Hans Litten

Kämpfen um jeden Preis für den Rechts­staat?

Hans Litten gehört zu den Rechtsanwälten der Weimarer Republik, die sich gegen die Nazis gestellt haben. Mit seinem Tod im KZ Dachau 1938 zahlte Litten einen hohen Preis. Der DAV hat mit einer szeni­schen Lesung des Theaterstücks "Der Prozess des Hans Litten" im Kammer­ge­richt an ihn erinnert.

Geschichte wiederholt sich nicht. Warum also Geschichte betreiben, erst recht Rechts- oder gar Anwalts­ge­sichte? Weil wir die Geschichte im Hier und Jetzt befragen können, um so etwas für unser Handeln heute zu lernen. Das Schicksal von Hans Litten, der sich als Rechts­anwalt mit Adolf Hitler 1931 angelegt hat und sehr schnell nach der Machtübernahme 1933 dafür büßen musste (bis zu seinem Tod 1938 im KZ Dachau), berührt nicht nur, sondern stellt jedem Jurist und jeder Juristin die Frage: Hätte ich auch so mutig, furcht- und selbstlos für den Rechts­staat gekämpft? Das Anwalts­blatt dokumen­tiert eine Lesung des Theaterstücks „Der Prozess des Hans Litten“ von Mark Hayhurst am 3. Juni 2016 im Kammer­ge­richt in Berlin.

 

Der letzte Abend des 67. Deutschen Anwaltstags bot im Juni einen Höhepunkt, der das juristische Publikum nachdenklich in die Nacht entließ: In einer szenischen Lesung mit Musik erlebten Auszüge des Theaterstücks „Der Prozess des Hans Litten“ im Berliner Kammergericht ihre Deutschland-Preview. Auf Initiative des Deutschen Anwaltvereins durfte erstmals eine Lesung des Theaterstücks „Der Prozess des Hans Litten“ stattfinden. Das Stück des englischen Autors Mark Hayhurst – im englischen Original unter dem Titel „Taken at Midnight“ wurde 2014 beim Chichester Festival Theater in England uraufgeführt. Die Deutschland-Premiere fand am 8. Oktober 2016 am Nürnberger Staatstheater statt. In dem Stück geht es um die Leidenszeit von Hans Litten in den Konzentrationslagern der Nazis und den Kampf seiner Mutter Irmgard Litten um die Entlassung ihres Sohnes aus der qualvollen „Schutzhaft“ ab 1933. Der Rechtsanwalt Hans Litten hatte Adolf Hitler 1931 im Edenpalast-Prozess in Berlin in den Zeugenstand geholt und im Verhör bloß gestellt (siehe dazu die Geschichtsreportage von Mauntel, AnwBl 2013, 832). Dafür bezahlte Hans Litten 1938 im Alter von 34 Jahren mit seinem Tod im KZ Dachau (vgl. Brügmann, AnwBl 1998, 75).

Den sechs Schau­spielern der Hochschule für Schau­spiel­kunst „Ernst Busch“ Berlin unter der Regie von Prof. Dr. Kerstin Hensel gelang es im histo­ri­schen Plenarsaal des Kammer­ge­richts, also an dem Ort, an dem 1944 der NS-Volks­ge­richtshof seine Schau­pro­zesse durchzog, das Publikum durch den Einsatz sparsamster szeni­scher Mittel tief zu berühren. Musika­lisch wurde die Lesung von Mitgliedern des Ensembles „Berlin Counter­point“ begleitet.

