Text: Rechtsanwalt Dr. Nicolas Lührig, Berlin

100.000 Euro pro Jahr, wer träumt nicht davon? Die Spitzen­kanz­leien locken den Nachwuchs mit attrak­tiven Startgehältern. Wer zwei „gute“ Examen, Doktor­titel, LL.M. und sehr gute Fremd­spra­chen­kennt­nisse hat, kann sich den Arbeit­geber auswählen. Aber auch mit zwei „vollbe­frie­di­genden“ Examina sind die Chancen immer noch bestens.

Und der Rest? Von den 10.000 Absol­venten des zweiten Staats­ex­amens werden mehr als 8.000 Anwalt. Anwalts­blatt Karriere blickt in seinem ersten Heft auf den Markt jenseits der Spitzen­kanz­leien. Der etwas andere Gehälter- und Einstel­lungs­report: Was verdient ein Anwalt im Arbeits­recht, im Verkehrs­recht oder im Urheber- und Medien­recht?

Gibt es überhaupt Stellen? Anwalts­blatt Karriere befragte 300 Kanzleien. Der Wettbewerb in der Anwalt­schaft ist hart. Ob es die großen Kanzleien sind oder die kleineren, ob es exklusive Mandate sind oder die Massen­sachen: Die Lizenz zum Gelddrucken gibt es in keinem Rechts­gebiet mehr. Nur wer Ideen hat, schnell arbeitet, besser als die anderen ist und sich intel­ligent vermarktet, hat Chancen. Die Anwalt­schaft wächst unver­mindert – unter Berücksich­tigung der Abgänge vor allem aus Altersgründen – jedes Jahr um 5.000 Anwältinnen und Anwälte. 1995 gab es 75.000 Anwälte, Anfang 2007 lag die Zahl fast doppelt so hoch (143.000).

Wer stellt ein?

Und doch gibt es (wieder) Perspek­tiven, wie die Umfrage von Anwalts­blatt Karriere zeigt. Fast ein Viertel (23,5 Prozent) der befragten Kanzleien mit einem Schwer­punkt Arbeits­recht (ohne Großkanzleien) planen für 2007 im Arbeits­recht Neuein­stel­lungen. Diese Kanzleien sind auch ansonsten einstel­lungs­freudig: Rund ein Drittel dieser Kanzleien wollen 2007 noch weitere Einstel­lungen vornehmen. Gesucht wird für benach­barte Rechts­ge­biete wie das Gesell­schafts­recht. Optimis­tisch schauen vor allem die Kanzleien in die Zukunft, die überwiegend die Arbeit­ge­ber­seite vertreten. Dass sich eine Erholung im Markt abzeichnet, macht ein Rückblick deutlich: In 2005 hatten dreiviertel der befragten Kanzleien im Arbeits­recht überhaupt keine Anwälte einge­stellt, in 2006 waren das immerhin noch fast 60 Prozent. Trotz eines Schwer­punkts im krisen­si­cheren Arbeits­recht waren die Kanzleien bei ihrer Einstel­lungs­praxis zurückhaltend gewesen. Die Umfrage zeigt aber noch etwas: Es gibt eine Gruppe von Kanzleien im Arbeits­recht, die – trotz aller Schwan­kungen im Markt – beständig wachsen und auf der Suche nach Nachwuchs sind.

Gute Einstiegschancen gibt es auch im Urheber- und Medien­recht. Rund 60 Prozent der befragten Kanzleien (ohne Großkanzleien) mit einem Schwer­punkt im Urheberund Medien­recht wollen 2007 einen jungen Kollegen oder eine junge Kollegin einstellen. Aller­dings: Nur ein Drittel dieser Kanzleien suchen im Urheber- und Medien­recht. Andere gefragte Rechts­ge­biete sind der Gewerb­liche Rechts­schutz, das IT-Recht und – immer noch und immer wieder – das Patent­recht. Auch im Urheber- und Medien­recht gilt: Der Markt erholt sich. 2005 hatten nur 36 Prozent der befragten Kanzleien Anwältinnen oder Anwälte einge­stellt, 2006 lag der Wert dann schon bei 54 Prozent. Schlechte Nachrichten kommen aus dem Verkehrs­recht, einem Rechts­gebiet, das Tausende von Einzelanwälten und kleinere Kanzleien beackern. Nur gerade drei Prozent aller befragten Kanzleien mit Schwer­punkt Verkehrs­recht wollen 2007 einen Verkehrs­rechtler einstellen. Nur weitere rund 12 Prozent der Kanzleien suchen überhaupt Nachwuchs. Auffallend im Verkehrs­recht: Fast 60 Prozent aller befragten Kanzleien haben in den vergan­genen fünf Jahren keinen Anwalt mehr einge­stellt und auch 2005 und 2006 hatten nur rund 16 bzw. 13 Prozent der Kanzleien neue Anwälte an Bord genommen. Die Gründe für diese Zurückhaltung sind vielschichtig: „Es gibt im Verkehrs­recht einen Konzen­tra­ti­ons­prozess, immer mehr Haftpflicht­ver­si­cherer arbeiten mit immer weniger Kanzleien zusammen“, sagt Rechts­anwalt Jörg Elsner, Vorsit­zender der Arbeits­ge­mein­schaft Verkehrs­recht im DAV. Die Folge dieser Entwicklung: Eine kleine Gruppe von Kanzleien suche händeringend nach Nachwuchs, während viele ehemals sehr erfolg­reiche Kanzleien eher zurückhaltend seien. Und noch einen Grund nennt Elsner: Die Versi­che­rungen hätten das Schadens­ma­na­gement ausgebaut, um die Anwälte zurückzudrängen. „Das erschwert vielen Kanzleien das Geschäft“, sagt Elsner.

