Deutscher Anwaltstag 2018

Fehler­kultur und Risiko­ma­na­gement

Bei der Fehlerkultur können Anwälte noch von anderen Branchen lernen. Vor allem eines: Sie lassen sich nicht vermeiden, denn wo Menschen tätig sind, geschehen Fehler. Deshalb kreiste die zweite Schwerpunktveranstaltung auf dem Deutschen Anwaltstag um die Frage, wie mit Fehlern umgegangen werden sollte.

1977 auf Teneriffa. Zwei Boeing 747, voll besetzt, warten auf die Startfreigabe. Die KLM-Besatzung steht unter enormen Zeitdruck. Endlich dürfen beide Flugzeuge die nebelverhangene Startbahn entlangfahren. Dann sollte die KLM plötzlich wenden und anhalten, denn die andere Boeing hatte eine Abzweigung verpasst und war noch auf der Bahn. Doch der KLM-Kapitän, Jakob van Zanden, Senior Trainingskapitän, wendete und gab Gas. „Warte“, sagte der Co-Pilot, „wir haben doch noch keine Startfreigabe!“ Doch van Zanden gab noch weiter Gas. „And we are now in take off“, funkte der Co-Pilot. Sekunden später prallten die beiden Flugzeuge gegeneinander. Knapp 600 Menschen verloren an diesem Tag ihr Leben am Flughafen von Teneriffa.
„Die größten Fehler haben meist die banalsten Ursachen“, sagte Robert Schröder, Lufthansa-Pilot und Coach. Sie könnten vermieden werden, wenn man seine Fähigkeiten richtig einschätze. Das Hierarchiegefälle im Cockpit war extrem steil, Van Zanden wollte sich nicht die Blöße geben. Das soziale Überleben war ihm wichtiger als das körperliche. „Daraus hat die Luftfahrt gelernt, dass hierarchiesicherndes Verhalten überwunden werden muss“, erläuterte Schröder. Über Jahre hinweg habe sich so eine neue Kommunikationskultur etabliert, die frei von Sanktionen ist.
Aus Fehlern zu lernen spielt auch in der Medizin eine extrem wichtige Rolle. Mal wird das linke Bein operiert anstelle des rechten. Jemand bekommt ein Medikament mit der falschen Potenz. All das ist bereits mehrfach in Krankenhäusern in ganz Deutschland passiert. Deshalb hat die Ärzteschaft
schon vor 20 Jahren damit begonnen, offen über Fehler zu sprechen, erzählt Franziska Diel von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Um den „Halbgott in Weiß“ zu einem kommunikationsorientierten Arzt weiterzuentwickeln, der eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung leistet, hat die Ärzteschaft ein Fehlermeldungs- und Berichtssystem entwickelt. Für alle Fachdisziplinen gibt es Checklisten: Schaubilder im Kitteltaschenformat und Tabellen zum Einstecken. Bei Beinah-Fehlern kann jeder Mitarbeiter anonym Quick Alerts über den Computer auslösen, um seine Kollegen zu warnen – zum Beispiel vor einer Verwechslung von Medikamenten, die ähnlich verpackt sind oder fast denselben Namen haben. Besonders wichtig seien menschliche Vorbilder: Chefärzte, die sich auch von Assistenzärzten zurechtweisen ließen. „Das ist eine Reifungsherausforderung für alle Beteiligten, aber nur so können wir eine vertrauensvolle Kommunikation etablieren, in der niemand Angst hat, Fehler zu machen, sondern motiviert ist, sie einzugestehen“, sagte Diel.
Prof. Dr. Stephan Breidenbach von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder warb für den gezielten Einsatz von Technologie. Legal Tech solle die Qualität von Rechtsdienstleistungen erhöhen und einen besseren Zugang zum Recht gewähren. Technik solle repetitive Tätigkeiten standardisieren. „Jeder Fall hat Muster, sprich: Bausteine, die immer wieder vorkommen“, sagte Breidenbach. Das betreffe vor allem Verträge und Schriftsätze. Durch das Zusammenführen von Bausteinen zu einer Wissensarchitektur würden Verträge billiger, schneller und fehlerfreier erstellt. Zudem produziere jeder Baustein Daten, die in einer Datenbank gesammelt und ausgewertet werden. „Dadurch ist erkennbar, welche Bausteine wann, wo, wie oft und mit wieviel Erfolg verwendet werden“, sagte er. Wenn man sich die Bausteine erschließe, sei der Sprung zum Block Chain nicht mehr weit. In verschiedenen Bereichen entstünden derzeit technologische Lösungen für standardisierbare Vorgänge. „Zu einer Fehlerkultur gehört es auch dazu, sich zu öffnen und zu überlegen, wie neue Entwicklungen dabei helfen können, Dinge besser zu machen“, sagte Breidenbach.
„Fehler geschehen meist, weil die Kommunikation mit den Mandanten schlecht lief“, betonte Monika Nöhre, Schlichterin der deutschen Rechtsanwaltschaft. Seit 2009 hat sie 7.200 Fälle bearbeitet. Niemand kennt den Umgang von Anwälten mit Fehlern besser als sie. „In der Aufarbeitung verhalten sich die meisten eher passiv und versuchen, Fehler von sich zu weisen, statt an ihnen zu wachsen“, kritisierte sie. In mehr als jedem zweiten Streitfall geht es um die Anwaltsvergütung, gefolgt von Regressfällen. Häufig schlugen Anwälte Kompensationsangebote vor. In 11 Prozent aller Fälle verweigerten sie ein Schlichtungsverfahren. „Aber wenn die Schlichtungsstelle eine Empfehlung formuliert, dann nehmen Anwälte sie ganz gerne an“, sagte Nöhre. Deshalb sollten Anwälte öfter von sich aus den Gang zur Schlichtungsstelle vorschlagen, wenn es mit dem Mandanten knirscht, und „reden, reden, reden“.


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