Rechtsanwältin Christine Martin, DAV, Berlin

 

Wer alte Fotos der Umgebung des Alexan­der­platzes in Berlin mit neuen Bildern vergleicht, der sieht: Durch den Krieg, aber auch die DDR-Zeit wurden viele histo­rische Gebäude zerstört. Damit wurden viele Erinne­rungen ausgelöscht. Doch es gibt auch Umgekehrtes: VomAlex­an­der­platz südlich in Richtung Janno­witzbrücke verlief die Neue Fried­richstraße. Sie wurde während der DDR-Zeit in Littenstraße umbenannt. Dadurch wurde die gesamt­deutsche Erinnerung an Hans Litten und seine Geschichte gestärkt, ja bewahrt. Und damit die Erinnerung an einen mutigen Rechts­anwalt, der in einem Prozess in der Weimarer Republik nicht davor scheute, den damals immer mächtiger und gefährlicher werdenden Adolf Hitler als Chef der NSDAP in den Zeugen­stand zu rufen und kritisch zu befragen!

Mit der Erinnerung an Hans Litten ist die traurige Erfahrung verbunden, dass sein Wider­stand, so mutig er war, sein politi­sches Gesamtziel nicht erreicht hat. Denn die Nazis kamen an die Macht, und für Hans Litten bedeutete dies den Verlust seiner Freiheit. Er war praktisch von Beginn der Nazizeit an in Konzen­tra­ti­ons­lager einge­sperrt, und er kam nie aus ihnen heraus. Und schließlich brachte ihm die Nazi-Machter­greifung den Tod, als er 1938 in Dachau im KZ in einer ausweg­losen Situation Selbstmord begehen musste.

Eine Gedenk­tafel am Gebäude der Bundes­rechts­an­walts­kammer (BRAK) in der Littenstraße und vor allem die Präsenz von vielen juris­ti­schen Insti­tu­tionen und Verbänden halten die Erinnerung an ihn wach: die BRAK, der Deutsche Anwalt­verein, die Rechts­an­walts­kammer Berlin, die Berliner Notar­kammer, das Landge­richt Berlin, das Amtsge­richt Berlin Mitte, Verbände und Verei­ni­gungen von Steuer­be­ratern und noch einige mehr: Sie alle sitzen in der Littenstraße. Ihre Briefe und E-Mails, tragen täglich die Erinnerung an Litten in die Welt.

Leider aber erscheint uns die Geschichte von Litten in letzter Zeit zunehmend als eine, die nicht zu einer fernen Zeit gehört, die gar nicht wieder­kommen kann. Wir haben zwar noch nicht gelebt – oder die Älteren unter uns waren noch Kinder als der Prozess des Hans Litten stattfand. Doch Entwick­lungen in vielen Ländern lassen die Geschichte des Hans Litten als eine beklemmend aktuelle erscheinen.

Gewiss: Seit es Rechtsanwälte gibt, gibt es Länder, in denen die Herrscher oder mächtige Gruppen Rechtsanwälte behindern, bedrohen, einsperren, misshandeln, ja töten. Seien wir ehrlich: Wir wussten, dass damit im 21. Jahrhundert nicht Schluss sein würde. Was aber wirklich beklemmend ist: Wir spüren, dass immer mehr aktuelle Geschichten ähnlich der des Hans Litten immer näher rücken – räumlich und zeitlich. Es gibt sie nicht nur in fernen Ländern, etwa in Latein­amerika, wo deutsche Verbände sowohl der Anwälte als auch der Richter sich in Kolumbien und Mittelamerika für mutige Juristen aller Profes­sionen einsetzt. Es gibt sie auch nicht nur in Ländern hinter einem eisernen Vorhang, der langsam wieder entsteht und beginnt, Europa zu trennen, was die Rechts­kultur betrifft – auch das ist beklemmend. Die Länder, in denen sich der Druck auf Anwältinnen und Anwälte verstärkt, rücken noch näher. Wir spüren ihn, was den Druck durch die Herrschenden anbetrifft, jetzt schon in Ländern, mit denen wir gemeinsam in der Europäischen Union sind. Wir sehen ihn ganz deutlich in einem Land, mit dem wir in der NATO, unserem Militärbündnis, zusam­men­ar­beiten und in dem viele Berliner Wurzeln haben.

