Deutscher Anwaltstag 2018

Aus Fehlern lernen: Fehler­kultur bei Anwältinnen und Anwälten

Monika Nöhre, Prof. Dr. Martin Diller, Dr. med. Franziska Diel, Prof. Dr. Stephan Breidenbach, Rommy Arndt (Moderatoration), Robert Schröder

Der Deutsche Anwalt­verein hat auf dem Deutschen Anwaltstag ein Tabu gebrochen. Und ist damit erfolg­reich; Anwältinnen und Anwälte sprechen offen über ihre Fehler – und wie sie damit umgehen.

Auf dem Deutschen Anwaltstag dreht sich in diesem Jahr alles um den Fehler. Das Motto „Fehler­kultur in der Rechts­pflege“ hat rund 1.700 Teilneh­me­rinnen und Teilnehmer nach Mannheim gelockt. Doch zur Halbzeit des Anwaltstags wird immer deutlicher: Es geht weniger darum, Fehler zu vermeiden. Denn natürlich arbeiten auch Anwältinnen und Anwältin nicht fehlerfrei. Entscheidend ist aber, wie man aus Fehlern lernt, um besser zu werden – und wie Anwältinnen und Anwälte mit ihren Mandanten kommu­ni­zieren.

Die Anwalt­schaft liegt – das zeigt dieser Anwaltstag – mit ihrer Fehler­kultur nicht so weit zurück wie die Justiz. Die strenge Anwalts­haftung prägt das Bewusstsein von Anwältinnen und Anwälten. Weil aber nicht jeder Fehler immer zu einem Schaden führt, ist die Fehler­kultur in der Anwalt­schaft noch nicht sehr ausgeprägt. An der Spitze mit ihrer Fehler­kultur stehen die Berufe, bei denen Fehler verhee­rende Folgen haben können – und öffentlich werden. Parade­bei­spiel: Die Piloten in der Luftfahrt.

Das Lernziel für den Rechtsanwalt: Realistische Selbsteinschätzung

„Der Fehler gehört zum Menschen“, sagte Richard Schröder, Check- und Training­spilot bei der Lufthansa und Coach, in der Schwer­punkt­ver­an­staltung am 8. Juni 2018. Der Fehler sei die dunkle Seite der hellen Seite des Menschen. Und: Die Analyse von Unglücken in der Luftfahrt habe gezeigt, dass Katastrophen keine katastro­phalen Ursachen haben müssten. Fehler könnten vermieden werden, wenn man seine Fähigkeiten und seine emotionale Situation realis­tisch einschätzen könne. Die Luftfahrt habe vor allem gelernt, dass „hierar­chie­si­cherndes Verhalten“ überwunden werden muss. Der Chef im Cockpit dürfe nicht glauben, dass er nie Fehler mache. Über viele Jahre sei eine neue Kultur etabliert: Ziel sei die offene Kommu­ni­kation im Cockpit.

Qualitätssicherung: Den gleichen Fehler niemals zwei Mal machen

Aus Fehlern lernen. Dass das geht, hat die Ärzteschaft inzwi­schen auch erkannt. Dr. Franziska Diel von der Kassenärztlichen Bundes­ver­ei­nigung aus Berlin berichtete, dass die Ärzteschaft schon vor 20 Jahren begonnen habe, offen über Fehler zu sprechen, sie zu dokumen­tieren und zu analy­sieren. Die Strategien des Schönredens von Fehlern (ich war es nicht, niemand hat es bemerkt, wem kann man die Schuld zuschieben) müsse durch­brochen werden. Aus dem „Halbgott in Weiß“ sei der kommu­ni­ka­ti­ons­ori­en­tierte Arzt geworden, der eine optimierte Behandlung unter Beachtung aller Leitlinien sicher­stellen müsste. Qualitätsmana­gement sei heute das Ziel. Der Anwalt­schaft gab Diehl auf den Weg: Die Kommu­ni­kation im Beruf müsse sich ändern, Fehler seien immer Kommu­ni­ka­ti­ons­fehler.

Legal Tech als Ausweg?

