Text: Nora Zunker, Deutscher Anwalt­verein, Berlin

Mitarbeit: Lisa Gut, Deutscher Anwalt­verein, Berlin

Es beginnt mit der Frage, wo ein neues Gebäude errichtet werden darf und ist mit einem Streit über die Betriebskostenabrechnung des letzten Mieters noch längst nicht am Ende: Das Immobilienrecht bietet eine ganze Bandbreite an rechtlichen Fragen – und an Kanzleien, die nach junger anwaltlicher Unterstützung suchen, um diese zu beantworten. Was für einen Berufseinsteiger dabei herausspringt, richtet sich ganz danach, für wen er arbeitet. Für welchen Mandantenkreis? Oder in welcher Kanzlei? Mehr als 100.000 Euro als Associate für den immobilienrechtlichen Bereich in einer Großkanzlei sind ebenso möglich wie 35.000 Euro für mietrechtliche Beratung in Düsseldorf – oder 70.000 Euro bei vergaberechtlicher Spezialisierung auf die öffentliche Hand in einem 9-Personenteam in einer norddeutschen Kleinstadt.

Doch welche Voraussetzungen verschaffen dem Bewerber den Zuschlag für die gewünschte Stelle? Sie sind heute so verschieden wie die späteren Tätigkeitsgebiete selbst. Für die jungen Anwälte heißt das konkret: Die Entscheidung für die spätere Spezialisierung sollte so früh wie möglich fallen, ein bloßes Interesse am Immobilienrecht reicht jedenfalls nicht aus.
   Die Faktoren für eine erfolgreiche Bewerbung werden von Umfrage zu Umfrage vielfältiger. Bewerber müssen sympathisch sein, ein gepflegtes Äußeres haben, sich gut verkaufen können – sind die formalen Kriterien unwichtig geworden? Nein, im Gegenteil: In fast allen Großkanzleien sind zwei Prädikatsexamen Voraussetzung und Promotion oder LL.M. zumindest wünschenswert. Doch auch 50 Prozent der kleinen und mittelständischen Kanzleien im Bau- und Vergaberecht halten zwei mindestens vollbefriedigende Examina für wichtig oder sehr wichtig. Persönlichkeit, soziale Kompetenz und Einsatzbereitschaft sind also nicht alternativ, sondern sollten vom Bewerber zusätzlich zu sicheren juristischen Kenntnissen vorgewiesen werden können.Wenn der motivierte Bewerber sich dann noch als teamfähig erweist und zu den Mandanten passt, steht einem erfolgreichen Berufseinstieg nichts mehr im Wege. Denn: „Wenn die Fähigkeiten da sind und vor allem dasWollen, dann ist alles machbar“, so denken viele Anwälte.

Intelligenz ist wieder sexy

„Gute Noten im Abitur und Examen zeigen, dass der Bewerber intelligent ist und sich einsetzt“, heißt es aus einer mittelständischen Berliner Kanzlei, welche zu den über 80 Prozent im Vergaberecht gehört, denen zumindest ein Prädikatsexamen wichtig, wenn nicht sogar sehr wichtig ist. So wichtig, dass die Hälfte der befragten Kanzleien im Vergaberecht hierfür und ebenso für einen Doktortitel auch ein höheres Einstiegsgehalt zahlen würden – und wohl auch müssen, um mit den Angeboten der Großkanzleien konkurrieren zu können. Der Begriff der Intelligenz bedeutet für diese Kanzleien aber mehr: Anwälte erwarten von den Bewerbern eine gute Allgemeinbildung, politisches Gespür, Verständnis für haushaltswirtschaftliche Zusammenhänge und eine unternehmerische Denkweise.
   Im Baurecht steht hingegen für 44 Prozent der Kanzleien ein abgeschlossener Fachanwaltslehrgang – den es für das relativ junge Gebiet des Vergaberechts bisher nicht gibt – hoch im Kurs. Fehlt dieser, wird zumindest die Bereitschaft ihn zu absolvieren erwartet. Fast ebenso gern gesehen ist technisches Verständnis. Für den Umgang mit den Mandanten sind Selbstsicherheit und Durchsetzungsvermögen erwünscht. Anders im Mietrecht: Hier ist Menschenkenntnis das A und O. Diese ist besonders für die Mandatsakquise erforderlich, denn das Mietrecht erreicht im Immobilienrecht das breiteste Spektrum an potentiellen Mandanten – und gerade Verbraucherkanzleien wollen über das Mietrecht auch Mandanten für andere Rechtsgebiete gewinnen. Dafür sind heutzutage sichere Deutschkenntnisse allein nicht mehr ausreichend: 77 Prozent der mietrechtlichen Kanzleien halten Fremdsprachenkenntnisse für wichtig. Im Bau- und Vergaberecht gilt dies für immerhin 64 Prozent.
   Damit haben Fremdsprachenkenntnisse im Immobilienrecht einen deutlich höheren Stellenwert als beispielsweise im Medizin- oder Familienrecht – und auch als noch vor fünf Jahren. Dass die sprachlichen Fähigkeiten durch einen Auslandsaufenthalt belegt werden, wünschen sich nur 17 Prozent der Kanzleien – und ein höheres Gehalt bringt dies höchstens noch im Vergaberecht. Auffällig: Gerade einmal 3 Prozent aller kleinen und mittelständischen Kanzleien finden einen LL.M. interessant – in den Großkanzleien ist der englische Titel hingegen ein wichtiger Nachweis für verhandlungssicheres Englisch und wird inzwischen als Qualifikation dem Doktortitel vorgezogen. Letzterer ist für die Hälfte der baurechtlichen und gut ein Drittel der restlichen immobilienrechtlichen mittelständischen Kanzleien wichtig und schlägt sich in 50 Prozent der Vergaberechtskanzleien auch auf das Gehalt nieder. Der Grund: Das Vergaberecht findet kaum Beachtung in der juristischen Ausbildung, so dass die vorherige Beschäftigung mit einem vergaberechtlichen Thema einen hohen Stellenwert hat. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Hälfte der Kanzleien im Vergaberecht, aber auch im Baurecht,Wert auf einschlägige Referendariatsstationen legt – im Mietrecht sind es nur 20 Prozent. Im Immobilienrecht führten die Kanzleien öfter als in den meisten anderen Rechtsgebieten an, dass sie vor allem daran interessiert seien, ehemalige Referendare zu übernehmen. Wer also nicht an einer Stelle in einer der internationalen Topkanzleien sondern an einer kleinen oder mittelständischen Sozietät interessiert ist, sollte langfristig planen und die Referendariatsstation sorgfältig auswählen. Denn nicht der Schein eines auffälligen Lebenslaufes ist hier von Bedeutung, sondern das Sein – das am Immobilienrecht ernsthaft interessiert Sein.

