Anwaltsethik

Tricksen bei den Reise­kosten?

Die Frage nach dem richtigen Handeln stellt sich im Alltag: Wie würden Sie sich verhalten?

Sie haben Ihre Kanzlei in Süddeutschland und einen Mandanten, den Sie beim Verwal­tungs­ge­richt in Berlin vertreten. Termin zur mündlichen Verhandlung steht an. Das wäre doch eine Gelegenheit, die Termins­wahr­nehmung mit dem Besuch bei einem Freund zu verbinden, den Sie schon Jahre nicht gesehen haben. Sie  fliegen also nach Berlin und verbinden beides. Hinterher rechnen Sie über die Reise­kosten mit dem Mandanten ab.

• Erstens: Der Besuch bei dem Freund dauerte dann doch länger – und nur deswegen mussten Sie übernachten. Nach der Terminswahrnehmung allein wären Sie noch gut nach Hause gekommen. Berechnen Sie dem Mandanten die Hotelkosten?
• Zweitens: Abwandlung: das Treffen mit dem Freund lässt sich so einrichten, dass keinerlei Mehrkosten entstehen (der planmäßige Rückflug am Terminstag liegt so spät, dass Sie die Wartezeit für das Freundschaftstreffen nutzen können und nicht nutzlos in der Lounge herumsitzen). Berechnen Sie dem Mandanten – der  von dem privaten Treffen nichts weiß – die vollen Flugkosten?

 

 

 

Wer zahlt am Ende die Reisekosten?

 
 

Antwort:

Meine Ansicht: Hoffentlich geben Sie der Versu­chung zu Erstens nicht nach. Das könnte eventuell sogar eine strafbare Handlung sein. Ich bin mir nicht sicher, ob zum abgewan­delten zweiten Fall immer Problem­be­wusstsein besteht: dem Mandaten ist ja kein Schaden entstanden. Ohne das Treffen mit dem Freund  hätte er dieselben Kosten zu tragen gehabt. Aber ist es in Ordnung, ihm den ganzen Flug anzulasten? Der Flug hat doch auch Privatem genützt. Unabhängig von der (auch steuer-)recht­lichen Bewertung sollte auch bedacht werden: erfährt der Mandant gelegentlich von dem privaten Zusatz­vergnügen, wird er nicht  begeistert sein. Sein Vertrauen in Sie wird dadurch jeden­falls nicht gestärkt. Offen­legung der Eigen­be­tei­ligung kann dagegen das Vertrauen erheblich stärken.

Deswegen meine ich: man sollte die Karten aufdecken und mit dem Mandanten eine Einigung zur Kosten­tragung versuchen – und wenn das nicht klappt, die hälftigen Flugkosten selbst tragen. Das Vertrauen in Ihre Arbeit ist wichtiger als die ohnehin geringe Kostenlast.

Merke: die Abrechnung von Reise­kosten ist eine empfind­liche Sache. Arbeits­rechtler wissen das.

 

 

Ein Mitglied aus dem DAV-Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur gibt seine ganz persönliche Antwort. Wenn Sie es anders sehen: Schreiben Sie dem Ausschuss. Antworten werden im Anwaltsblatt veröffentlicht.

 


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