Anwaltsethik

Wie viel Nähe verträgt ein Mandat?

Die Frage nach dem richtigen Handeln stellt sich im Alltag: Würden Sie es tun?

Ein Strafverteidiger baut im Rahmen einer Verteidigung, die sich über einen längeren Zeitraum hinzieht, persönliche Beziehungen zu dem Beschuldigten auf (gemeinsame Reise, persönliche Freundschaft mit vertraulicher Anrede, gemeinsame Segeltour etc.). ln der Hauptverhandlung redet der Verteidiger den Angeklagten mit „Du“ an und bringt durch weitere Äußerlichkeiten (Schulterklopfen, Armauflegen, Arm um die Schulter legen, etc.) auch für Außenstehende zum Ausdruck, dass er mit dem Angeklagten vertraulich verbunden ist. 

 

  • Ist eine solche persönliche Verbindung des  Verteidigers mit seinem Mandanten berufsethisch zu missbilligen?
  • Wenn man von einer solchen Missbilligung nicht ausgeht: Ist es berufsethisch vertretbar, die enge persönliche Beziehung nach außen offenbar werden zu lassen, zum Beispiel in der Hauptverhandlung, in einem Pressegespräch?

Vorab: Ich bin keine Straf­ver­tei­di­gerin und habe in meinem Berufs­leben nur zwei (klitze­kleine) Straf­ver­tei­di­gungen geführt. Trotzdem habe ich zur Frage die klare Meinung, dass eine echte Freund­schaft, die zwischen Straf­ver­tei­diger und Mandanten entsteht, nicht zu missbil­ligen ist. Der Anwalt/die Anwältin ist Mensch, hat (hoffentlich!) Freunde und erwirbt im Laufe des Lebens auch immer wieder Freunde hinzu. Das Entstehen von Freund­schaften kann (und muss) man nicht immer steuern. Ebenso wie es grundsätzlich nicht unethisch wäre, die Vertei­digung von Freunden zu übernehmen, ist es grundsätzlich nicht unethisch, sich mit Mandanten zu befreunden. In beiden Fällen muss man aller­dings besonders darauf achten, dass die persönliche Verbun­denheit nicht die Integrität der anwalt­lichen Berufsausübung einer­seits und deren Qualität und Nutzen für den Mandanten anderer­seits negativ beein­flusst. Auch für Freunde darf man nicht zum Komplizen werden, auch bei Freunden muss man das notwendige Maß an kriti­scher Distanz wahren, wenn man ihre Sache gut führen und ihre Inter­essen gut vertreten will. Es gibt den Satz, dass ein Anwalt in eigener Sache einen Narren zum Mandanten hat. Er gilt keineswegs immer, es gibt Anwälte, die auch ihre eigene Sache sachlich und gut einschätzen und vertreten können. Ein Freund hat wie jeder andere Mandant Anspruch darauf, keinen Narren zum Anwalt zu haben. Kritische Reflexion ist in dieser Situation gefragt, wenn das erfor­der­liche Maß an Sachlichkeit und Distanz nicht mehr gegeben ist, muss man das Mandat abgeben.


Es kann durchaus berufsethisch auch vertretbar sein, die enge persönliche Beziehung nach außen offenbar werden zu lassen. Grundvoraussetzung ist für mich hier, dass das gezeigte Verhalten authentisch und nicht aufgesetzt ist. Wer die Freundschaft zu Mandanten besonders betont, um beispielsweise selbst an deren Prominenz teilzuhaben und dabei entstehende Ressentiments zu Lasten der Mandanten in Kauf nimmt, verhält sich berufsethisch nicht korrekt. Wer seinem Mandanten im Prozess das Gefühl geben will, nicht allein dazustehen und wer erkennt, dass dafür der Mandant das öffentliche „Du“ dringend braucht, handelt berufsethisch, wenn er es verwendet. Alles dazwischen sind Persönlichkeits-und Geschmacksfragen, die man nicht mit Ethik verwechseln sollte.


Um auch die Persönlichkeits-und Geschmacksfrage zu beantworten: Wenn ich es steuern kann, ziehe ich es vor, Sympathie zu Mandanten erst nach Abschluss eines Verfahrens in Richtung Freundschaft zu vertiefen.

 

Ein Mitglied aus dem DAV-Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur gibt seine ganz persönliche Antwort. Wenn Sie es anders sehen: Schreiben Sie dem Ausschuss. Antworten werden im Anwaltsblatt veröffentlicht.

 


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