Text: Nora Zunker, Deutscher Anwalt­verein, Berlin

Wo will ich hin? Mit dieser Frage beginnt für viele Kandidaten im zweiten Examen die Suche nach einer Kanzlei für den Berufseinstieg. Welche Rechtsgebiete reizen mich? Möchte ich in eine Kanzlei in meiner Nähe? Welche Gehaltsvorstellungen habe ich? Möchte ich in einer überschaubaren Kanzlei arbeiten oder zieht es mich in eine Großkanzlei? Es gibt viele Aspekte, die junge Anwältinnen und Anwälte vor ihrer Bewerbung in Betracht ziehen sollten – und das am besten so früh wie möglich. Denn vor allem die Großkanzleien, aber auch viele kleine und mittelständische Kanzleien haben inzwischen eine konkrete Antwort auf die Frage: „Wen wollen wir?“

Wer in einer Großkanzlei mit einem hohen Einstiegsgehalt anfangen möchte, muss auch erhöhten Ansprüchen gerecht werden: Von Vorteil ist es, das verhandlungssichere Englisch durch einen LL.M. belegen zu können, ebenso sollte sich das juristische Können in Prädikatsexamina widerspiegeln. Spitzengehälter von bis zu 100.000 Euro können aber auch in mittelständischen Kanzleien im Bank- und Kapitalmarktrecht erreicht werden. Der Schlüssel zum Erfolg ist hier eine frühere Ausbildung zum Bankkaufmann/-frau. Sprachliches Geschick wird im Strafrecht ebenfalls gefordert, jedoch hat hier der LL.M. keine Auswirkungen auf das Gehalt, vielmehr entscheiden der sichere Umgang mit Menschen und eine frühzeitige Spezialisierung auf das Strafrecht schon im Studium über den Ausgang der Bewerbung. In den regionalen Topkanzleien hingegen zählt der lokale Bezug gelegentlichmehr als die formalen Kriterien. Es lohnt sich also für junge Anwältinnen und Anwälte, den Wandel auf dem Anwaltsmarkt zu verfolgen. Denn in einem sind sich viele Partner einig: „Die Bewerber müssen in die Welt unserer Mandanten passen – aber auch zu unserer Kanzlei.“
Man ist mehr als nur Jurist.


Von jungen Anwältinnen und Anwälten wird Vielseitigkeit erwartet: Schon lange sind zwei Prädikatsexamen nicht mehr das non plus ultra auf dem Anwaltsmarkt. Sie sind zwar für die Großkanzleien wünschenswert und auch für knapp die Hälfte der befragten kleinen und mittelständischen Kanzleien im Bank- und Kapitalmarktrecht „sehr wichtig“ oder „wichtig“ – bei den befragten regionalen Topkanzleien sind es jedoch bloß noch 40 Prozent und im Strafrecht etwa 30 Prozent. Für diese Tendenz gibt es zwei Gründe: Zum einen haben Bewerber mit Prädikatsabschluss oft schon fixe Gehaltsvorstellungen. „So einen würden wir schon nehmen, aber den können wir uns nicht leisten. Daher bewerben sich diese Kandidaten dann meist gleich bei den Großkanzleien“, sagt ein Anwalt aus einer norddeutschen Kleinstadt. Zum anderen haben die Kanzleien gelernt, dass die Examensnoten – oft als Beleg für eine schnelle Auffassungsgabe verstanden – nicht der einzige Eignungsnachweis für den Anwaltsberuf sind. Junge Kollegen im Strafrecht müssen vor allem „Sensibilität im Umgang mit Mandanten“ und „menschliches Gespür“ mitbringen. Um den richtigen Ton anzuschlagen, sind Fremdsprachenkenntnisse unerlässlich und daher auch für 70 Prozent der Kanzleien „wichtig“ oder „sehr wichtig“. Im Strafrecht geht es für den Mandanten häufig nicht um Geld oder Prozesserfolge, sondern handfest umdie Abwendung von Freiheitsstrafen. Daher erwarten die Kanzleien, dass die jungen Anwältinnen und die jungen Anwälte „mit Leib und Seele im Strafrecht aufgehen“. Als Nachweis wünschen sich – genau wie schon vor fünf Jahren – mehr als die Hälfte der Kanzleien einschlägige Stationen im Referendariat, ein Drittel legt Wert auf einen bereits absolvierten Fachanwaltslehrgang oder Berufserfahrung. Auch Teamfähigkeit wird großgeschrieben: „Wenn es nicht passt, kann jemand meinetwegen auch einen doppelten LL.M. haben.“ Ein englischer Abschluss ist neben den internationalen Großkanzleien noch im Bereich Bank- und Kapitalmarktrecht von Interesse. Immerhin 16 Prozent der befragten Kanzleien finden den LL.M. wichtig. Generell fragen knapp 30 Prozent nach Auslandserfahrungen und rund 44 Prozent erwarten gute Fremdsprachenkenntnisse. Auch im Bank- und Kapitalmarktrecht können Bewerber bei 32 Prozent der befragten Kanzleien mit Berufserfahrung oder der früheren Spezialisierung im Referendariat punkten. Jedoch spielt heute noch eine weitere Qualifikation eine weitaus größere Rolle: eine Lehre im Bankwesen. Die Bankenkrise schlägt sich im Bank- und Kapitalmarktrecht spürbar nieder. „Wer die aktuellen wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht versteht, kann dies durch rein rechtliche Kenntnisse nicht mehr ausgleichen“, fasst ein Seniorpartner die Lage zusammen. Daher sind auch mehr Kanzleien bereit ein höheres Einstiegsgehalt für einen Bewerber mit bankkaufmännischer Ausbildung zu zahlen als für einen mit Doktortitel. Bei den regionalen Topkanzleien steht die Persönlichkeit des Bewerbers im Vordergrund. „Selbstständigkeit, Kommunikationsfähigkeit und eine individuelle Persönlichkeit“ liegen bei den Kanzleien hoch im Kurs. Daneben legen je knapp 45 Prozent der befragten Kanzleien Wert auf Fremdsprachenkenntnisse und Fachanwaltstitel, 36 Prozent schauen sich die Wahl der Referendariatsstationen genauer an. Was hier neben der juristischen Ausbildung außerdem von Interesse ist, ist der Bezug des Bewerbers zur Kanzlei und zur Region. „Der Bewerber sollte umgänglich sein, ein sympathischer Charakter eben“, sagt ein Partner einer mittelständischen Kanzlei im Süden.

