68. Deutscher Anwaltstag

„Bessere Technik, bessere Anwälte, besseres Recht?”

Der DAV-Ausschuss für Anwalt­sethik und Anwalts­kultur suchte am zweiten Tag des 68. Deutschen Anwaltstags zwischen den Gegensätzen Technikgläubigkeit und Herauf­beschwören der guten, alten Zeit nach dem besseren Recht.

Die Provokation war gewollt und zog Publikum. Der DAV-Ausschuss für Anwaltsethik und Anwaltskultur suchte am zweiten Tag des 68. Deutschen Anwaltstags zwischen den Gegensätzen Technikgläubigkeit und Heraufbeschwören der guten, alten Zeit nach dem besseren Recht. Seit 2009 diskutiert der Deutsche Anwaltverein auf dem Anwaltstag über die Anwaltsethik (AnwBl 2009, 514).

Zum Auftakt der von Markus Hartung moderierten Veran­staltung stellte Prof. Dr. Stephan Breidenbach von der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder) gleich eine kontro­verse These auf: Die Qualität der Rechtsanwälte sei „gefühlt“ nicht gut, sagte er in seinem Impuls­re­ferat. Empirisch oder statis­tisch belegen ließe sich diese Aussage aber nicht – dafür fehle es an Forschungen zur Qualität der Rechtsanwälte in Deutschland. Der Zugang zum Recht bereite ihm Sorgen. Immer mehr Menschen scheuten – meist aus Angst vor den Kosten – den Gang zu den Gerichten. An diesem Punkt komme die Technik ins Spiel, so Breidenbach: Die sogenannte „Indus­tria­li­sierung des Rechts“ in Form einer Standar­di­sierung könne helfen, den Zugang zum Recht und dessen Qualität zu sichern.

Breidenbach veran­schau­lichte das mit einem von ihm entwi­ckelten Systems, der „struk­tu­rellen Atomi­sierung“ des Rechts. Durch Zerlegung der geltenden Rechtssätze und Entschei­dungen in Bausteine, statt in Dokumente könne man das Recht visua­li­sieren und dynamisch nutzen. Dies schaffe Trans­parenz bei den Betei­ligten, bessere Daten für die Anwälte und ließe mehr Platz für Kreativität und Qualität. Auch mahnte er an, dringend die erfor­der­lichen Reformen im Berufs­recht zu reali­sieren. Der Rechts­dienst­leis­tungs­markt gehe sonst den Anwälten in Teilen verloren.

Im Publikum wurde besonders eine Sorge laut: Mit dem Fortschreiten der Technik sei besonders ein wesent­licher Aspekt der anwalt­lichen Arbeit in Gefahr – die Empathie. Befürchtet werde auch, dass sich bestimmte Software und Technik nur die großen Kanzleien finan­ziell leisten könnten, die kleinen Kanzleien und Einzelanwälte dabei auf der Strecke blieben.


Technik – Chance oder Risiko?


In einem Streitgespräch nahmen die beiden Ausschussmitglieder Rechtsanwältin und Notarin Ingeborg Rakete-Dombek (Berlin) und Rechtsanwalt Prof. Niko Härting (Berlin) exemplarisch zwei gegensätzliche Vorstellungen ein: Technik als Risiko – Technik als Chance. Beide berichteten, dass sich die anwaltliche Tätigkeit in den vergangenen 25 Jahren drastisch verändert habe. Die Recherchemöglichkeiten und der Zugriff auf Wissen hätten sich deutlich vereinfacht und verbessert, die Qualität der Schriftsätze habe aber nachgelassen. „Viele Anwälte arbeiten nur noch mit Copy and Paste und bestreiten alles mit Nichtwissen.“ In der Publikumsdiskussion wurde aber schnell deutlich: Das sei ein Problem der Einstellung, nicht der Technik, und insbesondere auch nicht der jungen Anwälte, wie Rechtsanwältin Reyhan Akar aus dem Publikum bekräftigte. Auch im Bereich der anwaltlichen Kommunikation mit dem Mandanten sei vieles neu: Kommuniziert werde vermehrt über E-Mail oder sogar Social-Media-Kanäle, immer weniger über Telefon, was auch dazu führe, dass der Anwalt auch am Abend und am Wochenende erreichbar sein müsse.

Rakete-Dombek und Härting kamen zu dem Fazit, dass gerade im Bereich des Wissens­ma­na­ge­ments der technische Fortschritt zu begrüßen sei. Härting appel­lierte an die Zuhörer, keine Angst vor der Technik zu haben. Legal Tech sei auch ein Hype. So schnell könne die Anwalt­schaft nicht durch Technik ersetzt werden, vielmehr solle man Legal Tech als „Freund und Helfer“ begreifen. Breidenbach sah das anders: „Die Technik ist bereits da“, betonte er. „Man kann sich entweder von ihr überrollen lassen oder die neuen Prozesse mitge­stalten“.

 


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