Anwaltsethik

Die Ungleichheit wächst

Die Frage nach dem richtigen Handeln stellt sich im Alltag: Wie würden Sie sich verhalten?

Die Gehaltsschere bei angestellten Berufsanfängern in der Anwaltschaft: Berufsanfänger, denen das Glückguter Noten nicht beschieden war, müssen sich dagegen oft mit sehr bescheidenen Gehältern begnügen. Die Schere öffnet sich immer weiter.
 

 

Ist die Gehaltsschere ein Ethikthema?

 

Antwort:

Für Berufsanfänger sind die Aussichten derzeit vergleichsweise rosig. In weiten Teilen der Republik herrscht Vollbeschäftigung. Arbeitslose Anwältinnen
und Anwälte sind eine Rarität. In weiten Teilen ist der Anwaltsmarkt zu einem „Bewerbermarkt“ geworden. Große Wirtschaftskanzleien klagen über Nachwuchsmangel und drehen immer schneller an der Gehaltsspirale. Erst wenige Jahre ist es her, dass Kanzleien begannen, Berufsanfängern sechsstellige Jahresgehälter zu zahlen. Mittlerweile werben Kanzleien mit einem Jahressalär von bis zu 140.000 Euro. Für blutige Anfänger wohlgemerkt.

Am anderen Ende der Gehaltsskala schaut es ganz anders aus. Anwalts­blatt Karriere meldete 2007, dass kleine und mittelständische Kanzleien Berufsanfängern teilweise lediglich 24.000 Euro bezahlen. Elf Jahre später hört man immer noch von Berufsanfängern, die weniger als 3.000 Euro monatlich angeboten bekommen. Die Steige­rungen am unteren Ende fallen deutlich geringer aus als in der Spitzen­gruppe. Die Anwalt­schaft ist damit das Abbild einer Gesell­schaft, in der die Ungleichheit wächst. Auf der Sonnen­seite wächst der Wohlstand rasant.

Und haben nicht viele von uns ein deutliches Störgefühl, wenn wir hören, dass frisch­ge­ba­ckene Junganwälte mit einem Gehalt nach Hause gehen, von dem gestandene Kolle­ginnen und Kollegen ihr Leben lang nur träumen können? Umgekehrt werden sich viele von uns fragen, wie eine junge Anwältin nach knapp zehn Jahren Studium und Referen­dariat mit einem höchst beschei­denen Gehalt angemessen entlohnt wird.

Ist dies denn überhaupt ein Ethikthema? Ich meine ja. Die wachsende Ungleichheit, die immer größer werdende Zahl der „working poor“ und obszöne Managergehälter sind gesell­schaft­liche Themen unserer Zeit. Es geht um die Frage, ob „sich das gehört“. Und damit geht es um Ethik. Die Ungleichheit wächst auch in unserem Beruf. Wenn wir daran festhalten, dass unseren Berufs­stand mehr verbindet als trennt, dann müssen wir auch über die Gehalts­schere sprechen, die sich nicht weiter öffnen darf. Uns würde es gut zu Gesicht stehen, diese Schere zu schließen und bei dieser gesell­schaft­lichen Frage Vorreiter zu sein.

 

 

 

Ein Mitglied aus dem DAV-Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur gibt seine ganz persönliche Antwort. Wenn Sie es anders sehen: Schreiben Sie dem Ausschuss. Antworten werden im Anwaltsblatt veröffentlicht.

 


Zurück