Wir spüren auch, dass die Gefahr für Rechtsanwälte, Opfer physi­scher Gewalt durch mächtige nicht­staat­liche Gruppen und Banden zu werden, steigt. Darunter sind wie zu Littens Zeiten, solche, die sich auf die Nation und auf ein unmensch­liches, überdies von der Biologie längst wider­legtes Rasse­denken stützen. Gefahren drohen Anwältinnen und Anwälten aber auch von Mafia­gruppen und von pseudo­religiösen Terro­risten. Vor Gewalt, wenn auch im Augen­blick „nur“ für ihre Vermögenswerte, müssen sich zunehmend auch Anwälte fürchten, die aus Sicht pseudo­linker gewalttätiger Gruppen unpopuläre Mandanten haben, nämlich Wirtschafts­un­ter­nehmen oder Inves­toren. Die Gefahr, dass nicht nur das Auto ihres Mandanten brennt, sondern auch ihr eigenes oder ihre Kanzlei angegriffen, weil sie den Gruppen nicht in ihr Stadtbild passen, steigt. Zugegeben, es ist nicht dieselbe Dimension: Man sollte dennoch den Mut haben, das anzusprechen, weil Gewalt klein anfängt, aber ihr die Tendenz zur Steigerung innewohnt. All diese Gruppen und Banden verbindet zweierlei: Die Liebe zur Gewalttätigkeit und ein Hass gegen Anwältinnen und Anwälte, wenn sie auf der vermeintlich falschen, der anderen Seite stehen. Menschen, die sich für die Inter­essen dieser anderen Seite einsetzen, und das nicht mit Gewalt, sondern mit dem Wort und mit den Instru­menten des Rechts in einem geord­neten gewalt­freien Verfahren: Das können solche Gruppen nicht ertragen.

Es ist deshalb wichtig und leider hochak­tuell, wenn wir uns mit Hans Litten und seinem Einsatz für die damaligen Opfer von Gewalt befassen. Ich freue mich, dass wir dies hier tun können: Wir sitzen in dem Raum, dessen Nutzung als Gericht von dem Gegner, gegen den sich Litten gewandt hatte, für eine Terror-Recht­spre­chung missbraucht wurde. Das war damals, als der Volks­ge­richtshof hier tagte und Gegner des Nazi-Regimes in Schau­pro­zessen zum Tode verur­teilte. Dies ist aber auch der Raum, in dem heute der Berliner Verfas­sungs­ge­richtshof tagt. Er spricht hier Recht und entwi­ckelt es weiter. Damit symbo­li­siert der Saal, dass sich letztlich – wenngleich nach vielen vielen Opfern – die Rechts­staat­lichkeit durch­ge­setzt hat.

Bei unserer Erinnerung an Hans Litten geht es nicht darum, ihn zu heroi­sieren. Sein Mut, seine Stand­haf­tigkeit sind zu bewundern. Die histo­rische Betrachtung zeigt aber auch, dass er wie jeder Mensch fragwürdige Seiten und Ansichten gehabt hat. An sein Schicksal als Anwalt zu erinnern, bleibt aber wichtig. Ich will bekennen: Im juris­ti­schen Tages­geschäft ärgert man sich nicht selten über kämpferische Rechtsanwälte. Dennoch, und der Fall des Hans Litten belegt es: Wenn Rechtsanwälte den Kampf ums Recht nicht mehr frei von Angst und physi­schen Gefahren führen können, dann ist der Rechts­staat in allerhöchster Gefahr. Dann müssen alle die, die ihn bewahren wollen, unabhängig von sonstigen recht­lichen und politi­schen Positionen, zusammen stehen. In diesem Sinne freue ich mich auf eine spannende Lesung zu einem wichtigen und bewegenden Thema.

Dr. Bernd Pickel, Präsident des Kammergerichts, Berlin

Der Text beruht auf dem Grußwort zur Lesung „Der Prozess des Hans Litten“ anlässlich des 67. Deutschen Anwaltstags am 3. Juni 2016 im Kammergericht.

