Anwaltverein

ReNos sind keine Kanzlei-Unter­tanen: Anwälte müssen bessere Arbeit­geber werden

Edith Kindermann beim DAV-Expertenforum ReNo

Die Zahl der Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten (ReNos) und der Rechtsanwaltsfachangestellten (ReFas) ist in den letzten 40 Jahren drastisch gesunken. Auch Legal Tech kann die sogenannten nichtjuristischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht ersetzen. Was können Anwältinnen und Anwälte tun, um ReNos und ReFas zu halten oder für ihre Kanzlei zu gewinnen? Auf dem DAV-Expertenforum „Die Zukunft eines Berufes“ ging es am Ende um ganz konkrete Tipps für Anwältinnen und Anwälte.

„Heute erster Arbeitstag in der neuen Kanzlei, wurde auch mit Blumen überrascht. Nach 40 Jahren Berufstätigkeit das erste Mal!“

„Es wird doch nicht doch noch tolle Anwälte geben?“

Das sind nur zwei Beispiele für die Nachrichten, die ReNos und ReFas über ihre Chefinnen und Chefs in Sozialen Netzwerken verbreiten. Sabine Vetter vom Forum Deutscher Rechts- und Notarfachwirte e.V. hat sie analysiert. Dabei ergab sich ein Bild von Egoisten, die es nicht wertschätzen, was ihre Mitarbeiter tagtäglich leisten und sie in der Ausbildung zu Weinlese, Unkrautjäten oder privaten Botendiensten verdammen. Wer will da noch ReNo oder ReFa werden? Rechtsanwalts- oder Notarfachangestelltinnen und Rechtsanwaltsfachangestelltinnen sind mehr gefragt denn je zuvor. Das zeigte sich beim DAV-Expertenforum „Die Zukunft eines Berufes“ am 19. September 2019 in Berlin: Der Konferenzsaal im DAV-Haus war brechend voll.

Zahlen und Fakten: Studien zu Rekru­tierung und Ausbildung von ReFas und ReNos

1980 stellten 36.000 Anwältinnen und Anwälte noch 10.000 Ausbildungsverträge für ReNos und ReFas. 2017 waren es bei mehr als 160.000 Anwälten nur noch knapp 3.300 Verträge. Insbesondere in großen Kanzleien erfüllen heute zwar auch Wirtschaftsjuristen mit Bachelor die Arbeit von ReNos. Das Berufsbild der ReNos und ReFas wandelt sich aber rasant, genauso wie das der Anwälte. Viele nutzen inzwischen Legal Tech. Digitale Assistenten können jedoch keine Mandanten betreuen. Gerade kleine und mittlere Kanzleien kommen nicht ohne ReNos oder ReFas aus. Doch wenn es so weitergeht, sterben diese Berufe in gerade einmal zehn Jahren aus. Die Gründe sind nicht nur struktureller Natur. In vielen Fällen tragen die Anwälte selbst Schuld.

Einer Studie des Soldan Instituts zufolge haben nur fünf Prozent aller Kanzleien keine Probleme bei der Rekrutierung von ReNos oder ReFas. Laut Prof. Dr. Matthias Kilian, Direktor des Instituts, wechseln viele nichtjuristische Mitarbeiter in die Justiz oder in den öffentlichen Dienst. Denn in der Kanzlei seien sie unter- oder überfordert. Sie fühlten sich schlecht betreut – was auch daran liege, dass Anwälte keinen Ausbilderschein bräuchten und manche diese Aufgabe nicht zufriedenstellend erfüllten. Das größte Problem sind Kilian zufolge aber die mangelnden sozialen Kompetenzen vieler Anwälte. „Sympathie ist das wichtigste Motiv bei der Wahl einer Ausbildungskanzlei“, sagte Kilian. „Die kann erzeugt werden durch wertschätzende Behandlung des Bewerbers.“ Anwälte sollten deshalb Selbstverständlichkeiten reflektieren – und sich für die Bindung ihrer Mitarbeiter an die Kanzlei engagieren. Im Anwaltsblatt hatte Matthias Kilian kürzlich darauf  hingewiesen, dass Anwälte als Führungskraft sich meist für bessere Chefs halten und sich bessere Noten geben als ihre Mitarbeiter ihnen.