Während Franziska Diel für mehr Kommu­ni­kation warb, stellte Prof. Dr. Stephan Breidenbach (Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder) das Gegen­konzept vor. Der gezielte Einsatz von Legal Tech könnte die Qualität von Rechts­dienst­leis­tungen erhöhen und den Zugang zum Recht verbessern. Es gehe heute vor allem um die Standar­di­sierung von Rechts­dienst­leis­tungen. Mit Vertrags­ge­ne­ra­toren könnten nicht nur alle relevanten Fragen erfasst werden, sondern mit Mustern könnte am Ende billiger und schneller Verträge erstellt, die sogar besser seien. Eine weitere Chance von Legal Tech: Wie die Muster angewendet werden und wie sich bewähren, könnte im Rahmen des Vertrags­ma­na­ge­ments verfolgt werden.

Mandanten wollen den Anwalt hören, nicht lesen

„Reden, reden, reden.“ Das gab Monika Nöhre, Schlich­terin der deutschen Rechts­an­walt­schaft, den Anwältinnen und Anwälten auf den Weg. Die 7.200 Fälle der Schlich­tungs­stelle seit 2009 zeigten, dass im schief­ge­lau­fenen Mandat meist die Kommu­ni­kation schlecht sei. Anwälte seien häufig in einer passiven Rolle. Gestritten werde über Regress­fragen, aber vor allem über die Anwaltsvergütung. Sie warb dafür, dass Anwältinnen und Anwälte bei Konflikten mit dem Mandanten von sich den Gang zur Schlich­tungs­stelle vorschlagen. Anwälte sollten aktiver werden. „Der Mandant will seinen Anwalt hören, nicht lesen“, sagte Nöhre.

Innovation aus der Anwaltschaft: Risikomanagement

Höhepunkt der Schwer­punkt­ver­an­staltung war dann Martin Diller, Rechts­anwalt bei Gleiss Lutz in Stuttgart, lange Managing-Partner der Kanzlei und heute noch für das Risiko­ma­na­gement zuständig. Er stellte einen ganzheit­lichen Ansatz des anwalt­lichen Risiko­ma­na­ge­ments vor. Anwältinnen und Anwälte sollten für ihre Kanzlei die Risiken ermitteln. Wie wahrscheinlich sind sie? Welche Auswir­kungen hätten sie? Wie kann ich sie minimieren? Dann zeige sich schnell, dass die Angst vor Haftungsfällen häufig größer als angemessen sei, während die Gefahr des Ausein­an­der­fallens einer Kanzlei vielleicht unterschätzt werde. Die größten Auswir­kungen habe heute aber der Reputa­ti­ons­verlust für eine Kanzlei durch unethi­sches Handeln – gerade auch, weil dieses Risiko nicht zu versi­chern sei. Diller betonte, dass die unseriösen Mandate meist sehr seriös angefangen hätten. Es sei für eine Kanzlei eine Heraus­for­derung zu erkennen, wann ein Mandat in den unethi­schen Bereich abdrifte – erst recht, wenn das Mandat finan­ziell lukrativ sei.

Viele Veranstaltungen rund um den Fehler: Der Anwaltstag war kein Fehler

Nach Legal Tech 2017 in Essen und dem Straf­rechts­schwer­punkt 2016 in Berlin ging es bei diesem Deutschen Anwaltstag in Mannheim um ein Thema aus der Mitte des anwalt­lichen Arbeit­salltags. Der Mensch macht Fehler, kann Risiken schwer beurteilen und muss mit seinen Unzulänglich­keiten leben. Das Thema „Fehler­kultur“ kam bei den Teilneh­me­rinnen und Teilnehmern richtig gut an. Denn innovative Anwältinnen und Anwälte spüren im Markt: Allein vom Nimbus der Anwalts­zu­lassung lässt sich nicht mehr zehren. Die Mandanten erwarten gute Rechts­dienst­leistung zu einem guten Preis. Und da gehört heutzutage auch eine gelebte Fehler­kultur dazu – da wird dann sogar ein Fehler einmal verziehen.

 

 


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