Steuern mögen die Bürger nicht und auch viele Anwälte machen gerne einen Umweg um das Steuer­recht. Doch das kann sich schnell rächen:Wenn es ums Geld geht,will kein Mandant am Ende zuviel beim Fiskus sehen. Das gilt im Erbrecht genauso wie im Gesell­schafts­recht. Ohne Steuer­recht geht es daher vielfach nicht mehr. Das wissen auch die Großkanzleien. Ebenfalls wenig beliebt: das Sozial­recht.Wenn der Bürger um Hartz IV streitet, gilt das als wenig lukrativ. Doch auch hier gilt: Das Senio­ren­recht rund um Pflege und Krankheit bietet Chancen – und bei der Arznei­mit­tel­ver­sorgung geht es sogar ums große Geld.„Die Spezia­li­sierung ist nur erfolg­reich, wenn der Blick nach rechts und links nicht verloren geht“, sagt ein Sozial­rechtler, der in der Schnitt­menge zwischen Sozial- und Medizin­recht erfolg­reich ist. Mangelware: Offene Stellen – doch es gibt Nischen Gute Anwälte werden immer gebraucht, hatte Anwalts­blatt Karriere vor einen halben Jahr geschrieben. Trotz Krise – hieß es im fünften Gehälter- und Einstel­lungs­report – suchten Unter­nehmen noch immer Syndi­kusanwälte und auch die IT-Rechtler stellten noch ein. Der Optimismus scheint verflogen zu sein. Zumindest für das Erbrecht, das Steuer­recht und das Sozial­recht gilt: Die schwierige wirtschaft­liche Lage sorgt bei den Kanzleien für Zurückhaltung. Im Sozial­recht stellen 95 Prozent der Kanzleien dieses Jahr keinen Berufsanfänger ein. Im Steuer­recht das gleiche Bild – nur die Großkanzleien haben noch Bedarf. Etwas optimis­ti­scher sind nur die Erbrechtler: Immerhin zehn Prozent der befragten Kanzleien wollen einstellen oder haben 2009 bereits einge­stellt – und immerhin fast ein Drittel der im Erbrecht befragten Kanzleien suchen 2009 in anderen Rechts­ge­bieten noch Anwältinnen und Anwälte (bei den Steuer­rechtlern sind es 25 Prozent, bei den Sozial­rechtlern nur 12 Prozent). Düstere Aussichten also? Der zweite Blick zeigt, dass es auch in der Krise Gewinner gibt. „Wir haben Mandate, wir wachsen und wir suchen“, sagt ein Erbrechtler, der seinen Schwer­punkt nicht in gericht­lichen Ausein­an­der­set­zungen, sondern in der vorsor­genden Rechts­be­ratung hat. Die Erbschafts­steu­er­re­formhabe bei vielenMan­danten Problem­be­wusstsein geschaffen. Die zweite gute Nachricht: Die Umfrage belegt nicht, dass es beim Einstiegs­gehalt einen Krisen­ab­schlag gibt. Es bleibt beim Grundsatz: Wer überhaupt einstellt, zahlt auch ordentlich. „Wir wollen gute Bewerber, die sich bei uns wohl fühlen“, sagt ein Steuer­rechtler, der sich auf Steuersünder spezia­li­siert- hat. Die Gehälter der Großkanzleien könne seine Kanzlei zwar nicht bieten, aber das Gehalt solle schon motivieren. Gut aufge­stellte Anwälte gibt es auch im Sozial­recht, auch jenseits der selbst für Großkanzleien attrak­tiven Superfälle. Aller­dings werden häufig keine angestellten Anwälte gesucht: „Ich biete einem Anwalt die Chance, mit mir eine Bürogemein­schaft zu bilden“, sagt ein Sozial­rechtler, der als Einzelanwalt eine durchaus typische Mandatss­truktur hat. Rund drei Viertel seiner Mandanten sind Privat­per­sonen. Die weniger lukra­tiven Fälle würde er abgeben, das wirtschaft­liche Risiko müsse der Neue aber alleine tragen. Das Beispiel belegt: Gerade im Sozial- und Erbrecht wollen nur 50 Prozent der befragten Kanzleien die Anwältin, den Anwalt fest anstellen. Nur im Steuer­recht dominiert das klassische Anstel­lungsverhältnis.Neuer Trend: Die Praxis zählt immer stärker Das Doppelprädikat aus erstemund zweitemStaats­examen zählt vor allembei den befragten Kanzleien imSteu­er­recht (12,8 Prozent ist es „sehr wichtig“, 41 Prozent „wichtig“) und im Erbrecht (10 Prozent „sehr wichtig“, 37,7 Prozent „wichtig“). Bei 40 Prozent der Kanzleien brauchen sich Kandi­daten mit „ausrei­chend“ auch gar nicht erst bewerben (imSozi­al­recht ist das nur bei einemViertel der Kanzleien ein K.o.-Kriterium). Zugleich zeigen die Ergeb­nisse der Umfrage, dass die Kanzleien immer stärker auf praktische Erfah­rungen schauen. Ein abgeschlos­sener Fachan­walts­lehrgang ist bei fast 60 Prozent der imSozi­al­recht befragten Kanzleien „sehr wichtig“ oder „wichtig“. „Sozial­recht lernt man nicht an der Uni.Wer 120 Theorie-Stunden in den Fachanwalt inves­tiert,meint es ernst“, sagt ein Anwalt. Im Steuer­recht ist der Kursus immerhin noch 43 Prozent, im Erbrecht 36 Prozent der Kanzleien „sehr wichtig“ oder „wichtig“. Dazu passt: Eine einschlägige Station imRefe­ren­dariat fördert die Bewerbung und auch die DAV-Anwalt­aus­bildung erhöht die Chancen. Rund ein Drittel der befragten Kanzleien stuft sie als „wichtig“ ein. „Ich will Kandi­daten, die wirklich Anwalt werden wollen“, sagt ein Erbrechtler. Und die Klassiker Fremd­sprachen und Doktor­titel? Im Steuer­recht halten 72 Prozent der Kanzleien Fremd­sprachen für „sehr wichtig“ oder „wichtig“ – fast ein Drittel schätzen Ausland­ser­fahrung (im Sozial­recht liegt derWert bei 14,3 Prozent und im Erbrecht nur bei 10 Prozent). Der Doktor ist dagegen im Erbrecht rund einem Drittel der befragten Kanzleien „sehr wichtig“ oder „wichtig“, während derWert für das Steuer­recht bei 23 Prozent und im Sozial­recht bei 11 Prozent liegt. Kein Karrie­re­be­schleu­niger ist dagegen der LL.M. Auffällig bei der sechsten Umfrage: In allen drei Rechts­ge­bieten achten die Kanzleien ausdrücklich auf „soziale Kompetenz“.Was das heißt? „Ich erwarte Verständnis für Probleme von Sozial­hil­feempfängern“, sagt eine Sozial­recht­lerin. Persönlichkeit, unter­neh­me­rische Eigen­schaften und die Fähigkeit, auf Dritte zuzugehen, sind hoch im Kurs.Aufschläge für gute Kandi­daten Die sechste Umfrage zeigt, dass die Ansprüche der Kanzleien steigen. Gilt das auch für die Einstiegsgehälter? Im Erbrecht und im Steuer­recht ja, im Sozial­recht können und wollen nur die Spitzen­kanz­leien einen Aufschlag zahlen. Honoriert werden von einem Drittel der Kanzleien neben guten Noten vor allem der Fachan­walts­kursus. Aufschläge von 10 bis 20 Prozent kommen vor. Doch Vorsicht: Gerade im Steuer­recht und Sozial­recht arbeiten rund 45 Prozent der Kanzleien mit Prämien und Umsatz­be­tei­li­gungen (bei den Erbrechtlern sind es fast 40 Prozent). Ein Steuer­rechtler:„Am Ende zählen beim Gehalt nur die harten Fakten.“ Jede Einstellung ist ein unter­neh­me­ri­schesWagnis,das sich am Ende für Kanzlei und Kandidat rechnen muss.

