Anwaltsethik

Anwälte machen Fehler, Richter eher nicht?

Der DAV-Ausschuss für Anwaltsethik und Anwaltskultur stieß beim Deutschen Anwaltstag 2018 einen Dialog zwischen Richterschaft und Anwaltschaft an – mit namhaften Vertretern beider Berufsgruppen auf dem Podium. Seit 2009 diskutiert der Deutsche Anwaltverein auf dem Anwaltstag über die Anwaltsethik.

Rechts­anwalt Markus Hartung als Moderator machte gleich zu Beginn deutlich: Anwältinnen und Anwälte, ebenso wie Richte­rinnen und Richter bemühten sich selbst­verständlich darum, Fehler zu vermeiden. Aber was, wenn doch etwas schief­laufe? Und was könne man von der jeweils anderen Berufs­gruppe lernen?

Bei der Frage nach der Art und Weise, wie man mit Fehlern umgehe, müsse man zwischen eigenen Fehlern und dem Umgang mit Fehlern anderer unter­scheiden, antwortete Prof. Dr. Hans-Jürgen Hellwig in seinem Kurzvortrag. Gute anwalt­liche Tätigkeit zeichne sich dadurch aus, dass sie Strategien zur Fehler­ver­meidung vorsehe, sagte der Rechts­anwalt. Das Thema Fehler­kultur sei immens wichtig, gleich­zeitig aber in der Öffent­lichkeit schwer vermit­telbar, so Hellwig. Momentan herrsche eine Kultur des „naming and shaming“, die es zu ändern gelte. Rechts­anwalt Hartmut Kilger ergänzte mit prakti­schen Tipps: Für eigene Haftungsfälle rate er Anwältinnen und Anwälten, sich bereits vorher Strategien zu überlegen und die Fälle an Kollegen abzugeben – der Anwalt sei in eigener Sache befangen und verhalte sich dann häufig wie ein „Esel“. Aus eigener Erfahrung zeigte sich Kilger davon überzeugt, dass das Zugeben eines Fehlers das Vertrauen zum Mandanten stärke, nicht schwäche. Hier gelte es, die eigene Selbst­ge­rech­tigkeit zu überwinden. Richterin Andrea Titz, Direk­torin am AG Wolfrats­hausen, verwies auf zwei Beson­der­heiten in ihrem Beruf: Richte­rinnen und Richter seien vom Gesetz­geber mit großer Macht und Unabhängigkeit ausge­stattet worden, die sie gleich­zeitig verpflich­teten. Richter­liche Fehler würden in der Öffent­lichkeit oft als sog. „Justiz­skandale“ rezipiert, dabei handele es sich in vielen Fällen um enttäuschte Erwar­tungen.

Denn eine objektive Richtigkeit gebe es eigentlich nicht. Eine Abänderung von Entschei­dungen durch höhere Instanzen bedeute nicht per se, dass die Vorin­stanz falsch entschieden habe. Wichtig für eine Fehler­kultur seien Reflexion, Fortbildung und die Ausein­an­der­setzung mit dem eigenen Berufs­ethos. Auch Richterin am Finanz­ge­richt Greifswald, Dr. Anne Lipsky, bekräftigte, dass es für die Justiz schwer zu definieren sei, was eindeutig richtig oder falsch sei. Oft seien eben verschiedene Entschei­dungen möglich. Erfor­derlich sei eine Kultur der Super- und Inter­vision, die sich langsam entwickle, aber noch ausbaufähig sei. Auch das Publikum bestätigte: Es liege im Interesse aller Betei­ligten, um Verständnis für mehrere richtige Lösungen in der Öffent­lichkeit zu werben und so das Vertrauen in die Justiz zu stärken.

Einig waren sich die Referen­tinnen und Referenten darüber, dass der Schlüssel zu einer funktio­nie­renden Fehler­kultur in der Kommu­ni­kation und im gegen­sei­tigen Zuhören liege, sei es zwischen Anwalt und Mandant, innerhalb der eigenen Berufs­gruppe oder im Dialog zwischen Anwalt und Richter. Ein echter Austausch zwischen den Diszi­plinen eben – die Veran­staltung kann als Beispiel dafür voraus­gehen.

Ein Mitglied aus dem DAV-Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur gibt seine ganz persönliche Antwort. Wenn Sie es anders sehen: Schreiben Sie dem Ausschuss. Antworten werden im Anwaltsblatt veröffentlicht.

 


Zurück