 

Als ich an einem Samstag im September 2014 in einem Hotel in Belfast frühstückte, lag auf meinem Tisch eine Zeitung. Ich blätterte sie durch und staunte nicht schlecht, als mir der Name Hans Litten in den für britische Tabloids so typischen Großbuchstaben entge­gen­sprang. Der Artikel war eine Vorab-Kritik des Theaterstücks „Taken at Midnight“, in dem die Geschichte des Rechts­an­walts Hans Litten aus der Perspektive seiner Mutter Irmgard darge­stellt wurde. Das Stück sollte wenige Tage später im Chichester Festival Theatre in Südengland Premiere haben. Ich war elektri­siert und habe dem Team der DAV-Geschäftsführung darüber berichtet, als ich wieder in Berlin war. Wir haben überlegt, ob es nicht möglich sei, das Stück, das an den Namens­geber der Straße erinnert, in der unser DAV-Haus liegt, nach Berlin zu holen. Und dank des großen Engage­ments meiner Kolle­ginnen Bettina Bachmann und Christine Martin können wir es heute mit aufstre­benden Schau­spie­le­rinnen und Schau­spielern der Hochschule für Schau­spiel­kunst „Ernst Busch“ – gekürzt und als szenische Lesung – in Berlin erleben. Vielen Dank an alle Betei­ligten, die ich hiermit herzlich begrüße.

Wir sehen aber nicht nur ein Theaterstück, sondern wir hören auch Musik. Die Auswahl überrascht auf den ersten Blick. Sie hat aber auch mit Hans Litten zu tun. Wer das bewegende Buch von Hans Littens Mutter Irmgard „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“ liest – das übrigens zuletzt der Deutsche Anwalt­verein in einem Nachdruck heraus­ge­geben hat –, wird sehen, dass Hans Litten gerade in seiner Leidenszeit in verschie­denen Konzen­tra­ti­ons­lagern sich mit Musik von Johann Sebastian Bach stärkte; Litten schrieb an seine Mutter: „Ich kann Dir Bachsche Musik nur immer wieder ganz dringend empfehlen. Man wird von der Gewalt und Objek­tivität dieser Musik so herrlich ruhig ... Ich bin jedes Mal glücklich, wenn ich sonntags im Leipziger Sender eine Bach-Kantate hören kann.“

Ich erinnere mich, dass ich vor etwa 20 Jahren, damals tätig an der KZ-Gedenkstätte in Dachau, einen ehema­ligen Mithäftling von Hans Litten traf. Herbert Harburger war Littens Bettnachbar und erlebte dessen letzte Tage Anfang 1938. Harburger berichtete mir viel über Dachau und Litten; was mir besonders hängen blieb, war aber folgendes: Er, Harburger, sei als Kind und Jugend­licher nicht mit Literatur und Musik in Berührung gekommen. Aber in den Monaten im KZ Dachau habe ihn Hans Litten, der selbst schon dem Tod nah war, in einen neuen Kosmos insbe­sondere der Musik von Johann Sebastian Bach eingeführt. Das sei für ihn Lebens­elixier gewesen. Vor dem Hinter­grund ist also die Musik­auswahl des Ensemble Berlin Counter­point sehr schlüssig. Danke an die Musiker und insbe­sondere an Aron Dan.

Eine Person begrüße ich besonders herzlich: Die Schau­spie­lerin Patricia Litten, Nichte von Hans Litten, hat Irmgard Littens Buch als Hörbuch gelesen. Ich freue mich, dass Sie heute hier sind! Zuletzt danke ich dem Kammer­ge­richt und seinem Präsidenten Dr. Bernd Pickel. Das Kammer­ge­richt hat uns spontan diesen beein­dru­ckenden Raum für die Lesung zur Verfügung gestellt. Ich wünsche uns einen Abend, den wir so schnell nicht vergessen werden.

Rechtsanwalt Dr. Cord Brügmann, Hauptgeschäftsführer des DAV, Berlin

Der Text beruht auf dem Grußwort zur Lesung „Der Prozess des Hans Litten“ anlässlich des 67. Deutschen Anwaltstags am 3. Juni 2016 im Kammergericht.

 

 

 

 


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