Was zählt bei der Bewerbung?

Die Kanzleien schauen bei den Kandi­daten nach wie vor stark auf die Examens­noten, aller­dings eher auf die schlechten. Ansonsten kommt es immer stärker auf andere Leistungen in der Ausbildung an. Solides Jurawissen wird als selbst­verständlich voraus­ge­setzt: „Ich will erkennen können, dass ein Bewerber in unserer Kanzlei als Anwalt reüssieren kann“, sagt ein Anwalt. Vor allem ein „ausrei­chendes“ Examen beendet in vielen Kanzleien die Bewerbung. Im Urheber- und Medien­recht wollen 73 Prozent der Kanzleien, im Arbeits­recht 65 Prozent und im Verkehrs­recht rund 43 Prozent keine schlechten Examens­noten sehen. Bei den besseren Noten sind die Vorstel­lungen dann so vielfältig wie die Kandi­daten. Aller­dings mit einem klaren Trend: Zumindest ein Prädikatsexamen wird von fast dreiviertel aller befragten Kanzleien – egal aus welchem Rechts­gebiet – als „sehr wichtig“ oder „wichtig“ bezeichnet. Das seltene Doppelprädikat ist dann schon deutlich weniger Kanzleien „sehr wichtig“ (im Urheber- und Medien­recht 23 Prozent, im Arbeits­recht 19 Prozent, im Verkehrs­recht nur drei Prozent). Auffällig ist: Während das Doppelprädikat im Verkehrs­recht und Arbeits­recht immer noch vielen Anwälten „wichtig“ ist (38, 1 Prozent, und 30,8 Prozent), sinkt der Wert im Urheber- und Medien­recht auf nur noch rund acht Prozent.

Dafür zählen im Urheber- und Medien­recht dann andere Leistungen: Nichts ist dort so wichtig wie Fremd­spra­chen­kennt­nisse (für fast 58 Prozent der befragten Kanzleien „sehr wichtig“ und für 23 Prozent „wichtig“). Kein Wunder ist es dann, dass auch 60 Prozent der Kanzleien im Urheber- und Medien­recht Ausland­ser­fahrung wünschen. Immerhin die Hälfte aller Kanzleien im Urheber- und Medien­recht erwarten einen Doktor­titel – auch ein Spitzenwert in der Umfrage. Im Arbeits­recht und Verkehrs­recht wünschen sich die Kanzleien vor allem Quali­fi­ka­tionen, die ein ernst­haftes Interesse für das Rechts­gebiet belegen. Eine einschlägige Station im Referen­dariat ist im Arbeits­recht für mehr als 65 Prozent der befragten Kanzleien „sehr wichtig“ oder „wichtig“. Im Verkehrs­recht liegt der Wert bei rund 60 Prozent. Einen abgeschlos­senen Fachan­walts­lehrgang Verkehrs­recht schätzen rund 35 Prozent der Kanzleien im Verkehrs­recht.

Bei den Großkanzleien ist der LL.M.-Titel inzwi­schen eine Alter­native zum Doktor. Diesen Trend kann die Umfrage für andere Kanzleien nicht bestätigen. Bei den meisten befragten Kanzleien gilt: Weder hilft er, noch schadet er. Er kann allen­falls Sprach­kennt­nisse und Ausland­ser­fahrung belegen, die aber gerade im Verkehrs­recht von vielen Kanzleien nicht benötigt werden. Auch der Doktor­titel zieht – außerhalb des Urheberund Medien­rechts – immer seltener. Für fast die Hälfte der befragten Verkehrs­rechtler und für fast ein Drittel der befragte Arbeits­rechtler ist er schlicht „unwichtig“. Hilfreich ist der Doktor­titel nur noch bei einer kleineren Gruppe von Kanzleien: Im Verkehrs­recht finden immerhin noch rund 20 Prozent der befragten Kanzleien ihn „sehr wichtig“ oder „wichtig“, im Arbeits­recht liegt der Wert bei etwas über 30 Prozent. Wer promo­vieren will, sollte sich daher genau überlegen, was er damit erreichen will.

