Text: Rechtsanwalt Dr. Nicolas Lührig, Berlin

Gute Anwälte werden immer gebraucht. Das ist richtig und gilt auch in der Krise. Die Erkenntnis tröstet aber nicht die Bewerber, die eine erfolglose Bewerbung nach der anderen schreiben – auch wenn es ihnen wie vielen der rund 6.500 Absol­venten gehen wird, die dieses Jahr wieder Anwältin oder Anwalt werden. Denn eines hat der fünfte Einstel­lungs- und Gehälterreport von Anwalts­blatt Karriere gezeigt: Unter­nehmen jeder Größe sind 2009 bei der Einstellung von Syndi­kusanwälten zurückhaltend und auch bei den auf das Infor­ma­ti­ons­tech­no­logie-Recht (IT-Recht) spezia­li­sierten Kanzleien suchen deutlich weniger Kanzleien Nachwuchs. Während 2007 und 2008 noch mehr als 50 Prozent der befragten Unter­nehmen einen Syndi­kus­anwalt einge­stellt haben, wollen das 2009 nur noch 20 Prozent tun. Bei den IT-Rechts­kanz­leien zeigt der Trend ebenfalls nach unten: 2007 haben noch 23,5 Prozent eine oder mehrere Stellen besetzt, 2008 noch 20 Prozent und 2009? Jetzt wollen nur noch 17 Prozent der befragten Kanzleien einstellen.

Die gute Nachricht: Auch in der Krise wird eingestellt

Die positive Seite der Zahlen: Auch in der Krise wird einge­stellt. Das gilt für die Großkanzleien, die im IT-Recht Verstärkung suchen, aber auch für Unter­nehmen: „Wenn wir eine Vakanz haben, dürfen wir auch besetzen“, sagt ein Chefsyn­di­kus­anwalt. Eine Syndi­kusanwältin aus der Energieb­ranche betont: „Unser Unter­nehmen wächst und deshalb brauchen wir auch einen weiteren Syndi­kus­anwalt.“ Überhaupt Erfolg: „Wer zufriedene Mandanten hat, bekommt immer mehr Mandate und braucht irgendwann auch Verstärkung, Krise hin oder her“, sagt ein IT-Rechtss­pe­zialist aus einer Drei-Personen-Kanzlei. Diese Aussage ist typisch für das IT-Recht: Fast 95 Prozent der befragten Anwälte suchen zukünftige Partner, also Anwälte, für die das Anstel­lungsverhältnis nur Durch­gangs­station zur Selbständigkeit ist.

Deshalb gilt, was auch schon frühere Einstel­lungs- und Gehälterre­porte von Anwalts­blatt Karriere gezeigt haben: Wer sich einen angestellten Anwalt leistet, zahlt in der Regel auch ordentlich. Aller­dings: Auch bei den Großkanzleien wachsen die Gehälter nicht (mehr) in den Himmel – zumindest wenn sie für das IT-Recht einstellen. Beim fachlichen Profil werden kaum Abstriche gemacht. Erwartet werden zwei voll befrie­di­gende Examen, Promotion oder LL.M. und bestes Englisch. Top-Bewerber können auch die magische Zahl von 100.000 Euro pro Jahr erreichen. Bei vielen Großkanzleien liegen im IT-Recht die Einstiegsgehälter aber eher bei 80.000 bis 95.000 Euro – und gehen auch einmal bis 75.000 Euro herunter. Und Kanzleien wie Clifford Chance, Hengeler Mueller oder Cleary Gottlieb bieten das IT-Recht gar nicht an.

Die Zahlen der Großkanzleien zeigen: Der Abstand zu den mittelständischen Kanzleien ist auf den ersten Blick gar nicht so groß, weil mittelständische IT-Rechts­kanz­leien bis zu 65.000 Euro bieten. Doch der zweite Blick zeigt: Das sind Ausreißer. Die meisten der befragten Kanzleien zahlen deutlich weniger – manche liegen sogar unter 30.000 Euro. Der Grund: Auf der Gewin­ner­seite stehen Kanzleien, die Outsourcing-Projekte betreuen oder ständig Software-Anbieter beraten. Wer dagegen im IT-Recht vor allem fehlge­schlagene Internetkäufe und die Daten­schutzfälle privater Verbraucher betreut, kann dem Nachwuchs nur ein geringes Gehalt bieten.

So ähnlich sieht es auch bei den Einstel­lungsgehältern von Syndi­kusanwälten aus. Die ganze Vielfalt der Wirtschaft spiegelt sich in ihnen wider. Wer Top-Bewerber auf dem Niveau der Großkanzleien sucht, zahlt auch entspre­chend gut. So gibt die E.on AG aus Düsseldorf als Einstiegs­gehalt 70.000 bis 75.000 Euro an, was aber für absolute Top-Bewerber im Einzelfall auch bis auf 100.000 Euro steigen kann. Bei einem anderen führenden deutschen Unter­nehmen ist dagegen bei 59.000 Euro Schluss. Beiden Unter­nehmen gemeinsam ist: Gesucht werden Syndi­kusanwälte, die auf dem Niveau der teureren externen Anwälte arbeiten. Dieses Profil suchen aber nicht alle Unter­nehmen: „Unsere Anwälte in der Rechts­ab­teilung sollen das Alltags­geschäft erledigen, die Sonderfälle machen wir mit externen Anwälten“, sagt eine Syndi­kusanwältin. Klar, dass dann das Gehalt auch deutlich niedriger ist. Das mag auch erklären, warum nur bei 36 Prozent der befragten Unter­nehmen ein ausrei­chendes Examen ein absolutes Ausschluss­kri­terium ist (während mit einem „ausrei­chend“ bei 50 Prozent der befragten IT-Kanzleien die Bewerbung beendet ist).

