Text: Rechtsanwalt Dr. Nicolas Lührig, Berlin

In den Top-Kanzleien macht ein Anwalt im Schnitt locker einen Jahres­umsatz von mehr als 500.000 Euro – entspre­chend hoch sind die Gehälter bei Fresh­fields Bruckhaus Deringer und Co. Doch nur kaum 3.000 Anwälte (und wenige Anwältinnen) spielen in dieser Liga oben mit. Und wer heute noch dort auflaufen will, muss beste Examina, Promotion, LL.M. und sehr gute Fremd­spra­chen­kennt­nisse mitbringen. Und wer das nicht kann?

Viele der mehr als 145.000 Anwältinnen und Anwälte – und der fast 8.000 Berufsanfänger pro Jahr – leben nach wie vor von den Fällen ihrer Nachbarn. Ganz vorne: Das Famili­en­recht. Oder auch das Arbeits- sowie das Verkehrs­recht (siehe den ersten Gehälter- und Einstel­lungs­report von Anwalts­blatt Karriere, Heft 1/2007, S. 24, abrufbar unter www.anwalts­blatt-karriere.de). Daneben gibt es die Nischen wie das Insol­venz­recht oder das Medizin­recht. Für drei Rechts­ge­biete befragte Anwalts­blatt Karriere wieder mehr als 300 Kanzleien:Wie sehen die Einstel­lungs­chancen aus? Was wird verdient? Und was erwarten die Kanzleien von einem Bewerber?

Selbständigkeit als Ausweg?

Der Traum vieler junger Asses­soren: Sie möchten als angestellte Anwälte in den Anwalts­beruf starten. Ohne das wirtschaft­liche Risiko der Mandats­be­schaffung wollen sie anwalt­liche Praxis sammeln. Doch für das Famili­en­recht geht diese Rechnung nicht auf: 94 Prozent der befragten Kanzleien stellen 2007 keinen Anwalt ein – und auch für 2008 gehen nur fünf Prozent davon aus, dass sie eine Stelle besetzen werden. Bemer­kenswert: Die Famili­en­rechts­kanz­leien suchen auch für benach­barte Rechts­ge­biete kaum Nachwuchs: Nur vier Prozent der Kanzleien planen außerhalb des Famili­en­rechts Einstel­lungen.

Der Trend ist eindeutig: Die sowieso hohe Quote der Einstel­lungs­ver­wei­gerer ist über die vergan­genen fünf Jahre eher gewachsen. Mehr als 73 Prozent der befragten Kanzleien im Famili­en­recht haben in den vergan­genen fünf Jahren überhaupt keine Anwälte einge­stellt.Was den Markt so schwierig macht? „Es sind nicht nur die vielen Mandate mit Prozess­kos­ten­hilfe, sondern auch die niedri­geren Streit­werte im Famili­en­recht – obwohl die Fälle gleichwohl viel Arbeit machen“, so Ingeborg Rakete-Dombek, Vorsit­zende der Arbeits­ge­mein­schaft Famili­en­recht des Deutschen Anwalt­vereins, im September 2007 beim 4. Hanno­ve­raner ZPO-Symposium.

In der Tat: Gerade im Famili­en­recht dominieren die Mandate mit Prozess­kos­ten­hilfe (PKH) zu reduzierten Gebühren. Fast die Hälfte der befragten Kanzleien geben an, dass der Anteil der PKH-Mandate mehr als 70 Prozent betrage bzw. „hoch“ oder „sehr hoch“ sei. Der wirtschaft­liche Aufschwung scheint bei den Verbrau­chern – und damit bei den Anwälten – (noch) nicht angekommen zu sein. Und: „Der Mandats­kuchen wächst halt nicht so schnell wie die Anwalt­schaft“, resümiert ein Famili­en­rechtler mit fast 30 Jahren Berufs­er­fahrung. Eine Konse­quenz: „Berufs­starter machen sich aus Mangel an Einstel­lungs­chancen selbständig“, so Rechtsanwältin Silke Water­schek, Vorsit­zende des Forums Junge Anwalt­schaft im Deutschen Anwalt­verein.

Kein Ausweg ist die Selbständigkeit beim Insol­venz­recht. Der Markt ist – anders als noch bei den Famili­en­rechtlern – fest in der Hand von Sozietäten. Immerhin rund die Hälfte der befragten Kanzleien haben mehr als fünf Anwälte. Schließlich gilt: Ohne Referenzen vergibt kein Gericht Insol­venz­ver­wal­tungen – und ohne Insol­venz­ver­wal­tungen keine Referenzen. Doch während die wirtschaft­liche Erholung mit einer hohen Zahl von Unter­neh­mens­fu­sionen die Mergers & Acqui­si­tions-Abtei­lungen der Top-Kanzleien jubeln lässt, sind die Insol­venz­rechtler verhalten.