Was zählt beim Gehalt?

Den Job bekommen, ist schon schwierig genug. Anwalts­blatt Karriere fragte aber auch, welche Quali­fi­ka­tionen das Gehalt erhöhen. Die Antwort ist schlicht: Allein konkrete Berufs­er­fahrung in dem Rechts­gebiet steigert das Gehalt. Wer vom ersten Tag an richtig einge­setzt werden kann, darf mit einer höheren Vergütung rechnen. Längere Praktika in einer Kanzlei, die einjährige DAV-Anwalt­aus­bildung, praktische Erfah­rungen in Anwalts­sta­tionen oder regelmäßige Mitarbeit in einer Kanzlei können – müssen aber nicht – das Gehalt steigern. Im Arbeits- und Verkehrs­recht wird inzwi­schen auch ein abgeschlos­sener Fachan­walts­lehrgang honoriert, eine Inves­tition in die Ausbildung, die sich also gleich doppelt lohnen kann. Die junge, erst 2006 eingeführte Fachan­walt­schaft Urheber- und Medien­recht hat sich dagegen noch nicht etabliert. Keine der befragten Kanzleien im Urheber- und Medien­recht legte Wert auf einen solchen Kursus.

Und die Partner- und Karrierechancen?

Doch das Gehalt ist nicht alles. Eine wichtige Frage für Berufs­starter sind die Chancen, Partner einer Sozietät zu werden – also unmit­telbar am Erfolg des Unter­nehmens Sozietät beteiligt zu sein. Die Partner­chancen in den großen Kanzleien sind in den vergan­genen Jahren gesunken. Wie sieht es bei den kleineren Kanzleien aus? Im Urheber- und Medien­recht suchen fast drei Viertel der befragten Kanzleien zukünftige Partner. Beim Arbeits­recht und Verkehrs­recht liegen die Werte geringer, wobei viele Kanzleien auch eine klare Aussage gescheut haben. Für immer mehr Kanzleien ist es denkbar, dass angestellte Anwälte auch dauerhaft in der Kanzlei arbeiten können, ohne jemals Partner zu werden. Wenn der Weg offen ist, dauert es in der Regel drei bis fünf Jahre, wobei auch immer mehr Kanzleien Zeiträume von fünf bis acht Jahren angeben (im Urheber- und Medien­recht sagen dies sogar mehr als 36 Prozent der Kanzleien). Es mag daher ein Trugschluss sein, dass die Partner­chancen bei den großen Kanzleien generell schlechter als bei kleineren Kanzleien seien. Die Wahrheit ist vielleicht, dass die Partne­raus­sichten generell schlechter geworden sind. Die Frage nach den Zeiten bis zur Assozi­ierung sind dann auch eher theore­ti­scher Natur: „Am Ende muss die persönliche Chemie stimmen“, sagt ein Anwalt aus einer Zweimann-Kanzlei im Verkehrs­recht. „Wartezeit hin oder her.“

Der Text ist in Heft 1 von Anwaltsblatt Karriere (Sommersemester 2007) erschienen.

Die Umfrage

Der Gehälterreport von Anwalts­blatt Karriere beruht auf einer telefo­ni­schen Umfrage bei Anwältinnen und Anwälten sowie Recherchen der Redaktion.

Bei der telefo­ni­schen Umfrage wurden 300 Kanzleien in ganz Deutschland befragt. Nur 26 Kanzleien verwei­gerten die Mitwirkung gänzlich, wenige beant­wor­teten nicht alle Fragen. Die zwanzigminütigen Telefon­in­ter­views wurden mit Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten geführt, die Mitglied im Deutschen Anwalt­verein sind. Die Gesprächspartner wurden aus dem Mitglie­der­be­stand der Arbeits­ge­mein­schaft Verkehrs­recht (mehr als 5.600 Mitglieder), der Arbeits­ge­mein­schaft Arbeits­recht (rund 2.600 Mitglieder) und der Deutschen Anwalt­adresse gewählt. Es wurden nur Anwälte befragt, die nachhaltig in dem jewei­ligen Rechts­gebiet tätig sind. Aus diesem Grunde wurden auch überpro­por­tional viele Anwälte befragt, die in Sozietäten arbeiten. Ihr Anteil bei der Umfrage lag bei mehr als 75 Prozent, während der Anteil der Einzelanwälte im Deutschen Anwalt­verein bei rund 45 Prozent liegt. Inter­na­tionale Großkanzleien wurden beim Arbeits­recht sowie beim Urheber- und Medien­recht nicht berücksichtigt (siehe dazu Gehälter in Spitzen­kanz­leien, S. 26). Anwälte mit einer Anwalts­zu­lassung von weniger als fünf Jahren waren in der Minderheit. Die Ergeb­nisse der Umfrage wurden durch Recherchen der Redaktion bei Vorsit­zenden von örtlichen Anwalt­ver­einen überprüft.

