Anwaltsethik

Zugabe und Reklame: Ein Ethik-Thema?

Die Frage nach dem richtigen Handeln stellt sich im Alltag: Wie würden Sie sich verhalten?

Eine Anwältin wirbt damit, eventu­ellen Mandanten eine kostenlose Erstbe­ratung oder eine kostenlose Vorprüfung von Ansprüchen oder eine kostenlose Anfrage über das Bestehen von Deckungs­schutz bei einer Recht­schutz­ver­si­cherung anzubieten. Ein Rechts­anwalt wirbt auffällig durch Banden­werbung in einem Sport­stadion, durch Verteilen von Flugblättern bei kultu­rellen Veran­stal­tungen, durch Aufbringen des Kanzlei­logos auf seinem Hemdkragen oder auf seiner Robe.

 

 

 

 

Gibt es für Werbung noch Grenzen?

  

Antwort:

Ich selbst bin nicht so ganz sicher, was ich zu einzelnen Gestal­tungen vor drei Jahren oder gar zehn Jahre früher geant­wortet hätte. Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass die in der Anwalt­schaft seit vielen Jahren disku­tierten Beispielsfälle (kostenlose Erstbe­ratung, kostenlose Anfrage bei der Rechts­schutz­ver­si­cherung einer­seits, auffällige Banden­werbung, Flugblatt­ver­teilung, Kanzleilogo auf der Robe anderer­seits) mit Ethik für mich (fast) nichts zu tun haben.

Als solche sind „Geschenke“ an den Mandanten oder poten­ti­ellen Mandanten nicht unethisch, dabei versteht sich von selbst, dass die Zugabe keinen Irrtum beim Mandanten über ihren Wert oder ihre Bedin­gungen erregen darf und im Zusam­menhang damit kein unzulässiger psychi­scher Druck auf den Mandanten ausgeübt werden darf. Als solche ist Werbung nicht unethisch, und seien wir ehrlich, ein Werbe­effekt, der „richtige“ Werbung im obigen Sinn überflüssig machen kann, liegt gegebe­nen­falls schon in der Wahl der „richtigen“ Büroadresse, der Wahl der „richtigen“ Büroaus­stattung und der Bilder an den Wänden, der Wahl des „richtigen“ Auftritts im Internet, der Wahl der „richtigen“ sonstigen Betätigungen, die Kontakte fördern. Ob man solche Wahlen mit entspre­chender Zielrichtung bewusst trifft oder zufällig „richtig“ liegt – die ethische Grund­satz­frage bei Werbe­mitteln mit letztlich gleichem (aber nicht immer erzielten oder erziel­baren) Effekt zu stellen und Zweifel anzumelden, erscheint mir unange­bracht. Wichtig ist für mich in Bezug auf Ethik im Zusam­menhang nur, dass die Werbung nicht unehrlich und irreführend für den Adres­saten ist und keine Druck­si­tua­tionen ausnutzt („ambulance chasing“).

Auf einem ganz anderen Blatt steht, ob und in welcher Gestaltung Werbung nach meiner oder anderer Auffassung passend oder unpassend, geschmackvoll oder geschmacklos ist. Ob man mit dem großzügigen Verteilen von Zugaben seine eigene Leistung genug wertschätzt, ob man vielleicht unbewusst vorhandene oder vermeint­liche Mängel seiner Leistung kompen­sieren will, ist eine aus meiner Sicht nützliche Frage, die man sich stellen könnte (ebenso, wie man das Bedürfnis, jeden einzelnen Feder­strich in Honorar umzusetzen, ebenfalls hinter­fragen kann). Dass eine gute juris­tische Leistung verbunden mit guter Infor­mation und Betreuung der Mandanten viele Werbe­mittel überflüssig machen kann, den Wert aller Werbe­mittel steigert und die im Gesamt­paket ehrlich erbrachte Leistung für uns alle nicht nur wichtiger als Werbung und Zugaben, sondern das Wesent­liche ist, muss eigentlich nicht gesagt werden.

 

 

Ein Mitglied aus dem DAV-Ausschuss Anwaltsethik und Anwaltskultur gibt seine ganz persönliche Antwort. Wenn Sie es anders sehen: Schreiben Sie dem Ausschuss. Antworten werden im Anwaltsblatt veröffentlicht.

 


Zurück