Die Zahl der (ertrags­schwachen) Verbrau­che­r­in­sol­venzen steigt, die Zahl der (lukra­tiven) Unter­neh­mens­in­sol­venzen geht zurück. Es fehlen die großen Mandate, die eine Kanzlei über Monate auslasten. Die Folge: Nur rund 15 Prozent der Kanzleien wissen heute schon, dass sie 2008 einstellen wollen – und von den offenen Stellen entfallen nur ein Drittel auf das Insol­venz­recht. Immerhin bemer­kenswert: Rund 15 Prozent der Kanzleien wollen noch abwarten. 70 Prozent werden 2008 aber überhaupt nicht einstellen. 2006 hatte noch mehr als ein Drittel der Kanzleien Nachwuchs rekru­tiert. Wie die Insol­venz­rechtler auf die Veränderung des Marktes reagieren: Sie setzen auf das – weniger perso­nal­in­tensive – Beratungs­geschäft, wie Rechts­anwalt Dr. Andreas Ringst­meier berichtet (siehe dazu seinen Kommentar in diesem Heft auf Seite 22).

Ein Wachs­tums­markt ist dagegen das Medizin­recht. Die Fachan­walt­schaft Medizin­recht gibt es seit 2005. Die Arbeits­ge­mein­schaft Medizin­recht im DAV ist von 2006 bis 2007 allein um 15 Prozent auf jetzt mehr als 1.400 Mitglieder gewachsen. Und bei den Medizin­rechtlern ist der Optimismus groß: Immerhin 25 Prozent der befragten Kanzleien planen für 2008 Einstel­lungen – und über diese gute Nachricht sprachen die Kanzleien am Telefon gerne. Die Verwei­ge­rungs­quote war deutlich geringer als beim Famili­en­recht und dem Insol­venz­recht. Und die meisten Kanzleien haben auch in den vergan­genen Jahren einge­stellt. Nur 30 Prozent gaben an, seit 2002 keine Stelle besetzt zu haben.

Worauf achten Kanzleien bei der Bewerbung?

Der zweite Gehälter- und Einstel­lungs­report bestätigt: Den Königsweg durch die Juris­ten­aus­bildung gibt es nicht mehr. Jedes Rechts­gebiet entwi­ckelt sein eigenes Profil. Im Famili­en­recht sind die Anfor­de­rungen an die Bewerber stark von subjek­tiven Kriterien geprägt. „Persönlichkeit!“, fordern die befragten Anwältinnen und Anwälte auffällig häufig – was auch immer sie darunter verstehen. Im Vergleich zu anderen Rechts­ge­bieten sind Kommu­ni­ka­tionsfähigkeit und Praxi­ser­fahrung vielen Arbeit­gebern wichtiger als glänzende Examina. Bei immerhin 65 Prozent der Kanzleien beendet ein ausrei­chendes Examen auch nicht gleich die Bewerbung. „Der Bewerber muss zum Team passen“, heißt es immer wieder. So überrascht es dann nicht, dass immerhin rund 40 Prozent der Kanzleien einen abgeschlos­senen Fachan­walts­lehrgang „wichtig“ finden und sogar fast 14 Prozent „sehr wichtig“. Der Doktor­titel ist für 45 Prozent der Kanzleien „unwichtig“, rund 35 Prozent sagen, das er „nicht schadet“. Im Gegensatz zum LL.M.-Titel gibt es aber einzelne Anwälte, die den Doktor­titel „sehr wichtig“ (4,5 Prozent) finden.

Bei den Insol­venz­rechtlern zählen die klassi­schen Werte: Mindestens ein Prädikatsexamen erwarten fast 55 Prozent der Kanzleien („sehr wichtig“ oder „wichtig“). Mit fast 50 Prozent kommen gleich dahinter die Sprach­kennt­nisse. Praxi­ser­fahrung wird – anders als im Famili­en­recht – von einigen Kanzleien gerade nicht erwartet: „Wir wollen die junge Anwälte selbst ausbilden“, sagt ein Insol­venz­rechtler. Ein abgeschlos­sener Fachan­walts­lehrgang ist aber immerhin für rund 23 Prozent der Kanzleien „sehr wichtig“ oder „wichtig“. Promotion und LL.M. spielen keine besondere Rolle. Dafür fällt auf: Für rund acht Prozent der Kanzleien ist das Doppelprädikat „sehr wichtig“ und für immerhin 38,5 Prozent „wichtig“.

