Der Kampf um die Talente ist entbrannt. Anwaltskanzleien suchen wieder Nachwuchs – und wenn nicht die Finanzkrise den wirtschaftlichen Aufschwung irgendwann abwürgt, kann man sagen: Die Zeiten für die Absolventen des zweiten Staatsexamens sind so gut wie lange nicht mehr. Gleichzeitig differenzieren sich die Einstiegsgehälter immer stärker: Sie reichen von 25.000 Euro in Chemnitz im Zivilprozessrecht bis zu 115.000 Euro bei Cleary Gottlieb in Frankfurt am Main für den Bereich Litigation. Anwaltskanzleien werden immer mehr zu Unternehmen, die nach wirtschaftlichen Kriterien geführt werden.
Damit einher geht in allen Marktsegmenten eine Ausdifferenzierung: Für unterschiedliche Branchen und Personenkreise oder für besondere Rechtsgebiete werden maßgeschneiderte Beratungs- und Prozessangebote entwickelt. Die großen Sozietäten und immer mehr mittelständische Kanzleien machen das im Rahmen des Business Development ganz geplant, kleinere Kanzleien treibt der Konkurrenzdruck eher unbewusst. Eine Folge dieser Professionalisierung des Unternehmens Kanzlei: Personalentscheidungen werden in immer stärkerem Maße zu unternehmerischen Entscheidungen.

Erstklassige Juristen händeringend gesucht
Das hat eine gute und eine schlechte Seite für die Kandidaten. Ernüchternd für viele Absolventen des zweiten Staatsexamens: Die Spitzengehälter in den Top-Segmenten bekommen nur die Besten der Besten.Wer bei internationalen Sozietäten mehr als 100.000 Euro im Jahr bekommen möchte, sollte tunlichst vom ersten Arbeitstag an in der englischen Sprache arbeitsfähig sein – und ein Spitzenjuristmit erstklassigen Examina im Bereich vollbefriedigend oder gut. Die Promotion ist dagegen nichtmehr überall so wichtig, ein englischer oder amerikanischer LL.M. wird sehr gerne gesehen. Wer dann aber imvollen Ornat antreten kann, erhält diese Super-Gehälter auch im Bereich Litigation.Wer auch in kleineren Kanzleien mit guten Einstiegsgehältern mit um die 60.000 Euro rechnen will, sollte auch ein – durch ordentliche Noten ausgewiesener – überdurchschnittlicher Jurist sein. Die gute Nachricht: Der Kampf um die Talente ist inzwischen so intensiv, dass von den zukünftigen Junganwältinnen und Junganwälten beim Berufsstart wenig anwaltliches Know-how erwartet wird. „Wir sind schon froh, wenn in der Anwaltsstation nicht nur getaucht wurde“, sagt ein Anwalt aus einer Landgerichts-Kanzlei. In den  ersten Berufsjahrenmüssen die Bewerber advokatorisches Geschick und unternehmerisches (Mit-)Denken lernen. „Ein guter Anwalt muss man erst nach zwei Jahren sein“, sagt ein Managing Partner einer großen Kanzlei. Dann entscheide sich auch, wie die weitere Karriere in der Kanzlei verlaufen könne – und wie die jungen Anwälte dann persönlich das ThemaWork-Life-Balance sehen. Denn noch immer gilt:Wer als Anwalt erfolgreich sein will, arbeitet schnell mehr als andere Juristen. Bei allem Optimismus im Markt: Der zweite Blick zeigt, dass es natürlich auch im Aufschwung Unterschiede gibt. Im Patentrecht suchen mehr als 30 Prozent der befragten Kanzleien Nachwuchs und manche Kanzleien stellen sogar mehrere Bewerber ein. Im Zivilprozessrecht sind immerhin noch fast 20 Prozent auf Nachwuchssuche. Auffällig: Es sind häufig ältere, erfahrene Anwälte um die 60 Jahre, die einen potentiellen Nachfolger suchen.Wenig Chancen haben Kandidaten imAusländer- und Asylrecht: Das Rechtsgebiet ist keinWachstumsmarkt. Für rund 75 Prozent der befragten Anwälte ist es ein „Nebenbei“-Geschäft neben anderen Rechtsgebieten von Arbeitsrecht über Familienrecht bis hin zum Strafrecht. Nur 7,5 Prozent der befragten Kanzleien suchen deshalb. Im Vergleich zu dem hohen Einstellungsbedarf der Kanzleien im Handels- und Gesellschaftsrecht, wie ihn der neunte Einstellungs- und Gehälterreport im Frühjahr 2011 belegt hat, fällt aber auf: Die Prozessspezialisten suchen weniger Nachwuchs als ihre auf das Beratungsgeschäft spezialisierten Kollegen.