Gute Kommunikationsfähigkeit und Umgangsformen sind nicht nur für die Arbeit im Team relevant, sondern auch für das Wachstum der Kanzlei. Bei überwiegend regional tätigen Kanzleien erfolgt ein großer Teil der Mandatsakquise über Mundpropaganda. Für zwei Drittel der regionalen Topkanzleien ist es für die Zusammenarbeit ebenfalls relevant, ob die junge Kollegin oder der junge Kollege auch plant, am Ort längerfristig zu leben.

Die vierzehnte Umfrage: 200 Kanzleien

Der Einstel­lungs- und Gehälterreport von Anwalts­blatt Karriere in diesem Heft beruht auf einer Umfrage bei mittelständischen Kanzleien und Großkanzleien sowie Recherchen der Redaktion. Insgesamt wurden mehr als 200 mittelständische und 25 Großkanzleien (im Bank- und Kapital­markt­recht) befragt. Die Resonanz war bei der Umfrage zum Winter­se­mester 2013/2014 sehr gut, besonders die regio­nalen Topkanz­leien erteilten bereit­willig Auskunft. Im Bank- und Kapital­markt tätige Kanzleien sprachen offen und detail­liert über die Einstel­lungs­vor­aus­set­zungen; Partner im Straf­recht machten kein Geheimnis um die Einstiegsgehälter. Denn der Trend zu Trans­parenz auf dem Markt hat sich für Kanzleien und Bewerber gleichermaßen als gewinn­bringend erwiesen. Gleiches gilt für die inter­na­tio­nalen Sozietäten und Großkanzleien, die sich wie immer offen zeigten. Die Großkanzleien erhielten einen Frage­bogen. Mit mittelständischen Kanzleien wurden fünfzehnminütige Telefon­in­ter­views geführt. Gesprächspartner waren Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die über einen örtlichen Anwalt­verein Mitglieder im Deutschen Anwalt­verein sind sowie Mitglied einer Arbeits­ge­mein­schaft des DAV (bei diesem Report für Straf­recht sowie Bank- und Kapital­markt­recht) oder in einer regio­nalen Topkanzlei tätig sind. Es wurden nur Anwälte befragt, die nachhaltig im jewei­ligen Rechts­gebiet bezie­hungs­weise in der jewei­ligen Region tätig sind. Die Ergeb­nisse der Umfrage wurden wieder durch Recherchen der Redaktion bei Anwältinnen und Anwälten überprüft, die in örtlichen Anwalt­ver­einen, in den Landesverbänden, den Arbeits­ge­mein­schaften oder im Vorstand des Deutschen Anwalt­vereins ehren­amtlich aktiv sind.