Was ReFa und ReNo brauchen…Wertschätzung!

Ronja Tietje vom Bundesvorstand der ReNos setzte sich dafür ein, die Fortbildung für ReNos und ReFas zu reformieren. Die betreffende Verordnung stammt noch aus dem Jahr 2001. ReNos und ReFas bräuchten die Chance, sich weiterzuentwickeln – sonst kämen immer weniger Auszubildende nach. In erster Linie gehe es aber um ein gutes Arbeitsklima, um Kommunikation auf Augenhöhe. „Schließlich sollen ReNos und ReFas Kanzleien ein Stück weit führen“, sagte Tietje. Trotz ihrer hohen Verantwortung fühlten sich viele zu wenig geschätzt.

 

Deshalb riet Rechtsfachwirtin Sina Töpfer den Anwälten: Macht die ReNos zu euren Partnern! Sie hat sich darauf spezialisiert, nichtjuristische Angestellte für Kanzleien zu rekrutieren. Viele wüssten nicht, auf welche Stellenanzeige sie sich bewerben sollten – meistens klängen diese genau gleich. ReNos und ReFas wollten aber wissen, für wen sie zukünftig arbeiten. Daher rät Töpfer Rechtsanwälten, Profile in Sozialen Netzwerken zu bespielen und sich im Bewerbungsgespräch als Arbeitgeber zu präsentieren. Kanzleiinhaber sollten ihre Bürotür auch mal offenlassen – und sich für ihre Auszubildenden interessieren.

Zwar wollten viele Schulabgänger nicht unbedingt ReNos oder ReFas werden, weil sie in anderen Berufen mehr verdienten. Aber es gehe nicht nur ums Gehalt. Kanzleien könnten Auszubildende auch mit Urlaubstagen locken, mit flexiblen Arbeitszeiten oder mit Home Office. „Die Auszubildenden und jüngeren ReNos und ReFas wünschen sich, dass ihre Chefs ihre persönliche Lebenssituation erkennen und sie respektieren“, sagte Töpfer. Schließlich verbrächten sie die meiste Zeit ihres Tages in der Kanzlei – und wollten sich dort auch wohlfühlen.

Anwältinnen und Anwälte sind schlechte Chefinnen und Chefs

Doch genau das mit dem Wohlfühlklima falle vielen Anwälten schwer, bemerkte Prof. Dr. Bruno Mascello, Titularprofessor für Wirtschaftsrecht und Legal Management an der Universität St Gallen. Einer Studie aus den USA zufolge lebten Anwälte zwar viel autonomer und seien skeptischer als der Durchschnitt der Bevölkerung. Bei Geselligkeit und den sozialen Kompetenzen lägen sie aber weit zurück. Sie seien meist auch keine guten Unternehmer. „Anwälte sollten viel mehr Feedback geben, ihre Mitarbeiter in regelmäßigen Abständen beurteilen“, rät Mascello. „Sie müssen lernen, ein Team zu führen.“

Anwälte müssten sich zunächst hervorragende Mitstreiter suchen, Verantwortung übertragen. Sie sollten gesunden Wettbewerb fördern und Probleme lösen, Vorbild für ihre ReNos und ReFas sein, den persönlichen Kontakt mit ihnen suchen. Ihr Feedback sollte konstruktiv sein. Zwar schütteten in Sozialen Netzwerken vor allem Unzufriedene ihre Herzen aus, wandte Mascello ein. Wenn Anwälte ihre Angestellten aber wie Exkursionsleiter statt wie Puppenspieler führten und ihnen auch mal Eis oder Blumen mitbrächten – dann spreche sich das äußerst positiv herum.


Zurück