Anwaltsethik

Die Stunden­ab­rechnung - was ist abrechenbar?

Die Frage nach dem richtigen Handeln stellt sich im Alltag: Würden Sie es tun?

Ein Rechtsanwalt hat mit seinem Mandanten eine Gebührenvereinbarung nach Stundenaufwand zu einem bestimmten Stundensatz vereinbart. Bei der Abrechnung beziehungsweise deren Überprüfung stellt sich heraus, dass der Rechtsanwalt so viele Stunden abgerechnet hat, dass dies mit einer großzügig berechneten täglichen Arbeitszeit nicht mehr zu vereinbaren ist. Der Rechtsanwalt rechtfertigt seinen Gebührenanspruch damit, dass ihn die bearbeitete Sache selbstverständlich nicht nur während der üblichen Arbeitszeiten und während seiner Anwesenheit in seiner Kanzlei beschäftigen würde. Vielmehr würde er gedanklich an dem fraglichen Fall auch bei Autofahrten, Zugfahrten und während seiner Freizeit arbeiten. Deshalb sei es gerechtfertigt, auch diese Stunden gegenüber dem Mandanten abzurechnen.

Ist eine derartige Maximierung des Gebührenanspruchs berufsethisch zu rechtfertigen?

Für mich ist der Fall klar: Meines Erachtens ist das nicht zu recht­fer­tigen. Es ist schon fraglich, ob das rechtlich hält: Denn dass uns Fälle beschäftigen, wir sie bildlich mit nach Hause nehmen, das kennen wir alle. Manchmal ist es nicht nur ein Fall, der uns so beschäftigt. Wenn wir die Gedanken daran nicht loswerden: Kommt das dem Mandanten zugute? Ist es eine Leistung, die eine Gegen­leistung recht­fertigt, also ein Honorar dafür, dass wir den Fall nicht aus dem Kopf bekommen? Ist die Leistung produktiv? Sehr zweifelhaft. Gegen­frage: Wenn der nämliche Anwalt am Schreib­tisch sitzt und auf seinem Bleistift herumkaut, er dauernd an diesen Fall denkt, ihm aber einfach nichts einfallen will… oder wenn er sich stundenlang ziellos/assoziativ durch das Internet bewegt, immer in der Hoffnung, irgendwo den rettenden Hinweis zu finden – soll er das dann abrechnen können? Und wenn ihm nach drei Stunden Bleistift­kauen die rettende Idee einfällt, die den Fall rettet…: Gehören die drei Stunden dann auf das Timesheet? Oder gehört da nur der Geistes­blitz hin, der ja nicht länger als einen Sekun­den­bruchteil dauert? Den hätte er auch unter der Dusche haben können, während er singend an ganz andere Dinge denkt, Geistes­blitze kommen eben so, wie sie kommen.

Wenn man sich verdeutlicht, dass der Mandant eine Gegenleistung für den Arbeitsaufwand (so die regelmäßige Formulierung des BGH) schuldet, den wir wiederum für einen Fall leisten und der dem Mandanten zugute kommt, dann wird deutlich, was geht und was nicht. Dass uns ein Fall beschäftigt, hat nichts mit Arbeitsaufwand zu tun, und auch wenn wir ständig aktiv an ihn denken, ohne den Fall produktiv weiterzubringen, stellt das keinen Aufwand dar, der dem Mandanten zugutekommt.
Am besten merkt man es, wenn man sein Timesheet so ausfüllt, wie es der BGH erfordert: Eine schlüssige Darlegung der Stunden erfordert, dass die aufgeführten Maßnahmen konkret und in nachprüfbarer Weise dargelegt werden. Zu den abrechenbaren Tätigkeiten gehören danach Recherchen, Gespräche, Durchsicht von Akten oder Schriftstücken, Erstellung von Schriftstücken. Solche Sachen sind abrechenbar, weil sie produktiv sind.  Das Sich-nicht-trennen-Können hingegen nicht. Machen Sie den Test und besprechen mit Ihrem Mandanten, bevor Sie loslegen, ob er auch bereit ist, ihre unproduktive Zeit zu bezahlen. Er wird das nicht akzeptieren wollen, kaum jemand würde das tun. Dann sollte man es als Anwalt auch nicht abrechnen.

 

Ein Mitglied aus dem DAV-Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur gibt seine ganz persönliche Antwort. Wenn Sie es anders sehen: Schreiben Sie dem Ausschuss. Antworten werden im Anwaltsblatt veröffentlicht.

 


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