Anwaltsethik

Pünktlichkeit: Überholte „Sekundärtugend“?

Die Frage nach dem richtigen Handeln stellt sich im Alltag: Wie würden Sie sich verhalten?

Der Mandant sitzt zum ersten Mal vor dem Gerichtssaal. Wer nicht kommt, ist sein Anwalt. Kurz vor Ablauf der fünfzehnminütigen Schon­frist (die Richterin hatte bereits nachge­fragt, ob man endlich beginnen könne), kommt der Anwalt gerannt, wirft sich die Robe über und stürzt in den Saal. Der Mandant hat großes Glück, wenn er begrüßt wird. Das Gericht, der Gegner und dessen Anwalt haben Glück, wenn der Anwalt sich für sein Zuspätkommen irgendeine Entschul­digung abringt. Im Saal sieht sich der Mandant erneut „verloren“: Es werden Anträge aus irgend­welchen Schriftsätzen gestellt, dann wird in juris­ti­scher Fremd­sprache etwas erörtert, das der Mandant nicht versteht, und schon ist der Termin vorbei. Vor der Tür wagt es der schüchterne Mandant zu fragen, was das alles zu bedeuten habe. Sein Anwalt entgegnet knapp: Das Gericht entscheidet am Schluss der Sitzung. Wir bekommen das schriftlich, wird er beschieden. Sie hören von mir. Dann läuft der Anwalt hektisch davon. Der Mandant, der wahrscheinlich schon 30 Minuten vor dem Termin vor der Saaltür saß, ist noch genauso beunruhigt, wie zuvor.

 

 

 

 

Schuldet der Anwalt dem Mandanten Pünktlichkeit beim Gerichtstermin?

 

 
Antwort:

Hat da jemand seinen beruf­lichen Auftrag verfehlt? Ist es nicht Aufgabe des Anwalts, seinem Mandanten Sicherheit zu vermitteln, ihm zu erklären, was auf ihn zu kommt und wie das, was im Saal geschah, zu verstehen ist? Ist es denn zu viel verlangt, wenn erwartet wird, dass er sich ausrei­chend Zeit nimmt? Ein Kollege hat einmal scherzhaft zu mir gesagt: „Ich komme immer zu spät, die Leute könnten sonst denken, ich hätte nichts anderes zu tun.“ Unpünktlichkeit ist danach gelebte Arroganz. Es kann auch schlechtes Zeitma­na­gement sein – keinen Zeitpuffer für Unvor­her­ge­se­henes einzu­planen, ist aber auch ein großer Fehler.

Ich weiß, ich klage hier über schlechtes Benehmen und mangelnde Höflichkeit, besonders, wenn ich auf der Gegen­seite bin und selber warten muss. Ich habe auch eine Karikatur des Kollegen gezeichnet, obwohl ich solch einen schon erlebt habe. Es geht mir um Anwalts­kultur – Robe allein genügt nicht! Der Mandant sorgt für uns, indem er unser Honorar zahlt. Es ist deshalb absurd, ihn schlecht zu behandeln. Andere Menschen warten zu lassen ist eine Vergeudung von Lebens- und Arbeitszeit der Wartenden. Jeder von uns mag daher bedenken, wie er sich fühlt, wenn er auf andere warten muss, wann er ungeduldig wird, wann er die Hoffnung verliert und wann er wütend wird. Das ist bei jedem Menschen und in verschie­denen Kultur­kreisen unter­schiedlich, aber an unseren Mandanten sollten wir das doch lieber nicht auspro­bieren. Der Wartende schließt nämlich von der Unpünktlichkeit auf die Unzuverlässigkeit des Anwalts. Und das ist für uns alle nicht gut.

 

Der DAV hat einen Ausschuss Anwalt­sethik und Anwalts­kultur. Dieser Ausschuss will eine Diskussion darüber führen und auslösen, ob die anwalt­liche Tätigkeit auch ethischen Maßstäben unter­liegt, und wenn ja, welchen. Der Vorstand des DAV hat beschlossen, keinen Ethik­kodex zu formu­lieren. Einmal fehlt hierfür die Legiti­mation. Zum anderen läuft ein solcher Kodex Gefahr, beschlossen und vergessen zu werden. Eine beständige Diskussion um ethische Fragen vermag das Problem­be­wusstsein mehr zu prägen und zu schärfen. Die Rubrik gibt es seit 2012 im Anwalts­blatt, seit 2017 antworten Ausschuss­mit­glieder. Es sind jeweils ihre persönlichen Antworten, keine Stellung­nahmen des gesamten Ausschusses oder des DAV.

Dem DAV-Ausschuss Anwalt­sethik und Anwalts­kultur gehören die Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte an:

  • Dr. Jörg Meister (Vorsitzender),
  • Reyan Akar,
  • Christian Brunssen (auch Notar),
  • Dr. Joachim Frhr. von Falkenhausen,
  • Prof. Niko Härting,
  • Markus Hartung,
  • Petra Heinicke,
  • Hartmut Kilger,
  • Ingeborg Rakete-Dombek (auch Notarin) und
  • Silke Waterschek.

 

Ein Mitglied aus dem DAV-Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur gibt seine ganz persönliche Antwort. Wenn Sie es anders sehen: Schreiben Sie dem Ausschuss. Antworten werden im Anwaltsblatt veröffentlicht.

 


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