Anwaltsethik

Werben mit großspurigen Verspre­chungen

Die Frage nach dem richtigen Handeln stellt sich im Alltag: Würden Sie es tun?

Die Rechtsanwälte A, B und C haben mit anderen Interessierten einen „Anlegerschutzverein“ gegründet. Dieser Anlegerschutzverein wendet sich an vermeintlich geschädigte Kapitalanleger und erweckt nach außen den Eindruck, geschädigten Kapitalanlegern Informationen anzubieten und deren Interessen zu fördern. Im Rahmen dieser Informationen werden bestimmte Anwaltskanzleien empfohlen, darunter diejenigen der Rechtsanwälte A, B und C, die den Verein mitgegründet haben.

Ist diese Form der Akquise berufsethisch vertretbar?

In den USA haben Anwälte schon lange einen schlechten Ruf. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup bewerteten Ende 2015 gerade einmal 21 Prozent der Befragten die „Ehrlichkeit und berufsethischen Standards“ der Anwälte mit „sehr hoch“ oder „hoch“. 34 Prozent der Befragten antworteten mit „sehr niedrig“ oder „niedrig“ (Umfrage “Honesty and Ethics in Professions”). Die Werte der deutschen Anwälte in der jährlichen Umfrage des Forsa-Instituts sind vergleichsweise hoch. Zuletzt (2015) gaben 57 Prozent der Befragten an, Anwälte hätten bei ihnen ein (sehr) hohes Ansehen (Bürgerbefragung im Auftrag des „dbb Beamtenbund und Tarifunion“, S. 9).

Der Ansehens­verfall der ameri­ka­ni­schen Anwälte hat eine Vielzahl von Ursachen. Zu diesen Ursachen zählt das verbreitete Bild des Beraters, dem es in erster Linie um seinen eigenen Vorteil geht. Hierzu haben die aggres­siven Akqui­se­prak­tiken von „Opferanwälten“ beige­tragen. „Opferanwälte“ treten bei Flugzeu­gabstürzen ebenso auf den Plan wie bei Produkt­fehlern und Firmenpleiten. Sie versprechen den Geschädigten das Blaue vom Himmel und hoffen auf einen fetten Anteil an den Zahlungen, die Unter­nehmen und Versi­che­rungen leisten, um Klagen abzuwenden.

Das „Ambulance Chasing“ war in Deutschland tabu, solange es strenge Verbote für die Anwalts­werbung gab. Erst in den letzten 15 Jahren ist dieses Tabu nach und nach gefallen. Bei jeder Pleite und jedem Unglück gehört es heute zur medialen Routine, dass selbs­t­er­nannte „Opferanwälte“ und „Anlegeranwälte“ befragt werden, die sich mit markigen Sprüchen zu Wort melden. Zuletzt zu beobachten bei „Dieselgate“. „Opferanwälte“ rieten den Autokäufern zu Sammel­klagen. „Anlegeranwälte“ boten kleinen VW-Aktionären ihre Dienste an, um den Konzern für den Verfall des Börsenkurses haftbar zu machen.

Die Masche ist immer dieselbe: Man fordert die Geschädigten zu schnellem Handeln auf („Forde­rungen anmelden“; „Achtung Verjährung“), lockt mit „Sammel­klagen“ und einer Zusam­men­arbeit mit windigen ameri­ka­ni­schen Kollegen. Und behauptet ungeschützt (und unüberprüfbar), bereits eine Vielzahl von Mandaten in der Tasche zu haben. Meist hört man von den angekündigten „Sammel­klagen“ später nichts mehr. So lautstark die „Opferanwälte“ bei der Akquise sind, so kleinlaut werden sie bei der Verkündung der Ergeb­nisse ihrer Bemühungen. Meist erfährt man nichts, besten­falls Gerichts­schelte. Die Mandate wurden in der Zwischenzeit abgerechnet. Opfer und Klein­an­leger sind keine Dauer­man­danten, sodass die Unzufrie­denheit folgenlos bleibt.

Anleger­schutz­vereine gehören zu den beliebten Werkzeugen aus dem Akquise-Baukasten der „Opferanwälte“. Werden sie gegründet, damit sich Anwälte durch Massen-Rundschreiben an geprellte Anleger selbst bedienen, schaden sie dem Ansehen der Anwalt­schaft. Der Ethik­daumen geht nach unten.

 

Ein Mitglied aus dem DAV-Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur gibt seine ganz persönliche Antwort. Wenn Sie es anders sehen: Schreiben Sie dem Ausschuss. Antworten werden im Anwaltsblatt veröffentlicht.

 


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