Die Umfrage

Der Einstel­lungs- und Gehälterreport von Anwalts­blatt Karriere in diesem Heft beruht auf einer Umfrage bei mittelständischen Kanzleien, bei Großkanzleien sowie Recherchen der Redaktion. Insgesamt wurden 284 mittelständische und 32 Großkanzleien befragt. Die Überra­schung: Die ansonsten eher diskret im Hinter­grund agierenden Erb- und Steuer­rechtler sprechen offen über die Einstiegsgehälter, während die Sozial­rechtler zwar gerne alle Fragen beant­worten, beim Gehalt aber eher schweigen (siehe dazu die Übersicht auf den Seiten 20 und 23). Die Verwei­ge­rungs­quote lag in allen drei Rechts­ge­bieten bei rund 25 Prozent. Der Wert zeigt, dass die Anwälte im Grundsatz nichts mehr gegen Trans­parenz bei den Einstel­lungsgehältern haben. Die Großkanzleien sind hier Vorreiter gewesen (siehe dazu die Übersicht auf den Seiten 24/25). Die Großkanzleien erhielten einen Frage­bogen. Mit den mittelständischen Kanzleien wurden zwanzigminütige Telefon­in­ter­views geführt. Gesprächspartner waren Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die über einen örtlichen Anwalt­verein Mitglied im Deutschen Anwalt­verein sind. Die Gesprächspartner wurden aus dem Mitglie­der­be­stand der Arbeits­ge­mein­schaften Erbrecht (fast 1.500 Mitglieder), Steuer­recht (mehr als 800 Mitglieder) und Sozial­recht (mehr als 900 Mitglieder) des Deutschen Anwalt­vereins ausgewählt. Es wurden nur Anwälte befragt, die nachhaltig im jewei­ligen Rechts­gebiet tätig sind. Das erklärt, warum in der Umfrage Sozietäten (mehr als 85 Prozent) dominieren. Ausnahme ist wieder das Sozial­recht: Hier waren ein Viertel der Befragten als Einzelanwälte (überwiegend in Bürogemein­schaft mit anderen Anwälten) tätig. Rund 80 Prozent der befragten Anwälte war länger als zehn Jahre (viele länger als 20 Jahre) zugelassen. Die Ergeb­nisse der Umfrage wurden durch Recherchen der Redaktion bei Anwältinnen und Anwälten überprüft, die in örtlichen Anwalt­ver­einen, in den Landesverbänden,den Arbeits­ge­mein­schaften oder im Vorstand des Deutschen Anwalt­vereins aktiv sind.

Was bieten Großkanzleien?
Der gesamte Beitrag aus Anwalts­blatt Karriere 2/2009