Ohne Fremdsprachen geht nichts mehr

Bei den Einstel­lungs­vor­aus­set­zungen will kein Unter­nehmen auf Fremd­spra­chen­kennt­nisse verzichten. Für 75 Prozent sind sie sehr wichtig und für 25 wichtig. 80 Prozent der Unter­nehmen schauen in der Bewerbung darauf, ob die Fremd­spra­chen­kennt­nisse im Ausland erworben worden sind. So kritisch sind die IT-Rechtler nicht. Nur knapp 40 Prozent erwarten einen Auslands­auf­enthalt. Aber auch bei den IT-Rechtlern finden 85 Prozent der befragten Anwälte Fremd­spra­chen­kennt­nisse sehr wichtig oder wichtig.

Was noch zählt? Unter­nehmen erwarten praktische Erfahrung. Erste Berufs­er­fahrung halten fast 70 Prozent für sehr wichtig oder wichtig. „Wir suchen Pragma­tiker“, sagt ein Syndi­kus­anwalt. „Unter­neh­me­ri­sches Denken“, „Dienst­leis­tungs­be­wusstsein“ oder eine kaufmännische Ausbildung werden von den befragten Syndi­kusanwältinnen und -anwälten immer wieder verlangt. IT-Rechtler achten dagegen eher darauf, ob der Kandidat die Nähe zum Rechts­gebiet in der Ausbildung gezeigt hat. Eine einschlägige Station im Referen­dariat halten 93 Prozent der befragten Kanzleien für wichtig – und einen abgeschlos­senen Fachan­walts­lehrgang im IT-Recht finden mehr als 90 Prozent sehr wichtig oder wichtig (ganz anders als ihre Mitbe­werber in den Großkanzleien). Und noch etwas fällt in den Inter­views auf: Die IT-Rechtler achten besonders darauf, dass die persönliche Chemie stimmt. „Ich muss mir vorstellen, dass der Kandidat einmal Partner bei uns wird“, sagt ein Anwalt im IT-Recht. Dazu passt, dass rund 40 Prozent der befragten Anwälte in Kanzleien mit drei bis fünf Anwälten arbeiten. Für eine Rechts­ab­teilung ist das eine eher kleine Größe.

Die Umfrage

Der Einstel­lungs- und Gehälterreport von Anwalts­blatt Karriere in diesem Heft beruht auf einer Umfrage bei Unter­nehmen in Deutschland, bei mittelständischen Kanzleien und bei Großkanzleien (im Bereich IT-Recht) sowie Recherchen der Redaktion. Insgesamt wurden 28 Großkanzleien und mehr als 225 Kanzleien und Unter­nehmen in Telefon­in­ter­views befragt. Erfreulich: Während Kanzleien in vielen Rechts­ge­bieten ungern über das Einstel­lungs­gehalt sprechen, waren sowohl die Unter­neh­mens­ver­treter als auch die IT-Rechtler auskunfts­freudig. Nur wenige verwei­gerten Zahlen. Die Quote der Total­ver­wei­gerer (also derje­nigen, die jegliche Auskünfte verwei­gerten) lag diesmal sehr niedrig (bei den Syndi­kusanwälten bei rund sieben Prozent und bei den IT-Rechtlern bei rund zehn Prozent). Nach wie vor offen über das Einstel­lungs­gehalt sprechen die Großkanzleien, sind doch Gehälter bis zu 100.000 Euro im Jahr ein wichtiges Argument für Bewerber. Deutlich zugeknöpfter sind die im DAX gelis­teten Unter­nehmen, die zum Teil die Höhe der Einstel­lungsgehälter nur unter der Hand mitteilten. Die Großkanzleien erhielten ebenso wie die DAX-Unter­nehmen einen Frage­bogen, mit den mittelständischen Kanzleien und nicht im DAX gelis­teten Unter­nehmen wurden zwanzigminütige Telefon­in­ter­views geführt. Gesprächspartner waren Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die Mitglied im Deutschen Anwalt­verein sind. Die Gesprächspartner wurden aus dem Mitglie­der­be­stand der Arbeits­ge­mein­schaften Infor­ma­ti­ons­tech­no­logie (mehr als 600 Mitglieder) sowie Syndi­kusanwälte (500 Mitglieder) ermittelt. Voraus­setzung für die Auswahl der Gesprächspartner im IT-Recht war, dass die Anwältin oder der Anwalt ausschließlich oder mit einem sehr großen Schwer­punkt im ITRecht tätig ist. Bei den Syndi­kusanwälten wurde auf einen Branchenmix (vom Autobauer über Banken bis hin zum Bergbau) und einen Größenmix (von 90 Millionen Euro Jahres­umsatz in Deutschland bis 4,5 Milli­arden Euro) geachtet. Unter den befragten Syndi­kusanwälten waren nur zwei Einzelkämpfer im Unter­nehmen, es dominierten Rechts­ab­tei­lungen ab drei Juristen aufwärts.

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Der gesamte Beitrag aus Anwalts­blatt Karriere 1/2009