Angel Prof. Dr. Gunter Dueck warnte davor, das beste­hende System als unumstößlich anzusehen – besonders in Hinblick auf die gravie­renden Veränderungen anderer Branchen in der jüngsten Vergan­genheit.

Im „Elevator-Pitch“ der Legal-Startups wurde deutlich, dass alter­native Geschäftsmo­delle für die Rechts­dienst­leistung bereits in Deutschland angekommen sind. Online-Platt­formen zur Anwalts­ver­mittlung, Vertrags­er­stellung im Netz oder kostenlose Prüfung von Bußgeldbe­scheiden und Fluggas­tenschädigungs­ansprüchen sind nur einige der bereits auf dem Markt etablierten softwa­re­ba­sierten Rechts­dienst­leis­tungen.

Die Anwaltschaft muss sich neu erfinden

„Die Anwalt­schaft muss sich neu erfinden, immer wieder“, fasste Rechts­anwalt Dr. Cord Brügmann, Haupt­geschäftsführer des Deutschen Anwalt­vereins seine Zukunfts­pro­gnose zusammen. Die Techni­schen Entwick­lungen unterstützten den Anwalts­beruf, würden diesen aber nicht disruptiv ersetzen. Vielmehr müssten Anwältinnen und Anwälte sich stärker vernetzen, unter­neh­me­ri­scher werden und in ihren Kanzleistruk­turen auf die Bedürfnisse der jungen Juristen eingehen. Markus Hartung, Direktor des Bucerius Law Center on the Legal Profession und Vorsit­zender des DAV-Berufs­rechts­aus­schusses, sah den Anknüpfungspunk zum Umdenken bereits in der juris­ti­schen Ausbildung. Projekt­ma­na­gement, Debat­tieren oder Coaching sollten ebenso Bestandteil des Studiums sein wie die Vermittlung der Rechts­sys­te­matik.

Egal in welcher Form sich der Wandel des Anwalts­berufs vollziehen wird, gibt es natürlich auch Techno­logie-Unter­nehmen die diesen unterstützend begleiten werden. So ermöglicht vernetzte Spracher­ken­nungs­software schon heute ein schnelles Arbeiten überall und zu jeder Zeit, Cloud-Systeme gewährleisten einen ständigen Zugriff auf alle Dokumente. Auch Coaching für alter­native Kanzleistra­tegien oder Beratung für innova­tives Mitar­bei­ter­re­cruiting via „Twitterview“ werden angeboten, sodass Anwältinnen und Anwälte sich nicht einsam und allein der Heraus­for­derung neuer Wege stellen müssen. Die verschie­denen Perspek­tiven haben die Teilnehmer ermutigt, die digitale Revolution nicht als angst­volle Beobachter, sondern als gestal­tende Akteure zu erleben.


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