Bei den Medizin­rechtlern zählt die Nähe zum Rechts­gebiet. Eine einschlägige Station im Referen­dariat ist für fast 40 Prozent der Kanzleien „wichtig“, für fast elf Prozent „sehr wichtig“. Mit einem abgeschlos­senen Fachan­waltskurs lässt sich ebenfalls punkten. Er ist für fast 40 Prozent „sehr wichtig“ oder „wichtig“. Was ansonsten noch zählt? Sprach­kennt­nisse (fast 47 Prozent sagen „wichtig“ oder „sehr wichtig“). Das Doppelprädikat ist nur 20 Prozent der Kanzleien „sehr wichtig“ oder „wichtig“. Und bei immerhin 55 Prozent der Kanzleien ist auch eine Bewerbung mit einem „ausrei­chenden“ Examen nicht völlig chancenlos.

Bei der Vergütung bleibt es beim Trend: Das unter­neh­me­rische Risiko des Arbeit­gebers soll auch vom angestellten Anwalt mitge­tragen werden. Prämien oder Umsatz­be­tei­li­gungen sind in rund 40 Prozent der Kanzleien üblich. Wie wichtig inzwi­schen die Fachan­walt­schaften geworden sind, zeigt sich im Insol­venz­recht sowie im Medizin­recht: Fast alle Kanzleien finan­zieren ihren jungen Anwälten den Fachan­walts­kursus und stellen sie für Fortbil­dungen frei. Bei den Famili­en­rechtlern liegt der Wert mit 80 Prozent nur geringfügig niedriger. Auffällig: Kanzleien, die beim Gehalt sparen, müssen das auch. Sie geben gleich­zeitig an, dass sie überwiegend PKH-Mandate (mit einem Umsatz­anteil von fast durchweg mehr als 80 Prozent) bearbeiten. Das erklärt dann auch die Reaktion eines Famili­en­rechtlers, der auf die Frage zum PKH-Anteil sagte: „Eine Prozentzahl bekommen sie vom mir nicht, weil die nur Neid erzeugt.“

Spezialfall Anwältinnen?

Was sonst noch spannend ist? Das Famili­en­recht gilt als Domäne der Anwältinnen, die – so das Vorurteil – schlechter als die männlichen Kollegen verdienen. Doch beide Behaup­tungen vermag zumindest dieser Gehälter- und Einstel­lungs­report nicht zu stützen. Bei den befragten Kanzleien lag der Anteil der Anwältinnen im Medizin­recht bei 51,2 Prozent und im Famili­en­recht nur unwesentlich höher bei 51,9 Prozent – das Insol­venz­recht ist dagegen fest in Anwaltshand. Auch altersmäßig fällt im Familien- und Medizin­recht nichts auf: Anwältinnen gibt es in allen Alter­s­stufen, die Jungen dominieren keineswegs. Und bei den Gehältern? Das höchste Einstiegs­gehalt im Famili­en­recht zahlt eine Anwältin mit 60.000 Euro, das niedrigste ein Anwalt mit 18.000 Euro.

Die Umfrage

Der Gehälter- und Einstel­lungs­report von Anwalts­blatt Karriere beruht auf einer telefo­ni­schen Umfrage bei Anwältinnen und Anwälten sowie auf Recherchen der Redaktion. Befragt wurden insgesamt 314 Kanzleien in ganz Deutschland, wobei 150 den Fragen­ka­talog weitgehend vollständig beant­wortet haben. Die Quote der verwei­gerten Antworten war vor allem im Famili­en­recht und im Insol­venz­recht hoch. Im Famili­en­recht nahmen viele Kanzleien an der Umfrage nicht teil, weil sie keinen Nachwuchs suchen und deshalb auch keine Standards für die Suche hätten (Kommentar: „Ich werde nie jemanden einstellen“).

