Text: Nora Zunker, Deutscher Anwalt­verein, Berlin

Mitarbeit: Lisa Gut, Deutscher Anwalt­verein, Berlin

Jenseits der Großkanzleien werden die Berufschancen neu verteilt. Noch vor fünf Jahren waren Prädikatsexamen und Doktortitel im Familienrecht, im Insolvenzrecht und im Medizinrecht sichere Karrierebeschleuniger. Heute bringen sie jungen Absolventinnen und Absolventen des zweiten Staatsexamens zwar noch in die Bewerberrunde, aber am Ende zählen Persönlichkeit und Auftreten. Und noch ein Trend: Geeigneter Anwaltsnachwuchs ist rar, zumal die internationalen Top-Sozietäten gute Leute wegfischen. Kleine und mittelständische Kanzleien sind daher durchaus bereit, sich ihren Wunschkandidaten etwas kosten zu lassen - wenn denn alles stimmt.

Gute Noten im Examen bleiben weiterhin der Schlüssel zum Einstieg in eine internationale Top-Sozietät oder Großkanzlei, auch LL.M. und Promotion werden begrüßt – und zumindest englische Fremdsprachen- kenntnisse sind unabdingbar. Dass ein qualifizierter Bewerber dort um die 100.000 Euro und mehr verdienen und verlangen kann, wissen mittlerweile nicht nur die jungen Anwälte, sondern auch kleinere und mittelgroße Kanzleien. „Einen mit Doppelprädikat können wir uns nicht leisten“, heißt es da schon mal aus der einen oder anderen mittelständischen Kanzlei. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum die kleineren Kanzleien verstärkt auf die soziale Kompetenz und das Gesamtbild setzen: „Der junge Kollege muss mit der Praxis zurechtkommen“ und „auf die Mandanten losgelassen werden können“ – und natürlich zur Kanzlei und den Mandanten passen.

Engagement lohnt sich wieder: gute Chancen

Engagement ist das Stichwort auf dem Arbeitsmarkt. Darin sind sich die meisten Partner und Personal-Manager der befragten Kanzleien einig. Differenziert wird je nach Kanzleigröße, Region und fachlicher Ausrichtung der Kanzlei, woran sich ein Jurist erkennen lässt, der ein engagierter Anwalt (oder eine engagierte Anwältin) werden kann. Engagement im Studium zählt heute vor allem im Insolvenzrecht, drei Viertel der befragten Kanzleien ist ein Prädikatsexamen zumindest wichtig (vor fünf Jahren waren es noch 55 Prozent) und ein Doppelprädikat ist nach wie vor für 48 Prozent der insolvenzrechtlichen Kanzleien wünschenswert. Die Examenszeugnisse sollen belegen, dass sich der Bewerber „gut und schnell in verschiedene Rechtsgebiete einarbeiten“ kann – der sichere Umgang mit Arbeits-, Gesellschafts-, Handels- und Baurecht ist gerade im Alltag eines Insolvenzrechtsanwalts unverzichtbar. Auch im Medizinrecht ist die Bedeutung der Prädikatsexamen wieder gestiegen, ein Prädikatsexamen ist für 62 Prozent der befragten Kanzleien und zwei für 42 Prozent „wichtig“ oder „sehr wichtig“ – 2007 galt das für nur 20 Prozent. Lediglich im Familienrecht spielt ein Prädikatsexamen für nur 48 Prozent eine Rolle und das Doppelprädikat für knapp ein Drittel der Kanzleien. Anwälte vertreten zunehmend – zumTeil aus eigener Erfahrung – die Auffassung, dass Examen eben doch „Glückssache“ sind und nicht zwingend etwas über die tatsächlichen Fähigkeiten eines Bewerbers aussagen. Das spiegelt sich auch darin wider, dass für zwei Drittel aller befragten Kanzleien ein nur ausreichendes Examen nicht automatisch das Aus der Bewerbung bedeutet, sondern lediglich der Blick auf den Lebenslauf kritischer wird.
  Das Engagement für das Rechtsgebiet lässt sich am besten durch Stationen im Referendariat belegen. Neben den Noten ist das für mehr als 40 Prozent aller befragten Kanzleien ein wichtiges Indiz. Aber die Kanzleien bleiben realistisch: „Stationen im Medizinrecht kann man nicht erwarten, damit schießen sich die Studenten ja für das Examen selbst ins Bein“, sagt ein Partner einer norddeutschen mittelständischen Kanzlei offen. Wo im Medizinrecht „Branchenkenntnis“ hilft, wird im Insolvenzrecht eine betriebswirtschaftliche Ausbildung fast schon erwartet. Der Trend zur Praxis zeigt sich auch in der schwindenden Bedeutung der Promotion. Im Medizinrecht ist der Doktortitel immerhin noch für gut ein Drittel der befragten Kanzleien „wichtig“, im Insolvenzrecht für noch 17 Prozent. Im Familienrecht ist die Promotion für mehr als die Hälfte der Kanzleien völlig egal. Der LL.M. steht demDoktortitel – außerhalb der Welt der internationalen Sozietäten – weiterhin um einiges nach, er ist für etwa zwei Drittel aller Kanzleien „absolut“ unwichtig.
   Und wie steht es mit einem Fachanwaltslehrgang? Auch er gilt als Ausdruck von Engagement. Seine Bedeutung ist besonders imInsolvenzrecht stark gestiegen, waren es 2007 noch 23 Prozent, so sind es heute 46 Prozent der befragten Kanzleien, denen er „wichtig“ oder „sehr wichtig“ ist. Im Medizinrecht stieg der Wert von 40 Prozent auf 47,5 Prozent und mit 64 Prozent ist der Fachanwaltslehrgang im Familienrecht nach wie vor besonders gern gesehen.

Noten und Jura sind nicht alles

Und was zählt noch? Mit „gepflegtenManieren“, „Begeisterungsfähigkeit“, „unternehmerischem Denken“ und einer „eloquenten Ausdrucksweise inWort und Schrift“ – manche Kanzleien schauen sich sogar die Deutschnote im Abitur an – können Bewerber punkten. Im Familienrecht ist „soziale  Kompetenz“ überragend wichtig. Im Medizinrecht richten sich die „soft skills“ vor allem nach der  Mandantengruppe.Wer Patienten vertritt, braucht Fingerspitzengefühl, wer Ärzte berät,muss abends arbeiten und Kanzleien, die viele Krankenhausträger vertreten, wollen flexible Anwälte, die auch nicht vor dem Arbeits- oder Versicherungsrecht zurückschrecken. Überhaupt fiel auf: Im Medizinrecht wächst der Markt noch – was sich in besonders gut gelaunten und entspannten Gesprächspartnern zeigte. Für die Arbeit im Insolvenzrecht braucht man „Nerven so breit wie Bandnudeln“, wie es ein Insolvenzrechtsanwalt zusammenfasst, der seit knapp vierzig Jahren im Geschäft ist. Wer sich auf den Anwaltsberuf vorbereitet, wird dafür auch belohnt. Engagierte Bewerbungen haben momentan gute Aussichten auf Erfolg: Ein Drittel aller Kanzleien suchen derzeit nach anwaltlichem Nachwuchs – und pauschale Kriterien für die erfolgreiche Bewerbung schwinden. Es zählt ein schlüssiger Lebenslauf, der zur Person und dem Auftreten des Bewerbers passt. //