Bitte, bleiben Sie doch!

Auch wenn die Anforderungen an junge Anwälte im Immobilienbereich hoch sind, sollten sich Bewerber keinesfalls entmutigen lassen. Zwar ist die Hälfte der vergaberechtlichen Kanzleien an Kandidaten mit nur ausreichenden Examen nicht interessiert, jedoch haben auf der anderen Seite 80 Prozent der Mietrechtler kein Problem damit. Eine Bewerbung kann sich lohnen: Die kleinen und mittelständischen Kanzleien im Immobilienrecht suchen Verstärkung. Für 2013 sind 64 Prozent der vergaberechtlichen Kanzleien, die Hälfte der baurechtlichen Kanzleien und ein Viertel der im Mietrecht tätigen an Nachwuchs interessiert. Hierbei ist jeweils gut die Hälfte der Neueinstellungen für Mitarbeiter im immobilienrechtlichen Bereich vorgesehen. Ein Stuttgarter Mietrechtsanwalt erläutert: „Bei 24 Millionen Mietwohnungen in Deutschland gibt es immer ordentlich Streitpotential.“ Das bietet gute Aussichten für Anwälte – denn in den vergangenen beiden Jahren stellten nur etwa 25 Prozent der Kanzleien ein.
   Und suchen die Kanzleien auch die langfristige Bindung in Form der Partnerschaft? „Natürlich!“ Mehr als 90 Prozent der Sozietäten im Bau- und Vergaberecht arbeiten auf eine Partnerschaft hin. Grund für die langfristige Planung: „Diese Rechtsgebiete sind krisensicher und die öffentliche Hand stellt einen zahlungsfähigen Mandanten dar.“ Im Baurecht erreichen junge Anwälte die Partnerschaft innerhalb von fünf bis acht Jahren, im Vergaberecht geht es etwas schneller. Im Mietrecht sind nur 72 Prozent der Kanzleien auf der Suche nach Partnern, allerdings ist dann die Partnerschaft in mehreren Kanzleien schon innerhalb von zwei Jahren möglich, da durch die „lebensnahen Sachverhalte“ zumeist eine schnelle Einarbeitung in die Problematiken erfolgt. „Als Universitätsabgänger braucht man im Vergaberecht jemanden, der einen begleitet. Man muss sich schnell Neues aneignen, das Rechtsgebiet ist ja noch im Fluss“, begründet eine Rechtsanwältin den Gegensatz.
   Und wie steht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den kleinen und mittelständischen Kanzleien? Nur rund 21 Prozent der in Sozietäten tätigen Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Baurecht sind Anwältinnen. Im Mietrecht sind es sogar nur halb so viele. Um Kolleginnen nicht vor die Wahl zwischen der Rolle als Mutter oder Anwältin zu stellen, führen derzeit viele Kanzleien auf dem Anwaltsmarkt Teilzeitmodelle auf Partnerebene ein. Besonders im Vergaberecht wird dieser Trend deutlich. Schon 61 Prozent der Kanzleien haben feste Teilzeitmodelle, weitere 11 Prozent würden diese gegebenenfalls für den Einzelfall einrichten. Im Baurecht sind bereits 57 Prozent der Kanzleien auf diesen Fall eingestellt, im Mietrecht sind es bisher erst ein Viertel der Kanzleien, weitere 22 Prozent könnten sich Teilzeitmodelle aber für die Zukunft vorstellen. Keine Frage: Die Kanzleien bewegen sich bei Teilzeitmodellen. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass sie wirklich jungen Anwältinnen und jungen Anwälten eine Chance geben wollen – wenn sie denn die Bereitschaft haben, sich in ein komplexes, nicht nur juristisch geprägtes Rechtsgebiet einzuarbeiten. //

Der gesamte Beitrag aus Anwalts­blatt Karriere 1/2013