Im Insol­venz­recht betrachten die Top-Kanzleien nach wie vor Gehälter und Vergütungs­struk­turen als Geschäftsge­heimnis – die Ergeb­nisse sind daher von den kleineren Kanzleien mit vielen Verbrau­che­r­in­sol­venzen geprägt. Die zwanzigminütigen Telefon­in­ter­views wurden mit Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten geführt, die Mitglied im Deutschen Anwalt­verein sind. Die Gesprächspartner wurden aus dem Mitglie­der­be­stand der Arbeits­ge­mein­schaft Famili­en­recht (der mit mehr als 6.000 Mitgliedern größten Arbeits­ge­mein­schaft des Deutschen Anwalt­vereins), der Arbeits­ge­mein­schaft Insol­venz­recht und Sanierung sowie der Arbeits­ge­mein­schaft Medizin­recht gewählt. Befragt wurden nur Anwälte, die nachhaltig in dem jewei­ligen Rechts­gebiet tätig sind. Das erklärt, warum überwiegend Anwältinnen und Anwälte befragt wurden, die in Sozietäten tätig sind. Ihr Anteil lag bei 66 Prozent (Famili­en­recht) bzw. fast 90 Prozent (Insol­venz­recht und Medizin­recht). Anwälte mit einer Anwalts­zu­lassung von weniger als fünf Jahren waren in der Minderheit. Die Ergeb­nisse der Umfrage wurden durch Recherchen der Redaktion bei Vorsit­zenden von örtlichen Anwalt­ver­einen überprüft. Der erste Gehälter- und Einstel­lungs­report (Heft 1/2007) von Anwalts­blatt Karriere hatte sich auf das Arbeits­recht, Verkehrs­recht sowie das Urheber- und Medien­recht bezogen.

Der Weg in die Partner­schaft

Das freibe­ruf­liche Ideal geht davon aus, dass auch ein angestellter Anwalt irgendwann Partner wird. Doch die Selbständigkeit als Gesell­schafter einer Kanzlei ist keineswegs mehr das Standard-Karrie­reziel. Nur rund dreiviertel der befragten Kanzleien suchen noch zukünftige Partner. Inter­essant:

Bei den Famili­en­rechtlern ist der Wert leicht höher. Dort finden sich noch klassische Kanzleistruk­turen mit kleineren Zwei- oder Drei- Personen-Sozietäten. Das erklärt auch, warum im Famili­en­recht die Aufnahme in eine Sozietät viel schneller geht als in größeren Kanzleien. Immerhin 20 Prozent der Kanzleien entscheiden innerhalb der ersten zwei Jahre über eine Partner­schaft und ein Viertel im dritten bis fünften Jahr. „Wenn es menschlich passt und die Zahlen stimmen, dann läuft das“, sagt eine der befragten Anwältinnen. Bei den Medizin­rechtlern fällt die Entscheidung fast immer bis zum fünften Jahr, während in den Insol­venz­recht­spraxen fast 24 Prozent der Kanzleien inzwi­schen fünf bis acht Jahre bis zur Partner­schaft nennen.

Auffällig ist aber: Rund ein Drittel der Kanzleien (im Famili­en­recht sogar 36 Prozent) geben keine festen Wert mehr an. Es hänge alles an der Persönlichkeit der Anwältin oder des Anwalts, heißt es immer wieder – gekoppelt mit dem Stoßseufzer: „Vielen jungen Kollegen fehlt der unter­neh­me­rische Drang, sie scheuen jedes Risiko“, urteilt ein Famili­en­rechtler.

Fachan­waltskurs bringt höheres Gehalt

Qualität hat ihren Preis. Damit recht­fer­tigen Anwälte gerne hohe Honorare. Doch wie sieht es bei den Gehältern aus? Wer eine der raren Stellen ergattert, kann durchaus Aufschläge heraus­holen. Bei den Medizin­rechtlern wird vor allem Berufs­er­fahrung zusätzlich honoriert (62 Prozent der befragten Kanzleien). Mit einem Doktor­titel gibt es bei 27 Prozent der Kanzleien im Medizin­recht mehr, und selbst der – von vielen als wenig wichtig empfundene – LL.M-Titel wird von 20 Prozent dieser Kanzleien noch honoriert.

Das entspricht dem Wert für einen abgeschlos­senen Fachan­walts­lehrgang. Bei den Insol­venz­rechtlern gibt es bei mehr als der Hälfte der befragten Kanzleien einen Aufschlag für Doktor­titel oder LL.M sowie für Berufs­er­fahrung. Den Fachan­walts­lehrgang honorieren ebenfalls rund 20 Prozent der Kanzleien. Bei den Famili­en­rechtlern ist es schon deutlich schwie­riger, einen Aufschlag heraus­zu­handeln. Allen­falls für Berufs­er­fahrung und abgeschlos­senen Fachan­walts­lehrgang wären etwa jeweils 20 Prozent der Kanzleien bereit, das Einstiegs­gehalt zu erhöhen. Die DAV-Anwalt­aus­bildung könnte 14 Prozent der Kanzleien zu einem Aufschlag verleiten. Eine einschlägige Station im Referen­dariat brächte dagegen nichts.

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Der gesamte Beitrag aus Anwalts­blatt Karriere 2/2007