Der Text ist in Heft 1 von Anwaltsblatt Karriere (Sommersemester 2007) erschienen.

Gehälter in Spitzen­kanz­leien

Die Kanzleien mit den höchsten Einstiegsgehältern sind in Deutschland die inter­na­tio­nalen Großsozietäten plus einige nationale Großkanzleien und die so genannten trans­ak­ti­ons­be­zo­genen Boutiquen (kleinere Kanzleien, die im Geschäft der Großen mitmi­schen). Einstiegsgehälter von 75.000 Euro bis mehr als 100.000 Euro (mit Prämienzah­lungen) sind möglich. Voraus­setzung: Die Kandi­daten haben Doppelprädikat, LL.M. oder Doktor und beste Fremd­spra­chen­kennt­nisse. Diese Kanzleien bieten auch Arbeits­rechtlern und Anwälten im Bereich IP/IT (Intel­lectual Property und Infor­mation Technology) gute Start­chancen.

In vielen Kanzleien gilt dabei, dass bei den Einstiegsgehältern nicht nach den Rechts­ge­bieten diffe­ren­ziert wird (z.B. Gleiss Lutz). In einigen Kanzleien wird erwartet, dass der Berufsanfänger neben seinem „Spezi­al­rechts­gebiet“ auch im Bereich M&A (Mergers & Acqui­si­tions) Erfah­rungen sammelt (z.B. Hengeler Mueller). Für die Umfrage im Gehälter- und Einstel­lungs­report von Anwalts­blatt Karriere wurde dieses Markt­segment nicht berücksichtigt, weil es die Durch­schnitts­werte verfälscht hätte.

Der Text ist in Heft 1 von Anwaltsblatt Karriere (Sommersemester 2007) erschienen.

Wie setzt sich das Gehalt zusammen?

Die Umfrage zeigt einen deutlichen Trend bei den Gehältern: Das Gehalt des Anwalts ist von Anfang an leistungs­be­zogen. Prämien- und Umsatz­be­tei­li­gungen sind in allen Rechts­ge­bieten üblich, mehr als die Hälfte der Kanzleien lehnen ein fixes Einheits­gehalt auch für den Berufs­starter ab. Am unter­neh­me­ri­schen Risiko der Einstellung soll sich – so wünschen sich die Kanzleien – der junge Anwalt betei­ligen. „Der Markt kennt hier aber viele Spiel­arten“, sagt ein erfah­rener Anwalt, auch wenn rund dreiviertel aller Anwälte als angestellte Anwälte anfangen. Als freie Mitar­beiter beschäftigen nur 15 Prozent der befragten Kanzleien junge Anwälte. Am Ende kommt es darauf an, zwischen Arbeit­geber und Arbeit­nehmer eine faire Lösung zu finden. „Es muss partner­schaftlich sein, sonst hat das ganze sowieso keine Zukunft“, so ein Arbeits­rechtler. Das erklärt auch, warum immerhin rund 10 Prozent der Kanzleien Misch­mo­delle fahren und sowohl angestellte Anwälte als auch freie Mitar­beiter beschäftigen.

Die Kosten für Fachan­walts­kurse werden von den Kanzleien häufig als Gehalts­be­standteil gesehen. Auch die Freistellung für Fachan­walts­kurse betrachten die Kanzleien vielfach als Teil der Vergütung.

„Gerade die profes­sio­nellen Kanzleien haben aber erkannt, dass in die Quali­fi­kation der eigenen Anwälte inves­tiert werden muss“, sagt ein Anwalt. Aller­dings berichten Vorsit­zende von Anwalt­ver­einen, dass sich gerade kleinere, finanzschwächere Kanzleien mit den Kosten der Fortbildung schwer tun. Anderer­seits: Eine Kanzlei im Urheber- und Medien­recht sagte ganz selbst­be­wusst: „Wir besuchen keine Seminare, wir halten sie …“

Der Text ist in Heft 1 von Anwaltsblatt Karriere (Sommersemester 2007) erschienen.

Übersicht Arbeits­recht
Übersicht Verkehrs­recht
Übersicht Urheber- und Medien­recht
Der gesamte Beitrag aus Anwalts­blatt Karriere 1/2007