Fremdsprachen und Persönlichkeit
Einen überragend wichtigen Trend hat aber auch der zehnte Einstellungs- und Gehälterreport wieder bestätigt: Ohne Fremdsprachen geht es nichtmehr. Im Patentrecht sind sie sogar bei 39 Prozent der befragten Kanzleien „sehr wichtig“ und bei 50 Prozent immer noch „wichtig“. Das sind zusammen fast 90 Prozent. Ein Prädikatsexamen finden dagegen nur rund 70 Prozent der Patentrechtler „sehr wichtig“ oder „wichtig“. Das ist am Ende nicht überraschend, weil fast 75 Prozent der befragten Kanzleien relevantes Geschäft mit Mandanten aus dem Ausland haben. Selbst imZivilprozessrecht liegen die Fremdsprachenkenntnisse mit fast 60 Prozent Nennungen als „sehr wichtig“ oder „wichtig“ an der Spitze. „Die Gerichtssprache mag deutsch sein, bei wirklich bedeutenden Verfahren ist heute aber immer ein Syndikusanwalt dabei, der in Englisch informiert werden will“, sagt ein Seniorpartner aus einer Kanzlei in Hamburg. Ein Prädikatsexamen erwarten dagegen im Zivilprozess- recht nur noch 42 Prozent der befragen Kanzleien.Der Kampf um die Talente führt zu Realismus. Im Ausländer- und Asylrecht ist ein besonderer Idealismus Ausdruck von Realismus: „Für das Ausländer und Asylrecht brauchen Sie Herzblut“, sagt eine Anwältin. „Man muss das wollen.“
Die Gespräche mit Partnern und Personalverantwortlichen in den Kanzleien belegen: Examens-,Schwerpunkts- und Stationsnoten entscheiden meist nur noch darüber, ob man zum persönlichen Bewerbungsgespräch vorgelassen wird. Dann zählen die „soften“ Kriterien: Auftreten, Ausstrahlung, Außenwirkung, Gewandtheit und Sympathie. Das gilt für das Patentrecht und das Zivilprozessrecht wie für das Ausländer- und Asylrecht. Auf Nachfragen werden die erfahrenen Anwältinnen und Anwälte konkreter: „Ich will sehen, ob jemand wirtschaftlich denkt“, „Ohne Mandantenorientierung in der Arbeit geht es nicht“ oder „Der Kandidat muss rechtliche Zusammenhänge einfach darstellen können“, heißt es dann. Und immer wieder wird ein Schlagwort in allen drei Rechtsgebieten genannt: „Lebenserfahrung.“ Die Kandidaten müssen erwarten lassen, ihre Mandantenmit „Fingerspitzengefühl“ und „Augenmaß“ zu betreuen. Und ob das ein Kandidat hat, zeigt sich dannmeist erstmals bei den Gehaltsverhandlungen. „Jeder Bewerber sollte wissen, dass die Erwartungen in ihn steigen, umso höher sein Gehalt liegt“, sagt ein Seniorpartner einer Kanzlei, die zukünftige Partner sucht. //

Die zehnte Umfrage: 300 Kanzleien

Der Einstellungs- und Gehälterreport von Anwaltsblatt Karriere in diesem Heft beruht auf einer Umfrage bei mittelständischen Kanzleien, bei Großkanzleien sowie Recherchen der Redaktion. Insgesamt wurden mehr als 270 mittelständische und 29 Großkanzleien befragt. Die Resonanz war bei der Umfrage im Sommer 2011 außergewöhnlich hoch. Gerade die kleineren und mittleren Kanzleien im Zivilprozessrecht haben – zu unserer Überraschung – fast durchweg offen Auskunft gegeben. Dort spüren die Kanzleien: Die Nachwuchssuche wird schwerer, gerade außerhalb der Anwaltshauptstädte. Im Patentrecht haben drei Viertel der angefragten Kanzleien mitgemacht. Ein üblicher Wert. Im Ausländer- und Asylrecht haben dagegen 45 Prozent der angefragten Kanzleien die Auskunft verweigert. Eine Erklärung: Wenn die Arbeit nicht für zwei Anwälte reicht, spielt die Nachwuchssuche
keine Rolle. Offen wie immer waren die internationalen Sozietäten und die Großkanzleien, die mit ihnen konkurrieren. Die Großkanzleien erhielten einen Fragebogen. Mit den mittelständischen Kanzleien wurden zwanzigminütige Telefoninterviews geführt. Gesprächspartner waren Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die über einen örtlichen Anwaltverein Mitglied im Deutschen Anwaltverein sind und der Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Anwaltvereins für dieses Rechtsgebiet angehören. Die Gesprächspartner wurden aus dem Bestand der Deutschen Anwaltadresse aufgrund
ihrer Tätigkeitsgebiete ausgewählt. Es wurden (außer im Ausländer- und Asylrecht) nur Anwälte befragt, die nachhaltig im jeweiligen Rechtsgebiet tätig sind. Die Ergebnisse der Umfrage wurden wieder durch Recherchen der Redaktion bei Anwältinnen und Anwälten überprüft, die in örtlichen Anwaltvereinen, in den Landesverbänden, den Arbeitsgemeinschaften oder im Vorstand des Deutschen Anwaltvereins aktiv sind.

Der Gehälter- und Einstel­lungs­report
Die zehnte Umfrage
Was bieten Großkanzleien
Der gesamte Beitrag aus Anwalts­blatt Karriere 2/2011