Legal Tech

Campus 2019: Deutsch-französischer Austausch zu Digita­li­sierung und Legal Tech

Chatbots als Zukunft der Anwaltschaft? Auf der DAV-Veranstaltung "Campus 2019" standen u. a. solche Fragen im Vordergrund.

Am 30. Januar und 1. Februar 2019 luden die Pariser Anwaltskammer und der DAV deutsche und französische Anwältinnen und Anwälte zu einer gemeinsamen Konferenz unter dem Titel Campus 2019 zum Thema Legal-Tech und Digitalisierung ein. Schnell zeigte sich: Gerade bei der Förderung von jungen Legal Tech Projekten sind die französischen Gäste uns ein paar Schritte voraus. Ein Aspekt, der den Austausch umso fruchtbarer machte. Denn auch von deutscher Seite gab es spannende Projekte und Impulse aus dem sogenannten Berlin-Valley. Dazu setzte die Veranstaltung auch ein politisches Zeichen – in Anbetracht des anstehenden Brexits bestärkten die Anwaltschaften beider Länder einen regen und effektiven Austausch, auch für die kommenden Jahre.

Diese Botschaft sendeten gleich zu Beginn sowohl Bundes­jus­tiz­mi­nis­terin Dr. Katarina Barley als auch die Vertre­terin der französischen Justiz­mi­nis­terin, Valérie Delnaud, in ihren Grußworten zu der Veran­staltung und stellten den Campus 2019 in direkten Zusam­menhang mit dem am 22. Januar 2019 von Bundes­kanz­lerin Merkel und Präsident Macron unter­zeich­neten Aachener Vertrag. In diesem bekräftigen Frank­reich und Deutschland ihre Absicht, u.a. bei den Themen Digita­li­sierung, Bildung und Techno­logie eng zusam­men­zu­ar­beiten und sich so für ein starkes, handlungsfähiges Europa einzu­setzen. Eine Aktualität, die auch bei den Abendempfängen im Kammer­ge­richt Berlin und in der französischen Botschaft am Pariser Platz betont wurde.

An den beiden Konfe­renz­tagen wurden im Rahmen von elf Podiums­dis­kus­sionen Fragen zur künstlichen Intel­ligenz und Robote­rethik sowie zur Rolle der Anwalt­schaft disku­tiert. Gleich zu Beginn ging es um Legal Tech in der Praxis großer und kleinerer Kanzleien und die zum Teil schwierige Abgrenzung zwischen techni­schen Entwick­lungen, die die Arbeit der Anwalt­schaft in Teilbe­reichen de facto ersetzen (werden) und Innova­tionen, die die anwalt­liche Arbeit bloß erleichtern. Eine Disruption in der Rechtswelt ist indes sowohl in Frank­reich als auch in Deutschland absehbar, ganz unabhängig von der Kanzleigröße.

Die Frage, in welchem Ausmaß die Digita­li­sierung die Berufswelt der Anwalt­schaft umkrempeln wird, kann jedoch derzeit weder in Frank­reich noch in Deutschland klar beant­wortet werden. Jaques Lévy Vehel, Direktor am französischen Forschungs­in­stitut für Digita­li­sierung, rief zu Gelas­senheit auf – juris­tische Prozesse seien zu komplex und schlicht nicht so weit automa­ti­sierbar, dass die anwalt­liche Arbeit in abseh­barer Zukunft ersetzbar würde. Michael Grupp, Rechts­anwalt und Mitglied der Taskforce Legal Tech des DAV, beobachtet dennoch mit Sorge, dass beispiels­weise in den USA bereits Algorithmen über Kauti­ons­frei­las­sungen anhand von Daten zur Flucht­gefahr oder Zuverlässigkeit der betrof­fenen Person treffen.

Damit rückte zugleich die ethische Dimension der Digita­li­sie­rungs­pro­zesse in den Fokus. Wenn die Praxis zeige, dass auch vermeintlich objektive Algorithmen nicht frei sind vom sogenannten „uncon­s­cious Bias“, müsse darauf laut Justiz­mi­nis­terin Barley umgehend reagiert werden. Sie forderte daher, dass solche Algorithmen öffentlich einsehbar und trans­parent sein müssen, damit man sich gegen die Entschei­dungen entspre­chend wehren könne.

Wenn damit die zu Beginn aufge­wor­fenen Fragen eher kritisch disku­tiert wurden, lag der Fokus der folgenden Podiums­dis­kus­sionen insbe­sondere am zweiten Konfe­renztag vermehrt auf den Chancen der Digita­li­sierung, insbe­sondere im Bereich Zugang zum Recht und bezüglich der neuen, deutlich praxis­be­zo­ge­neren Fort- und Ausbil­dungsmöglich­keiten. Social Media Platt­formen bieten darüber hinaus ganz neue und unkon­ven­tio­nelle Möglich­keiten für die Mandan­tenak­quise.

Dazu führten beide Anwaltsorganisationen eigene digitale Projekte für ihre Mitglieder vor. Die Pariser Anwaltskammer präsentierte die Internetseite E-Carpa über die der Zahlungsverkehr zwischen Anwaltschaft und Mandantschaft vereinfacht wird um eine von der Kammer überwachte erhöhte Transparenz insbesondere im Kampf gegen Geldwäsche zu gewährleisten. Der DAV stellte wiederum die Anwaltsblatt App und das zum Anwaltstag 2018 online gestellte Anwaltsblatt-Honorartool vor.

Beim Legal Tech Live Pitch, auf dem deutsche und französische Startups ihre Projekte vorstellen konnten, zeigte sich zunächst der Mehrwert von Think Tanks wie dem „incubateur“ der Pariser Anwalts­kammer, in dem Jungun­ter­nehmen mit erfah­renen Anwältinnen und Anwälten sowie Inves­toren zusam­men­ge­bracht werden. Innovative Ideen kamen aber letztlich sowohl aus Frank­reich mit einem Chatbot zur Beant­wortung von Rechts­fragen per SMS als auch aus Deutschland mit Programmen zur Automa­ti­sierung von Due Dilli­gence Prozessen oder zur Umsetzung der Daten­schutz­grund­ver­ordnung.

Im Bereich Legal Tech bleiben insofern viele spannende Fragen weiter zu disku­tieren. Marie-Aimée Peyron (Bâtonnier der Pariser Anwalts­kammer) und Ulrich Schel­lenberg (ehema­liger DAV-Präsident) haben sich bereits darauf verständigt, eine gemeinsame Folge­ver­an­staltung durchzuführen.


Zurück